NEUE NAMENSTAFEL

Nach langer Zeit wurde es endlich wahr: Die bisherige Gedenktafel im Zwingenberger Rathaushof wurde mit einer Tafel erweitert, die die Namen der hiesigen Opfer des Nationalsozialismus enthält. Am Sonntag, 7. Mai 2006, 11:15 Uhr wurde sie eingeweiht.

Berichte des Bergsträßer Anzeigers vom 29. April 2006

Gedenktafel für NS-Verfolgte jetzt um die Namen der Opfer ergänzt
Offizielle Übergabe am 7. Mai um 11.15 Uhr im Rathaushof / Grußworte von Nachfahren / Irith Gabriely musiziert / Mit Spenden ein sichtbares Zeichen setzen

Zwingenberg. Die Namensergänzung der Gedenktafel, mit der am Rathaus an die Zwingenberger Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten erinnert wird, ist installiert. Am 7. Mai (Sonntag) um 11.15 Uhr wird das von Professor Manfred Kieselbach (Mannheim) geschaffene Bronzewerk offiziell übergeben. Dazu lädt die Stadt Zwingenberg nicht nur die Kommunalpolitiker ein, auf deren Beschluss die Namensergänzung zurückgeht, sondern ausdrücklich alle Bürger der Stadt.

Im Vorfeld der Einweihung in einer Woche hatte Bürgermeister Dieter Kullak gemeinsam mit Dr. Fritz Kilthau, dem Vorsitzenden des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge und Autor des Buches "Mitten unter uns - Zwingenberg von 1933 bis 1945", zu einem Pressegespräch eingeladen, um vor allem eines zu tun: Nämlich um für eine möglichst breite Akzeptanz für die Namensergänzung zur NS-Opfer-Gedenktafel zu werben.

Kullak und Kilthau erinnerten an die Historie der Idee, den örtlichen Opfern des Nazi-Terrors endlich ein Gesicht zu geben, indem in direkter Nachbarschaft zu der in den siebziger Jahren ebenfalls von Professor Kieselbach entworfenen Tafel nun auch die Namen der Verfolgten genannt werden. Der Entwurf einer weiteren Bronzeplatte im Stile der vorhandenen war der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Kommunalpolitiker vor geraumer Zeit einigen konnten.

Die ursprüngliche - politische - Initiative war von der Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie (GUD) ausgegangen. Wie Dr. Fritz Kilthau erläuterte, hatten Akteure der Zwingenberger "Grünen" im Jahr 2003 bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge die Idee aufgegriffen, nicht nur einfach pauschal an die NS-Opfer zu erinnern, sondern gegen das Vergessen der Gräueltaten durch die Nennung konkreter Namen anzugehen. Die GUD hatte seinerzeit einen Antrag in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht, wonach sich die Kommune der "Stolperstein"-Initiative des Kölner Künstlers Gunter Demnig anschließen sollte.

Der verlegt im öffentlichen Raum - meist auf Bürgersteigen vor den Häusern, in denen von der Nazi-Diktatur verfolgte Menschen lebten - entsprechende Erinnerungssteine im Pflaster. Dagegen allerdings regte sich in Zwingenberg Widerstand: Mit Rücksicht auf die heutigen Bewohner der in Frage kommenden Anwesen, aber auch in Sorge darum, man trete die Erinnerung an die NS-Opfer im Wortsinn "mit den Füßen", hatte die "Stolperstein"-Idee keine Chance. Kleinster gemeinsamer Nenner war dann die Namensergänzung der Gedenktafel.

Die Stadt stellte 11 500 Euro zur Verfügung, um das Projekt zu finanzieren. In dieser Woche nun warben Bürgermeister Dieter Kullak und AK-Synagoge-Vorsitzender Dr. Kilthau auch um Spenden für die zusätzliche Bronzetafel - aber nicht in erster Linie des Geldes wegen, wie beide glaubhaft beteuerten: "Wenn wir eine möglichst umfassende Liste mit Menschen zusammen bekommen würden, die sich mit wie auch immer gearteten Beträgen an der Finanzierung der Tafel beteiligt haben, hätte das eine Signalwirkung nach außen", hofft Kilthau, dessen Verein die Beträge entgegennehmen und die erforderlichen Spendenquittungen ausstellen wird. Mittels der Spenden könnten Zwingenberger Bürger, aber auch die Kirchen und Vereine oder Unternehmen, ihrer ideellen Unterstützung für das Projekt auch einen äußeren Ausdruck verleihen, so die Hoffnung von Kilthau und Kullak.

Die in der Konzeptionsphase geäußerte Sorge, man müsse auch Rücksicht auf die Nachfahren der Opfer nehmen, die mit der Idee einer Namensnennung vielleicht gar nicht einverstanden sein könnten, kann Dr. Kilthau übrigens widerlegen: Claude Abraham, Enkel der verfolgten jüdischen Familie Wachenheimer, sowie Professor Joan Haar, Enkelin der ebenfalls verfolgten jüdischen Familie Schack, haben angesichts der offiziellen Einweihung der Namensergänzung bereits Grußworte geschickt, in denen sie die Idee loben. Sie sollen bei der Übergabe am 7. Mai verlesen werden.

