Bildvortrag von Heribert Pauly

Wirtschaftliche und soziale Lage der deutschen Juden vom 17. bis 20. Jahrhundert
Bildvortrag beim Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge

Waren die Juden, die früher in Deutschland lebten, alle reich, wie manche heute meinen? Oder war die Mehrheit der Juden eher arm und keine Oppenheimers und Rothschilds?
In einem ausführlichen Bildvortrag beim Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge wird der frühere Studiendirektor Heribert Pauly, Jugenheim, am Dienstag, 26. August 2008, dieser Frage nachgehen. Zum einen werden hierbei die von den deutschen Staaten gesetzten rechtlichen Rahmenbedingungen beleuchtet, unter denen die Juden leben mussten. Zum anderen interessieren natürlich aber auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten für die jüdische Bevölkerung, die ja letztlich über Reichtum und Armut und somit ihre soziale Lage entschieden. Hilfreich sind Vergleiche mit der Lage der nichtjüdischen Mehrheitsbevölkerung ebenso wie ein genauer Blick auf wirtschaftliche und soziale Unterschiede innerhalb der Judenschaft. Wichtige Entwicklungen im Laufe der Jahrhunderte werden an Einzelbeispielen – auch aus unserer Region – veranschaulicht. Am Ende steht die wirtschaftliche und physische Vernichtung der deutschen (und europäischen) Juden unter dem Nationalsozialismus.
Im Anschluss an den interessanten Vortrag, zu dem der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V. einlädt, findet die diesjährige öffentliche Jahreshauptversammlung des Vereins statt.

i Bildvortrag „Wirtschaftliche und soziale Lage der deutschen Juden vom 17. bis 20. Jahrhundert“ von Studiendirektor i.R. Heribert Pauly, Jugenheim
Veranstalter: Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.
Dienstag, 26. August 2008, 19:30 Uhr
Pfarrzentrum der katholischen Pfarrgemeinde Zwingenberg, Heidelberger Str. 18


Eigenbericht des Vereins "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V."

Wirtschaftliche und soziale Lage der Juden
Vortrag von Heribert Pauly, Jugenheim, beim Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge

Mehr als 40 Besucher interessierten sich für den Bildvortrag „Wirtschaftliche und soziale Lage der deutschen Juden vom 17. bis 20. Jahrhundert“, zu dem der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge anlässlich seiner Jahreshauptversammlung am 26. August ins katholische Pfarrzentrum eingeladen hatte. Der Referent, Studiendirektor i.R. Heribert Pauly, erläuterte für einzelne Zeitabschnitte die jeweilige rechtliche Stellung der Juden und leitete davon ihre Erwerbsmöglichkeiten und sozialen Situationen ab. So wurde jedem klar, dass die beruflichen Tätigkeiten vieler Juden in Handel und Geldgeschäften nicht von diesen frei gewählt waren, sondern ihnen lediglich als Nischen zu ihrem Überleben blieben. Einige wenige von ihnen brachten es bis zu Finanzberatern und Kreditgebern von Landesfürsten, während die meisten Juden sehr arm blieben. Erst nach drei Anläufen (Revolutionsgesetzgebung 1789-1815, Gesetzgebung von 1848/49 und schließlich die Gesetzgebung der Reichsgründungszeit 1858-1871) bekamen die Juden die gleiche rechtliche Stellung wie die übrigen Deutschen und es eröffnete sich vielen von ihnen die Möglichkeit für eine bessere wirtschaftliche und soziale Position in der Gesellschaft.
Diese sehr klare und logische Darstellung der Geschehnisse wurde von etlichen Besuchern eindeutig kommentiert: „Hätten wir früher einen solchen Geschichtsunterricht gehabt, hätte uns dieses Fach viel mehr interessiert!“
Im Anschluss an den Vortrag berichtete der 1. Vorsitzende des „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge“, Dr. Fritz Kilthau, von den Aktivitäten des Vereins im vergangenen Vereinsjahr. Viele Veranstaltungen wurden angeboten (Vortrag über die Synagogen in Südhessen von Eva Reinhold-Postina, Exotische Kochkurse mit den Zwingenberger Ferienspielkindern, Fahrt zur Gedenkstätte „KZ Osthofen“, eine Reise in die jüdische Märchenwelt mit Regina Haas-Sauer, Vortrag über Auschwitz beim Gedenkgottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde im Januar 2008, Lesung zu Anna Seghers’ Werken und Vortrag über Anna Seghers’ Bergsträßer Vorfahren, Stadtgänge auf den Spuren der NS-Zeit in Zwingenberg). Auch die Aktivitäten des Vereins hinsichtlich seines Ziels, in der Zwingenberger Synagoge langfristig ein „Migrationsmuseum“ zu errichten, wurden dargelegt. Fast 3000 Besuche hatte die Webseite des Vereins www.arbeitskreis-zwingenberger-synagoge.de im April und Mai 2008. Über diese Webseite können auch die diversen Publikationen des Vereins bestellt werden. Außerdem kann man dort auch die „Zwingenberger Erklärung gegen Rechts“ unterzeichnen.
Stadtrat Wolfgang Becker lobte den Verein und besonders den Vorsitzenden für die vielen Aktivitäten, die eine große Bereicherung des Zwingenberger Kulturlebens darstellten.


