Programm zu "dichter leben"

Heimat ist nicht nur ein Wort, sondern ein starkes Gefühl
Musikalische Lesung über jüdische Autoren

Wie gehen Autoren mit dem Verlust ihrer Heimat um? Welche Auswirkungen hat ein neuer Kulturraum auf ihre Sprache? Anhand von jüdischen Autoren aus den vergangenen 300 Jahren gibt sich die Alsbacher Schriftstellerin Barbara Zeizinger auf die Spuren von Emigration. Neben eigenen Texten mit biografischem Hintergrund, stehen die Emigrationserfahrungen jüdischer Autoren im Vordergrund des Abends. Umrahmt wird die musikalische Lesung von der Geigerin Cornelia Lehr mit Stücken aus der Klassik, des Klezmer und improvisierten Elementen. Veranstaltet wird „dichter leben“ vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge am Dienstag, den 28. Oktober 2008 um 19.30 Uhr im Zwingenberger Alten Amtsgericht.
Barbara Zeizinger wird Autoren aus verschiedenen Jahrhunderten vorstellen. „Die Verbindung zwischen den Texten und der Person, zwischen Biographie und Dichtung, hat mich besonders fasziniert“, berichtet sie. „Dabei hat mich die Humanität und Feinfühligkeit beeindruckt, mit der Menschen in oft dramatischen Situationen ihr Leben in Worte fassen.“ Zeizinger wird kurz auf die Autoren, deren Biographie und auf das geschichtliche Umfeld der Texte eingehen. Schriftsteller wie Heinrich Heine, Rose Ausländer, Peter Weiss bis hin zu Hilde Domin werden zu Wort kommen. In manchen Texten klingt auch die Rückkehr nach Deutschland an: „Ich stand auf und ging heim in das Wort, von wo ich unvertreibbar bin“, so ein Zitat von Hilde Domin. Übrigens geht der Nachname der Dichterin auf den Ort ihrer Emigration zurück: die Dominikanische Republik. „Gerade bei Gedichten imponiert es mir sehr, wie in wenigen Worten eine ganze Geschichte erzählt wird“, betont Barbara Zeizinger.
„Nicht alle Autoren haben ihre Religion gepflegt, einige sind gar konvertiert“, berichtet Zeizinger. Ein zentrales Beispiel dafür ist Rachel Varnhagen, die Tochter eines bekannten jüdischen Kaufmanns. Sie konvertierte und unterhielt zwischen 1790 bis 1806 einen der bekanntesten literarischen Salons in Berlin. „Eine wunderbare Schriftstellerin und eine starke, spannende Frau deren Texte den Zeitgeist und ihre persönliche Situation eindrucksvoll widerspiegeln“, so Zeizinger.

i „dichter leben“ – Musikalische Lesung über jüdische Autoren
Mit Barbara Zeizinger und Cornelia Lehr (Geige)
Dienstag, 28. Oktober 2008, 19:30 Uhr - Altes Amtsgericht, Obertor 1, Zwingenberg
Veranstalter: Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 31. Oktober 2008

Arbeitskreis Synagoge:
Interessante Lesung mit der Autorin Barbara Zeizinger
Jüdischen Dichtern auf der Spur