Wie Bürgermeister Dieter Kullak erläuterte, soll es sich um eine "schlichte Feierstunde" ab 11.15 Uhr im Rathaushof handeln, bei der er, die neue Stadtverordnetenvorsteherin Birgit Heitland und AK-Vorsitzender Dr. Fritz Kilthau sprechen werden. Die musikalische Gestaltung liegt in den Händen der renommierten Interpretin Irith Gabriely, die jüdische Musik zwischen Klassik, Jazz und Klezmer intoniert. Mik

Info
Spenden für die Namensergänzung der Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur werden auf das Konto 3034071 des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge e.V. bei der Sparkasse Bensheim (Bankleitzahl: 50950068) unter Angabe des Stichworts "Gedenktafel" erbeten. Bitte auf dem Überweisungsträger den vollen Namen und die Adresse angeben, falls eine Spendenquittung erwünscht wird. Auch kleine Beträge sind wichtige Beiträge.

© Bergsträßer Anzeiger - 29.04.2006

Mittelfristig auch "Stolpersteine"?
Dr. Fritz Kilthau verweist auf das gute Beispiel Darmstadts

Zwingenberg. Die Stadt Darmstadt macht es vor, Zwingenberg macht es - so hofft Dr. Fritz Kilthau - hoffentlich nach. Die Rede ist von der "Stolperstein"-Initiative, mit der in Darmstadt auch an einen Zwingenberger erinnert wird. Wie die "Frankfurter Rundschau" in einer ihrer jüngsten Ausgaben unter der Überschrift "Stolperstein erinnert an Sally David" berichtete, verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig in Darmstadt 110 "Stolpersteine" mit den Namen von Deportierten und Ermordeten. Den Anfang machte die Stadt im April 2005 mit der Stiftung von zehn Steinen.

Kilthau, Vorsitzender des Zwingenberger Arbeitskreises Synagoge und Autor des Buches "Mitten unter uns - Zwingenberg in den Jahren von 1933 bis 1945", war die Überschrift "Stolperstein erinnert an Sally David" gleich aufgefallen - sollte damit etwa der einst in Zwingenberg lebende Jude Sally David gemeint sein? Eine Recherche bei der Stadt Darmstadt belegte: Es handelt sich um den so genannten "Öl-Jud", der an der Alsbacher Straße mit Fetten, Ölen und Bindegarnen handelte. Er siedelte 1938 nach Darmstadt um, wurde dort von der "Gestapo" ("Geheimen Staatspolizei") verhaftet und beging am 15. Juli 1940 Selbstmord. Heute erinnert an ihn ein "Stolperstein" - aber eben nicht in seiner ursprünglichen Heimat Zwingenberg, sondern in Darmstadt.

Mit der Ergänzung der Gedenktafel für die Opfer des NS-Regimes um die Namen der Verfolgten ist nach Angaben von Dr. Kilthau ein wichtiger Schritt getan worden - doch nach wie vor hofft Kilthau auch darauf, dass es mittelfristig eine tragfähige politische Mehrheit geben wird, um auf den kleinsten gemeinsamen Nenner noch einmal aufsatteln, also die "Stolpersteine" verlegen zu können.

Einstweilen bezeichnet Kilthau die Namensergänzung als "wunderbare Idee" und wird nun die Namensliste, die der AK Synagoge seit Jahren in seinem Vereinsinfokasten am Rathaus veröffentlicht, entfernen: "Die braucht es dort ja nun nicht mehr." mik

© Bergsträßer Anzeiger - 29.04.2006

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Berichte des Bergsträßer Anzeigers vom 9. Mai 2006

Den Opfern ein Gesicht gegeben
17 Namen erinnern an Schicksale von Zwingenberger Bürgern während des NS-Regimes

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg. Der Name ist ein Stück des Seins, die Zahl beschreibt das Ausmaß einer anonymen Masse. Mit der neuen Gedenktafel am Rathaus wurde den Zwingenberger NS-Opfern ein Gesicht gegeben. Die Namen verweisen auf Lebensgeschichten mitten in der Stadt und die Geschichte ihrer Verfolgung, so Dr. Fritz Kilthau bei der offiziellen Einweihung. "Ich hoffe, dass sich die Bürger jetzt fragen werden: Wer waren diese Menschen? Wo lebten sie und wie kamen sie zu Tode?"

Es war eine schlichte und berührende Feierstunde, die am Sonntag im Rathaushof stattgefunden hat. Nach einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer wurde die zweite Tafel enthüllt, die eine wichtige Ergänzung enthält: Auf dem von Bildhauer Prof. Manfred Kieselbach entworfenen Bronzewerk sind die Namen von 17 ehemaligen Zwingenberger Bürgern zu lesen, deren trauriges Schicksal in wenigen Worten zusammengefasst wird: "In den Tod getrieben, im Exil gelitten und gestorben, in Konzentrationslager deportiert und dort um ihr Leben gebracht."

Kieselbach hatte bereits die erste Gedenktafel gestaltet, die seit 16. Dezember 1984 an die Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der zumeist jüdischen Zwingenberger Bürger erinnert. Unter der alten Tafel wurde der Zusatz "Nie wieder!" angebracht.