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 30. August 2008

Arbeitskreis Synagoge: Heribert Pauly über die soziale und wirtschaftliche Lage der deutschen Juden
Große Karrieren endeten durch die "Arisierung" der Nationalsozialisten

Zwingenberg. Der Berliner Handelshauskonzern des jüdischen Kaufmanns Hermann Tietz wird "arisiert" und in "Hertie" umbenannt. Aus der in Köln ansässigen Leonhard Tietz AG wird 1934 die Westdeutsche Kaufhof AG. Zwei Jahre später heißt die Manufaktur der Gebrüder Rothschild in Darmstadt plötzlich "Henschel & Ropertz". Das Bensheimer Konfektionsgeschäft von Anschel Reiling wird von den Familien Blüm und Krämer übernommen.
Die Enteignungswelle der Nazis bildet den Anfang vom Ende, die physische wie wirtschaftliche Vernichtung der Juden in Deutschland. Über den historischen Prolog des Völkermords referierte Heribert Pauly beim Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge: Der ehemalige Studiendirektor aus Jugenheim verfolgte die Entwicklung der deutschen und europäischen Juden über drei Jahrhunderte aus der Perspektive der rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ein präziser und anschaulicher Bildvortrag, der im katholischen Pfarrzentrum von zahlreichen Gästen mit Interesse begleitet wurde.
Pauly begann seine Reise im frühen 17. Jahrhundert, als der jüdischen Bevölkerung jegliche Erwerbs- und Bürgerrechte entzogen waren. Es hing von der Gnade des Landesfürsten ab, ob - gegen Bezahlung - ein beschränktes Aufenthaltsrecht ausgesprochen wurde. Diese so genannten "Schutzjuden" besaßen wenig mehr als das Recht zum Handel, was sich vor allem auf das "unehrbare" Finanzgewerbe (Münzwechsel, Zinsleihe) beschränkte.
Zirka zehn Prozent der damaligen Juden waren um die Jahrhundertwende ohne Schutzbrief und verdingten sich als "Betteljuden", so Heribert Pauly. Nur ein Prozent hatten das Privileg einer höfischen Anstellung, die ihnen volle Bewegungsfreiheit und die Befreiung von Schutzgeldzahlungen ermöglichte. Die Abhängigkeit vom Landesfürsten war auch ihnen nicht genommen.
Im 18. Jahrhundert wächst die Zahl der armen jüdischen Bevölkerung auf nahezu 50 Prozent. Dieser Prozess begründet sich zum Teil durch die verstärkte Einwanderung osteuropäischer Juden in Deutschland. Doch nur wer vermögend ist, darf im Land bleiben.
Mit dem Toleranzedikt von Kaiser Joseph II. (1781-1789) beginnt sich der Wind zu drehen: Der Herrscher schafft die Tragepflicht des Judenzeichens, den gelben Ring, ab und ermöglicht eine freie Berufswahl, um die gesellschaftliche Gleichstellung der Glaubensgemeinschaften zu forcieren. "Am grundlegenden System hatte sich aber wenig verändert", erläutert Heribert Pauly.

Deutschland als späte Nation
Zum Ende der Amtszeit Kaiser Josephs II. sorgt die französische Revolution im Nachbarland für eine Emanzipation der jüdischen Bevölkerung. Während Österreich immerhin einen "Erziehungsprozess" einleitete, erweist sich Deutschland einmal mehr als späte Nation: Viele Sonderregelungen machen die Gleichstellungsbemühungen in der Restauration wieder zunichte. Auch in die Unruhen der Revolution von 1848/49 mischen sich antijüdische Tendenzen.

Gesetze allmählich aufgeweicht
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und während der Zeit der Reichsgründung werden die "Judengesetze" allmählich aufgeweicht. Im Zuge der Industrialisierung nimmt die gesellschaftliche Armut gleichzeitig rapide ab. Interessant ist die Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Um das Jahr 1910 sind etwa 60 Prozent der Juden in Deutschland im Handel und 25 Prozent im Handwerk tätig. Allerdings beträgt der jüdische Bevölkerungsanteil nur zirka ein Prozent.
Ähnlich sind die Verhältnisse im damaligen Zwingenberg. Die berufliche (und staatlich forcierte) Spezialisierung führt dazu, dass Juden in den Branchen Finanzwesen, im Handel und zunehmend auch in freien Berufen tätig sind.
Viele große Karrieren enden mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der 1935 verstorbene jüdische Bankdirektor Franz von Mendelssohn hat die "Arisierung" seines Hauses nicht mehr miterlebt: Drei Jahre später wurde Mendelssohn & Co. von der Deutschen Bank übernommen. tr