Zwingenberg. "Und eine große Blüte stieg / leuchtend blaß / aus meinem Herzen" schrieb die Lyrikerin Hilde Domin (1912 bis 2006) im Jahre 1951. Mehr als 100 Jahre zuvor brachte Heinrich Heine (1797 bis 1856) zu Papier: "Sie saßen und tranken am Teetisch / und sprachen von Liebe viel / ...".
Was die beiden Autoren untereinander, und mit vielen weiteren eint, was sie unterscheidet, war Thema einer musikalischen Lesung über jüdische Autoren. Auf Einladung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge sprach die Alsbacher Schriftstellerin Barbara Zeizinger zum Thema "dichter leben - Biografie und Literatur" im Alten Amtsgericht.
Ein Schwerpunkt galt dem Heimat-Begriff - wie gehen Autoren mit dem Verlust von Heimat um? Welche Auswirkungen hat ein neuer Kulturraum auf ihre Sprache? Klingt eine Rückkehr, eine Sehnsucht nach Deutschland an? Hilde Domin beispielsweise schrieb dazu: "Ich stand auf und ging heim in das Wort, von wo ich unvertreibbar bin." Anhand von jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus den vergangenen 300 Jahren begab sich Barbara Zeizinger auf die Spuren von Emigration und deren Folgen.
Von romantisch bis ironisch
Den Anfang machte Heinrich Heine, welcher schon zu Lebzeiten und darüber hinaus, für lebhafte Diskussionen sorgte, ist doch sein umfangreiches Gesamtwerk mal romantisch, dann ironisch, mal politisch-streitbar.
Nicht das weltberühmte "Buch der Lieder", dessen 13. Auflage Heine selbst noch erlebte, begründete seinen frühen literarischen Ruhm, sondern seine "Reisebilder". Dennoch blieb Heine nicht nur als Schriftsteller ein Außenseiter. Vor der deutschen Zensur nach Frankreich geflohen, blieb er dort "der Deutsche" - und in Deutschland "der Jude".
Auch Rahel Varnhagen (1771 bis 1833) fühlte sich als "zweifach falsch Geborene" - als Frau und noch als Jüdin. Zwei Mal versuchte sie, den vermeintlichen "Makel" ihrer Geburt durch Liebesbeziehungen zu Adligen zu nobilisieren; zwei Mal wurde sie verlassen.
Erst als sie über 40 war, heiratete sie, konvertierte zum Christentum - und blieb im Innern doch stets die Jüdin, die sie hinter sich lassen wollte. "Eine wunderbare Schriftstellerin und eine starke, spannende Frau, deren Texte den Zeitgeist und ihre persönliche Situation eindrucksvoll wiederspiegeln", so Zeizinger über die Tochter eines jüdischen Kaufmanns.
Mit Zitaten, Gedichten und Fakten zum jeweiligen Lebenshintergrund stellte Barbara Zeizinger neben Varnhagen, Heine und Domin auch Rose Ausländer (1901 bis 1988), Selma Meerbaum-Eisinger (1924 bis 1942) und Peter Weiss (1916 bis 1982) vor. Viele weitere jüdische Autoren fanden im Laufe des Abends ebenfalls Erwähnung: von Franz Kafka über Walter Benjamin hin zu Kurt Tucholsky.
Auszüge aus eigenen Werken
Dazwischen las Zeizinger immer wieder aus eigenen, biographisch gefärbten Werken, zum Beispiel "Koordinaten", "Janis" oder "Als ich im Meer spazieren ging". Die Schriftstellerin, die seit über 20 Jahren in Alsbach lebt, schreibt Lyrik, Prosa und Reiseimpressionen. In ihrem jüngsten Werk verarbeitete sie ihre Erfahrungen auf Kuba.
Eine gelungene Ergänzung fand die Lesung in der musikalischen Begleitung durch Cornelia Lehr, die Geigen-Stücke von Rheinberger, Svendsen und Bartok interpretierte. Ein Büchertisch, der über die Werke Barbara Zeizingers, aber auch über Veröffentlichungen des Synagogenvereins informierte, rundete den gelungenen, informativen Lesungsabend stimmig ab. els

Bergsträßer Anzeiger
31. Oktober 2008


PROGRAMM
Lesung: Barbara Zeizinger, Musik Cornelia Lehr

Barbara Zeizinger
Schmierpapier
Jüdische Autoren
Begrüßung durch Dr. Fritz Kilthau / Vorstellung der Vortragenden durch Dr. Claudia Becker
Rahel Varnhagen
Biographisches
Brief an Karl Finkenstein
Barbara Zeizinger
Als ich im Meer spazieren ging
Musik: Sizilienne
Heinrich Heine zwischen Romantik und Revolution
Gekommen ist der Maie
Biographisches
Mein Herz, mein Herz ist traurig
Musik: Sizilienne
Heine als Ironiker:
Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Sie saßen und tranken am Teetisch
Heine als politischer Dichter
Bei des Nachtwächters Ankunft zu Paris
Musik: Sizilienne
Barbara Zeizinger
bildort
Rose Ausländer
Mutterland
Biographie
Sprache
Bukowina
Rad
Utopia
PAUSE
Barbara Zeizinger
Koordinaten
Selma Meerbaum-Eisinger
Biographisches
Schlaflied für mich
Tragik, dazu
Barbara Zeizinger
Besuch
Peter Weiss
Biographisches
Fluchtpunkt
Musik: Svendsen
Barbara Zeizinger
Janis
Kleine Einführung zu Hilde Domin
Hilde Domin
Landen dürfen
Biographisches
Ich stand auf + Kleine Buchstaben
Ich glaube
Musik: Rumänischer Volkstanz
Hilde Domin

Wie wenig nütze ich bin

zurück

(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.