"Die Feierstunde ist erneut ein Rückblick in die Vergangenheit und an die schrecklichen Ereignisse, die mitten unter uns in Zwingenberg geschahen", so Bürgermeister Dieter Kullak in seiner Ansprache. Die Veranstaltung wurde bewusst für alle Menschen geöffnet, um eine breite Akzeptanz ohne kommunalpolitische Exklusivität zu erreichen.

Kullak: "Die Tafel rüttelt uns wach und verdeutlicht das grausame und menschenverachtende einzelne Schicksal." Durch seine in der NS-Zeit aufgeladene moralische Schuld müsse das deutsche Volk jegliches Unrecht gegen die Menschlichkeit verhindern - "Rechtsextremismus und Ausländerhass dürfen wir bei uns nicht aufkommen lassen", so Kullak weiter.

Stadtverordnetenvorsteherin Birgit Heitland betonte eine "Verantwortung für die Bewahrung der Erinnerung". Die Gedenktafel sei dafür ein äußeres Zeichen, das sowohl als Mahnung wie Verpflichtung für die Nachkommenschaft zu verstehen sei. Ungeachtet der politischen Couleur verurteile die Stadtverordnetenversammlung und mit ihr sämtliche Parteien jegliches Unrecht, das Menschen im Namen der Politik zugefügt wurde und noch immer wird.

Dr. Fritz Kilthau, Vorsitzender des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge und Autor des lokalspezifisch wegweisenden Buches "Mitten unter uns", skizzierte einige der persönlichen Schicksale Zwingenberger Bürger: Etwa von den verfolgten Geschäftsleuten Clara und Sally David oder Clara Gutmann, die wie Franziska Mainzer im KZ Theresienstadt umgebracht wurde. Oder von der Familie Wachenheimer, deren Mitglieder auf der Flucht vor den Nazis starben oder nach Auschwitz deportiert wurden. Spurlos verschwunden sind Clara und Jakob Wolf, die vermutlich in Auschwitz ums Leben kamen. "Wenn ich in letzter Zeit mit den Nachfahren der Opfer gesprochen habe, wurde ich oftmals gefragt: Wann kommt die Namenstafel?" - Dr. Fritz Kilthau betonte, dass die namentliche Konkretisierung der Zwingenberger NS-Opfer sehr im Sinne ihrer verbliebenen Angehörigen sei.

Der ursprüngliche, politische Anstoß der Namensnennung ging von der Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie (GUD) aus, die 2003 einen entsprechenden Antrag im Stadtparlament vorgebracht hatten. Kilthaus Arbeitskreis hat die Idee aufgegriffen und gemeinsam mit dem Magistrat die Erstellung einer zusätzlichen Bronzetafel auf den Weg gebracht. Die Stadt stellte 11 500 Euro zur Verfügung. Den Initiatoren war und ist es dabei besonders wichtig, die ideelle Unterstützung der Zwingenberger Bürger zu genießen.

Die wunderschöne musikalische Umrahmung der Gedenkstunde übernahm die renommierte Klarinettistin Irith Gabriely mit traditionellen jüdischen Melodien sowie klassischen Werken von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

© Bergsträßer Anzeiger - 09.05.2006

"Nie wieder"
Nachfahren begrüßen die Ergänzung der Gedenktafel

Zwingenberg. Hans Gärtner lebte in der Obergasse Nummer 3, wo er ein Friseursalon hatte. Er war bekennender Zeuge Jehovas und wurde im April 1935 wegen "Betätigung im Sinne der aufgelösten Bibelforscher-Vereinigung" in so genannte Schutzhaft genommen. Nach weitern Festnahmen wure Gärtner von Zwingenberger NSDAP-Funktionären verhaftet, weil er den Hitlergruß mit "Grüß Gott" erwidert hatte. Am 26. April 1940 verhungerte er - 34 Jahre alt - im Konzentrationslager Dachau. Sein Sohn, Hans Gärtner, war am Sonntag bei der Gedenkfeier im Rathaushof anwesend.

Unter den Gästen war auch Lotte Dukamp, die Halbschwester von Prof. Dr. Joan Haahr, der Enkelin von Martha und Moritz Schack. Die beiden letzten in Zwingenberg lebenden Juden zogen 1939 nach Frankfurt, nachdem Moritz Schack die Synagoge verkaufen musste. Ihre Wohnung in der Obergasse 3 wurde in der Reichspogromnacht 1938 von Nazis verwüstet. Martha Schack starb vermutlich durch eigene Hand am 9. August 1941. Moritz Schack wurde im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert.

In einem Grußwort schreibt Prof. Dr. Joan Haahr, eine Großnichte von Clara und Jakob Wolf (Obergasse 5), unter anderem: "Ich versuche, mir vorzustellen, was meine Großeltern, meine Großtante und mein Großonkel sagen würden, wenn sie von dem heutigen Tag erfahren würden. Ich vermute, sie würden einfach nicht glauben, dass dies wahr ist. Ich bin denjenigen dankbar, die für diesen Moment gekämpft haben. Es ist ein gewisser Trost, dass eine neue Generation von Zwingenbergern offensichtlich gleichfalls Anteil nimmt , wie diese neue Gedenkstätte bezeugt."