Bergsträßer Anzeiger
30. August 2008

Arbeitskreis Synagoge: Hauptversammlung mit klaren Zielen
Konzept für Museum soll forciert werden

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg. Der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge will sein Fernziel nicht aus den Augen verlieren: Die Einrichtung eines "Migrationsmuseums" in den Räumen der ehemaligen Synagoge bleibt die langfristige Perspektive des Vereins. Das teilte Vorsitzender Dr. Fritz Kilthau im Rahmen der jüngsten Hauptversammlung mit.
Es sei für das Vorhaben außerordentlich wichtig, dass die zugesagte Unterstützung der städtischen Gremien in der Bevölkerung bewusst wahrgenommen werde. Gegenwärtig denkt der Vorstand darüber nach, das Museums-Konzept in einer Ausstellung näher zu beleuchten. Im Mai hatten sich Kommunalpolitiker und Stadtverordnetenversammlung parteiübergreifend hinter das ambitionierte Projekt des Arbeitskreises gestellt (wir berichteten). Für die Akteure ein wertvolles Bekenntnis, das künftige Verhandlungen auf eine stabile Basis stellt.
Um die visionäre Natur des Vorhabens schlagen Kilthau und seine Vorstandskollegen allerdings keinen Bogen: An eine Realisierung ist derzeit nicht zu denken. Der Dialog mit dem privaten Besitzer des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ist verstummt, ein Verkauf ist nach wie vor nicht in Sichtweite. Selbst im Falle einer Annäherung würde der finanzielle Rahmen des Projekts (Restauration, Einrichtung) die Kassen sprengen.
Der Arbeitskreis verweist daher auf den ideellen Nutzen des Vorhabens, das an die ehemalige jüdische Gemeinde in Zwingenberg erinnern und gleichsam als Monument kultureller und religiöser Toleranz verstanden werden soll.
Ein langer Atem braucht aktive Mitstreiter: In seinem Jahresbericht betonte Dr. Kilthau, dass der Vorstand auf die tatkräftige Unterstützung seiner Mitglieder angewiesen sei. Derzeit zählt der Verein 36 Köpfe, einer weniger als im Vorjahr. Finanziell steht der AK auf einem soliden Fundament, Kassenführung und Vorstand wurden einstimmig entlastet.
Mit seiner "Zwingenberger Erklärung gegen rechtsextreme Aktionen" hat der Arbeitskreis seit 2005 eine Welle von Solidarisierungsbekundungen ausgelöst. 15 Städte und Gemeinden im Kreisgebiet sind bislang angeschlossen, die vom Zwingenberger Magistrat sowie von Akteuren aus Politik und Kirche unterstützt wird. Mittlerweile hat die Aktion über 140 Unterschriften gesammelt. Mit Alsbach-Hähnlein ist die erste Gemeinde aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg im Boot. Das evangelische Dekanat Bergstraße hat im vergangenen eine Erklärung gegen Intoleranz veröffentlicht. Auf der Internetseite des AK (www.arbeitskreis-zwingenberger-synagoge.de) ist ein Eintrag auf der Unterschriftenliste möglich.
Im vereinten Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Rassismus ist der Arbeitskreis eng mit regionalen und bundesweiten Vereinen und Institutionen verzahnt. Im Januar haben die Zwingenberger bei einer Kundgebung gegen Faschismus und rechte Wahlkampfparolen in Bensheim ihre Stimme erhoben. Der AK war mit einem Informationsstand vertreten.
Zu den weiteren Aktivitäten im Berichtsjahr zählten die Teilnahme an den Zwingenberger Ferienspielen, ein Besuch des Konzentrationslagers Osthofen sowie die Teilnahme an einem Gedenkgottesdienst für die Opfer des NS-Regimes. Die Stadtgänge aus dem Blickwinkel der Nazizeit stoßen weiterhin auf großes Interesse und werden auch von Jugendgruppen und Schulklassen genutzt. In einer zweiten, überarbeiteten Auflage erschienen ist die Broschüre über den Schauspieler Theodor Loos, in der Dr. Fritz Kilthau das Leben des gebürtigen Zwingenbergers nacherzählt.
Im Namen des Magistrats dankte Stadtrat Wolfgang Becker dem Arbeitskreis Syngoge und insbesondere seinem Vorsitzenden Dr. Frotz Kilthau für die erfolgreiche Arbeit des vergangenen Jahres. Ausdrücklich gewürdigt wurden die Aktivitäten auch vom evangelischen Pfarrer Bernhard Dienst und seinem katholischen Kollegen Äneas Opitek, der den Verein im Pfarrzentrum willkommen hieß.

Bergsträßer Anzeiger
30. August 2008

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