Ein weiteres Grußwort erhielt Dr. Fritz Kilthau von Prof. Claude Abraham, dem Sohn von Johanna Abraham, geborene Wachenheimer, und dem Enkel von Clothilde und Heinrich Wachenheimer aus der Pfarrgasse 1. Abraham lobt die Entscheidung der Stadt Zwingenberg, den Opfern des NS-Regimes namentlich zu gedenken. "Zahlen sind lediglich Statistik, nur die individuelle Person kann ein tragisches Schicksal erleiden. Indem die Opfer benannt werden, macht man dieses Denkmal daher zu einem Zeugnis menschlicher Tragödie. Damit alle, die es sehen, sagen können: Nie wieder!" tr

© Bergsträßer Anzeiger - 09.05.2006

Rede von Frau Birgit Heitland, Stadtverordnetenvorsteherin von Zwingenberg

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Namen der Stadt Zwingenberg, insbesondere auch der Stadtverordnetenversammlung begrüße ich Sie sehr herzlich zur offiziellen Übergabe der Gedenktafel, die mit einer Namensergänzung der Mitbürger gedenkt, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden. Ich danke Ihnen, dass Sie mit Ihrer Anwesenheit dieser Gedenkstunde besondere Bedeutung beimessen.

Besondere Grüße möchte ich einigen Ehrengästen zukommen lassen :

- Herrn Dr. Fritz Kilthau, Vorsitzender des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge und Autor des Buches „Mitten unter uns Zwingenberg von 1933-1945“
- Herrn Heinz Frassine vom Auerbacher Synagogenverein
- Frau Lotte Dukamp und Herr Wilhelm Sauter, Halbschwester von Frau Prof. Joan Haahr - Frau Prof. Haahr ist die Enkelin der verfolgten Eheleute Martha und Moritz Schack
- Herrn Professor Manfred Kieselbach, der uns sowohl als Künstler als auch als renommierter Kunstwissenschaftler aus Mannheim bekannt ist
- Frau Dekanin Ulrike Scherf
- Herrn Pfarrer Dr. Klock von der katholischen Gemeinde Zwingenberg
- Die musikalische Umrahmung obliegt der Künstlerin Frau Irith Gabriely, die jüdische Musik zwischen Klassik, Jazz und Klezmer intoniert
- Herrn Klingler von der Stadt Bensheim
- Herrn Bürgermeister Kullak, die Mitglieder des Magistrats; hier stellvertretend Frau 1. Stadträtin Annelore Knecht sowie die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung

Ihnen allen herzlichen Dank für Ihr Kommen.
Entschuldigen mussten sich leider:

- Herr Moritz Neumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und auch Vorsitzender des Landesverbandes Hessen
- Ehrenbürgermeister Kurt Knapp, Ehrenvorstandsmitglied im Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge aus Gründen, die unaufschiebbar sind, stellvertretend darf ich seine Ehefrau Waltraut Knapp begrüßen.

Im Juli des vergangenen Jahres hat die Stadtverordnetenversammlung entschieden, die vorhandene Gedenktafel, die im Jahre 1984 hier angebracht wurde, mit Namensergänzungen zu erweitern. Diesem Beschluss ging eine sensible Diskussion und Entscheidungsfindung voraus.
Die Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie hatte die Namensnennung der Opfer offiziell vorgeschlagen und die Idee, die bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge entstand, in die politische Entscheidungsfindung eingebracht. Hiernach sollte eine Initiative des Kölner Künstlers Gunter Demnig aufgegriffen und sogenannte Stolpersteine auf öffentlichen Flächen und vor den Häusern, in denen die von der NS Diktatur verfolgten Menschen lebten, als Erinnerung verlegt werden.
Innerhalb der städtischen Gremien fand sich nicht sofort eine Mehrheit für diesen Vorschlag. So hatte man beispielsweise Bedenken, die heutigen Bewohner der betroffenen Häuser könnten in den Geruch geraten sich am Besitz deportierter Menschen bereichert zu haben und auch die Vorstellung auf einen Gedenkstein mit Füßen zu treten, verbreitete eher Unbehagen.

Die Stadtverordnetenversammlung verwies den Antrag zunächst in die Fachausschüsse. Eingebunden in die Entscheidungsfindung waren der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge mit Herrn Dr. Kilthau sowie der Geschichtsverein in Zwingenberg. Aus den Reihen der städtischen Gremien trugen die Kommission für Kunst und Kultur , in der auch bekannte Zwingenberger Künstler mitarbeiten, sowie der Sozial- Kultur- und Sportausschuss zur Entscheidungsfindung bei.
Die bereits vorhandene Tafel trägt die Worte:
Die Bürger der Stadt Zwingenberg gedenken der Verfolgung ihrer jüdischen Mitbürger und derer, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden.
Diese Tafel, gestaltet von dem Mannheimer Kunstwissenschaftler Herrn Prof. Kieselbach, wird nun ebenfalls durch seine Hände Arbeit um ein Bronze-Objekt erweitert.
Die Stadt Zwingenberg will auch nach über 60 Jahren nach Beendigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft der Opfer des Nationalsozialismus gedenken und auch Personen, die unter der Verfolgung gelitten haben, namentlich in Erinnerung rufen.
Auf die Namen wird Herr Dr. Kilthau später eingehen.

Wir alle hier, sowie die gesamte Gesellschaft haben die besondere Verantwortung, die Erinnerung an den Holocaust und das Gedenken an die Opfer wach zuhalten. Wir haben die Verantwortung und auch die Pflicht dafür zu sorgen, dass das Ungeheuerliche, was unter einem nationalsozialistischen Regime möglich war, sich niemals wiederholen darf.

Die Erweiterung der Gedenktafel ist für uns, die wir Verantwortung für die Zukunftsgestaltung im 21. Jahrhundert übernommen haben und die wir Verantwortung für die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft tragen, ein äußeres Zeichen dafür, dass wir die Erinnerung wach halten und die unmenschlichen und nicht nachvollziehbaren Gräueltaten als Mahnung und Verpflichtung für unsere Nachkommen ansehen. Mögen auch sie dafür sorgen, dass sich solche Ereignisse niemals wiederholen dürfen.
Abschließend möchte ich deutlich zum Ausdruck bringen: Alle im Stadtparlament vertretenen Fraktionen und Wählergruppen verurteilen auf das schärfste jegliches Unrecht, das Menschen in politischem Namen zugefügt wurde.

Ansprache des Bürgermeisters Dieter Kullak

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir sind zu einer Feierstunde anlässlich der Namensergänzung der Gedenktafel, die hier am Rathaus an die Zwingenberger Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten erinnert, zusammengekommen, um das von Herrn Prof. Kieselbach geschaffene Kunstwerk aus Bronzeguss offiziell zu übergeben und eine Enthüllung vorzunehmen.
Die Feierstunde ist erneut eine Stunde des Rückblickes in die Vergangenheit und an die schrecklichen Ereignisse, die mitten unter uns in Zwingenberg geschahen. Die Geschichten der Juden und der Naziverfolgung darf nicht vergessen werden.
Dieser offizielle Akt mit einer Enthüllung ist bedeutsam und wichtig, um zu dokumentieren, wie wir verantwortlich mit der leidvollen Geschichte aus der Nazizeit umgehen.
Die Gedenkfeier soll auch nicht nur symbolisch mit geladenen Gästen und Kommunalpolitiker durchgeführt werden, sondern möglichst durch Anwesenheit unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen eine breite Akzeptanz für die Namensergänzung der NS-Opfer in der Bevölkerung erreichen. Mit der Teilnahme an der Gedenkstunde beweisen Sie persönlich ihr Bekenntnis und Sie stellen sich der Verantwortung des Nichtsvergessens der Opfer des Naziregimes.

Ich möchte in diesem Zusammenhang wegen der Anbringung der bisherigen Gedenktafel an den Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 08.11.2004 erinnern: „Die Stadtverordnetenversammlung und damit alle in ihr vertretenen Parteien verurteilen aufs schärfste jegliches Unrecht, das Menschen im politischen Namen zugefügt worden ist oder leider noch immer zugefügt wird. Ob von rechts oder von links oder woher auch immer sie kommen könnte, wir alle wenden uns durch diese Tafel für alle Zukunft gegen jedwede Form von Gewalt, die die Würde des Menschen missachtet oder verletzt“.

Stein des Anstoßes in Rollen gebracht hat hinsichtlich der Namensergänzung die GUD -Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie- mit ihrem Antrag vom 26.10.2003 zur Beratung in die Sitzung der Stadtverordnetenversammlung bezüglich des Gedenkens an die Opfer des Naziregimes. Ich zitiere aus dem Antrag wie folgt: „Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen: „An die Zwingenberger Opfer des nationalsozialistischen Regimes soll mit Namen und Todesursache erinnert werden. Der Magistrat wird beauftragt, die vorhandene Gedenktafel für die Opfer des nationalsozialistischen Regimes am Rathaus in Zwingenberg entsprechend zu ergänzen. Es soll darüber hinaus im Kontakt mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig einen Vorschlag erarbeiten, wie dessen Aktion Stolpersteine in Zwingenberg umgesetzt werden können.“„
Die GUD begründete ihren Antrag, dass die Erinnerung am besten dadurch wachgehalten wird, wenn sie mit bestimmten Menschen in Verbindung gebracht wird. Da sich jedoch immer weniger Menschen persönlich an die Zeit des Nationalsozialismus mit ihren Gräueltaten erinnern können, ist es dringend geboten eine andere Möglichkeit zu finden, dieser Menschen zu gedenken, um sie nicht zu vergessen.

Die Möglichkeit dazu ist das Ergänzen der vorhandenen Gedenktafel am Rathaus. Die Stadtverordnetenversammlung hat am 6.11.2003 dem Antrag grundsätzlich entsprochen und ergänzend festgelegt, vor einer Durchführung die Kommission für Kunst und Kultur in Verbindung mit dem Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge und dem Geschichtsverein einzuschalten, um entsprechende Vorschläge dem Sozial-, Kultur- und Sportaussschuss zu unterbreiten und danach eine abschließende Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung herbeizuführen.
Der Entscheidungsprozess bis zu der Erweiterung der Gedenktafel war intensiv und dauerte seine Zeit. Ich möchte deshalb allen, die sich an diesem Entscheidungsprozess beteiligt haben, herzlichen Dank sagen. Es ging hier nicht nur um die künstlerische Gestaltung oder Erarbeitung von Alternativen, sondern wie sich jeder Einzelne, ob Künstler oder Kommunalpolitiker usw. engagiert und der Beitrag zur Erinnerung geleistet wurde.
Besonders hervorheben möchte ich den Arbeitskreis der Zwingenberger Synagoge mit dem Ersten Vorsitzenden Herrn Dr. Fritz Kilthau. Mit dem Buch „Mitten unter uns -Zwingenberg von 1933 bis 1945“ hat er als Autor die persönlichen Schicksale und Leiden der Zwingenberger jüdischen Mitbürger und der Naziverfolgten dokumentiert. Hinter jedem Namen ist eine Leidensgeschichte und das persönliche Schicksal der Verfolgung bis zur Ermordung verbunden.

Nachdem am 8. September 2004 ein Gespräch am Runden Tisch mit Mitgliedern der Kommission für Kunst und Kultur, dem Vorstand des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge sowie der Stadtverordnetenvorsteherin und den Mitgliedern des Magistrats stattgefunden hat und nach Bericht des Magistrats dem SKS die Angelegenheit vorgelegt, wie weiter verfahren werden soll, entstand daraus der Vorschlag einer Erweiterung und Ergänzung der Gedenktafel am Rathaus, um die Namen einschließlich des Aufrufes „Nie wieder“. Herr Dr. Kilthau hat die Namen aller Zwingenberger Opfer des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 und die Umstände der Verfolgung und des Todes geprüft und wird in seiner Rede hierzu weitere Ausführungen machen.
Nach Abstimmung mit dem Bildhauer und Künstler Prof. Kieselbach wurde nach Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung, gemäß Beschluss vom 14.07.2005, der Auftrag zur Erstellung der erweiterten Gedenktafel erteilt. Die Gedenktafel erinnert nunmehr mit Namen an die Toten und Verfolgten und ist ein Mahnmal für uns und alle Mitbürger und jeden Menschen und soll auch unsere nachfolgenden Generationen zum Wachsamsein auffordern.
Bei der bisherigen Tafel heißt es: „Die Bürger der Stadt Zwingenberg gedenken der Verfolgung ihrer jüdischen Bürger und derer, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft diskreminiert, verfolgt und ermordet wurden“. Die Tafel mit den Namen rüttelt uns wach und verdeutlicht das grausame und menschenverachtende einzelne Schicksal. Mit der Beschreibung „In den Tod getrieben, im Exil gelitten und gestorben, in Konzentrationslagern und dort um ihr Leben gebracht“, wird dies uns vor Augen geführt.

Das schreckliche Unrecht und die entsetzlichen Grausamkeiten unter der Hitlerdiktatur haben das deutsche Volk insgesamt in eine tiefe geistliche als auch moralische Schuld gestürzt. Um Unrecht gegen die Menschlichkeit zu verhindern, muss es schon im Keim erstickt werden.
Die Würde des Menschen und seine damit verbundene Freiheit sind das höchste Gut, dass wir zu schützen haben. Rechtsextremismus und Ausländerhass dürfen wir bei uns nicht aufkommen lassen. Wir müssen dem in jeder Hinsicht entgegentreten. Wehret deshalb allen Anfängen. Die Gedenktafel hier am Rathaus soll uns auch daran erinnern.

Rede von Dr. Fritz Kilthau, dem 1. Vorsitzenden des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die bisherige, sehr schön gestaltete Gedenktafel ist nun in einem wichtigen Aspekt ergänzt worden – nämlich mit den Namen der Zwingenberger NS-Opfer. Mit ihren Namen verbunden sind natürlich ihre Lebensgeschichten – die Geschichte ihres Lebens in unserer Stadt und die Geschichte ihrer Verfolgung. Ich hoffe, dass sich jetzt – vor dieser Namenstafel – die Bürger dieser Stadt fragen werden: Wer waren diese Menschen? Wie und wovon lebten sie? In welcher Straße lebten sie? Wer kannte sie und wer waren ihre Freunde? Wohin mussten sie in der NS-Zeit gehen oder wohin brachte man sie? Wo und unter welchen Umständen kamen sie zu Tode?

Clara und Sally David beispielsweise lebten in der Alsbacher Straße 24/26, verkauften Fette, Öl und Bindemittel. Im März 1938 wurde ihr Geschäft aufgelöst, sie zogen nach Darmstadt. Der Verschleppung in ein Konzentrationslager kam Sally David zuvor – er erhängte sich am 15. Juli 1940. Seine Frau Clara wurde vom Güterbahnhof Darmstadt aus nach Piaski-Lublin in Polen deportiert – es gibt keine weiteren Spuren von ihr.

Hugo Fuchs – seine Eltern hatten einen Gemischtwarenhandel am Marktplatz 10 - wurde nach Auschwitz deportiert; sein Bruder Richard Fuchs kam im KZ Lublin ums Leben.

Hans Gärtner war bekennender Zeuge Jehovas - er lebte in der Obergasse 3, wo er auch sein Friseurgeschäft hatte. Nach Bespitzelung und Hausdurchsuchung wurde Hans Gärtner mehrfach zu Gefängnishaft verurteilt. 1937 wurde er wegen Nichterwiderung des sog. Hitler-Grußes erneut verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, wo er am 26. April 1940 verhungerte.

Clara Gutmann wurde 1869 in Zwingenberg als Clara Wachenheimer geboren; sie heiratete Franz Samuel Gutmann aus Herrnsheim bei Worms. Am 27. September 1942 wurde sie – damals schon 73 Jahre alt - mit einem Sammeltransport ins KZ Theresienstadt deportiert, sie starb dort am 5. Oktober 1942.

Franziska Mainzer aus der Obergasse 24 heiratete nach Frankfurt/Main und hieß dann Flörsheimer. Sie starb am 17. Dezember 1942 in Theresienstadt.

Martha und Moritz Schack waren die letzten Juden in Zwingenberg; sie lebten in der Obergasse 3. In der Reichspogromnacht 1938 wurde ihre Wohnung verwüstet; Moritz Schack musste am selben Tag die Zwingenberger Synagoge an Privat verkaufen. Im Juni 1939 zogen sie nach Frankfurt/Main – sie dachten, sie seien dort sicherer. Martha starb – wohl durch eigene Hand – am 9. August 1941. Moritz Schack wurde im Januar 1943 von Frankfurt nach Auschwitz deportiert.

Clothilde und Heinrich Wachenheimer versuchten 1938, den Nazis zu entfliehen; sie verkauften ihr Anwesen in der Pfarrhausgasse 1 und flohen mit Tochter, Johanna, und Schwiegersohn aus Lorsch, Siegmund Abraham nach Frankreich. Clothilde starb 1942 auf der Flucht an einem Herzschlag. Ihre Tochter Johanna Abraham und deren Mann wurden nach Auschwitz deportiert.

Zodik Wachenheimer, der Bruder und Schwager von Clothilde und Heinrich Wachenheimer, wohnte im Zwingenberger Paß und später in der Heidelberger Straße 3. 1937 zog er zu seinem Sohn Ludwig nach Worms; von dort wurde er im Oktober 1940 ins südfranzösische KZ Gurs deportiert. Wenige Tage nach seiner Ankunft, am 9. November 1940, starb er dort an Typhus.

Amanda und Sally Wolf lebten am Marktplatz 12 – sie hatten ein Leder- und Schuhwarengeschäft. 1938 – kurz vor der Verwüstung ihrer Wohnung während der Reichspogromnacht - zogen sie nach Darmstadt. Amanda Wolf wurde ins KZ Piaski / Lublin verschleppt; Sally kam nach Buchenwald, starb dort kurz nach seiner Befreiung 1945.
Ihr Sohn Arnold Wolf wurde auf seiner Flucht in die Schweiz gefangen genommen und nach Auschwitz gebracht.

Schließlich Clara und Jakob Wolf aus der Obergasse 5 - auch ihr Geschäft wurde während der Reichspogromnacht im November 1938 verwüstet. Nach Gefangennahme im KZ Dachau beschlossen sie, nach Paraguay zu emigrieren. Im April 1939 zogen sie nach Frankfurt – und hier verlieren sich ihre Spuren. Es wird vermutet, dass beide in Auschwitz ums Leben kamen.

Insgesamt 17 Personen, die Schreckliches erfahren mussten.
Wenn ich in letzter Zeit mit Nachfahren dieser Opfer sprach, wurde ich oftmals gefragt: Wann kommt die Namenstafel? Die Kinder und Enkel begrüßten sehr, die Namen ihrer geschundeten und getöteten Vorfahren auf einer Tafel am Rathaus veröffentlicht zu wissen.

Zwei dieser Nachfahren haben für den heutigen Tag Grußworte geschickt, die ich Ihnen jetzt vorlesen möchte.
(Es folgt die Verlesung der Grußworte auf Deutsch)

Grußwort von Prof. Claude Abraham
Sohn von Johanna Abraham, geb. Wachenheimer, und Enkel von Clothilde und Heinrich Wachenheimer, Pfarrhausgasse 1, Zwingenberg

I am pleased that the city of Zwingenberg has chosen to memorialize those individuals who, because of their condition or actions, became victims of the Nazi regime. Numbers are merely statistics; only individuals can be tragic figures, and therefore naming the victims makes this monument a witness to human tragedy so that all those who see it can say “Never again”.

Ich freue mich, dass die Stadt Zwingenberg beschlossen hat, denjenigen Personen zu gedenken, die – wegen ihrer Herkunft oder ihres Verhaltens – Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden. Zahlen sind lediglich Statistik; einzig die individuellen Personen können tragische Schicksale erleiden. Indem die Opfer benannt werden, macht man deshalb dieses Denkmal zu einem Zeugnis menschlicher Tragödie, so dass alle, die es sehen, sagen können: „Nie wieder!“

Grußwort von Prof. Dr. Joan S. (für Schack) Gluckauf-Haahr
Enkelin von Martha und Moritz Schack, Obergasse 3, Zwingenberg und Nichte von Clara und Jakob Wolf, Obergasse 5, Zwingenberg

On behalf of the remaining members of the Schack family and their descendants, I would like to thank the Mayor and City Council of Zwingenberg, as well as all of you who fought so hard for the installation of this memorial name-plate. Most of all I want to thank Dr. Fritz Kilthau, whose unflagging efforts to memorialize the murdered Jews of Zwingenberg are the direct cause of this important occasion.

I try to imagine what my grandparents, Moritz and Martha Schack, and my great-aunt and great–uncle, Clara and Jakob Wolf, would say if they could learn of today’s event. I never knew them, but I have often tried to visualize their final years, as the ordinary things of life were taken from them: their jobs and the means of subsistence; in the case of my grandparents, their children (all of whom emigrated early enough to survive); their synagogue – which (as Fritz Kilthau learned) my grandfather was forced to sell; their homes; and, finally, their lives.

What would they say on this occasion? I imagine that they simply could not believe it to be true. Of course, not all their neighbors were among their persecutors. There were indeed those who risked their own lives by secretly placing food at my grandparents’ door when they would otherwise have starved. And I know from my grandparents’ letters, written after their forcible relocation to Frankfurt, how much they all missed the familiar surroundings of home. After all, Martha and Clara had been born in Zwingenberg, as had their ancestors for hundreds of years before them.

But time goes on, and new circumstances succeed the old. Now the Schacks and the Wolfs will forever be remembered in the town in which they spent most of their lives, their names engraved on this plaque and publicly displayed on the Rathaus. I am grateful to those of you who fought to achieve this moment. Yet I cannot help but mourn for the tortured and truncated lives of all those – not just my own family – who are today being remembered. It is some consolation, however, that another generation of Zwingenbergers evidently mourns too, as this memorial testifies.

Dr. Joan S. [for Schack] Gluckauf Haahr
New York, NY
April 2006

Für die verbliebenen Angehörigen der Familie Schack und ihrer Nachkommen möchte ich dem Bürgermeister und dem Stadtparlament von Zwingenberg danken - ebenfalls all Ihnen, die so konsequent für die Errichtung dieser Namenstafel gekämpft haben. Vor allem möchte ich Dr. Fritz Kilthau danken, dessen nicht nachlassende Bemühungen, den ermordeten Zwingenberger Juden zu gedenken, die direkte Ursache für dieses wichtige Ereignis ist.

Ich versuche mir vorzustellen, was meine Großeltern, Moritz und Martha Schack, und meine Großtante und Großonkel, Clara und Jakob Wolf, sagen würden, wenn sie von dem heutigen Tag erfahren würden. Ich habe sie nicht gekannt, aber ich habe oft versucht, mir ihre letzten Jahre vorzustellen, wie man ihnen gewöhnliche Dinge des Lebens wegnahm: Ihre Arbeitsstellen und ihr Vermögen; im Falle meiner Großeltern auch ihre Kinder (die alle rechtzeitig genug emigrierten, um zu überleben), ihre Synagoge, die – wie Fritz Kilthau berichtet – mein Großvater gezwungen wurde zu verkaufen; ihre Wohnhäuser, und schließlich ihr Leben.

Was würden sie zu dem heutigen Ereignis sagen? Ich vermute, sie würden ganz einfach nicht glauben, dass es wahr ist. Natürlich waren nicht alle ihre Nachbarn unter den Verfolgern. Es gab tatsächlich jene, die ihr eigenes Leben riskierten, indem sie heimlich Lebensmittel vor die Tür meiner Großeltern legten, die hierdurch nicht hungern mussten. Ich weiß aus den Briefen meiner Großeltern, die sie nach ihrer zwangsweisen Umsiedlung nach Frankfurt schrieben, wie sehr sie alle die familiäre Umgebung ihrer Heimat vermissten. Dies ist leicht zu verstehen: Martha und Clara waren in Zwingenberg geboren wie ihre Vorfahren seit Hunderten von Jahren vor ihnen.

Aber die Zeit vergeht und neue Lebensumstände lösen die alten ab. Die Schacks und Wolfs werden nun für immer in Erinnerung bleiben in der Stadt, in der sie die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten – ihre Namen sind in dieser Tafel festgehalten und öffentlich gemacht am Rathaus. Ich bin denjenigen von Ihnen dankbar, die für diesen Moment gekämpft haben. Ich verspüre jetzt ein große Trauer um die gepeinigten und beschnittenen Leben all derer – nicht nur meiner eigenen Familie -, denen heute gedacht wird. Es ist ein gewisser Trost, dass eine neue Generation von Zwingenbergern offensichtlich gleichfalls Anteil nimmt, wie diese neue Gedenkstätte bezeugt.

Dr. Joan S. [für Schack] Gluckauf Haahr
New York, NY
April 2006

(Übersetzung durch F. Kilthau)

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(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.