"Was wäre Auschwitz ohne Bilder?"

„Was wäre Auschwitz ohne Bilder?“
Vortrag beim Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge über deutsche Konzentrationslager in Dokumentar- und Spielfilmen mit Filmausschnitten

Filme sind seit jeher wichtige Mittel, mit denen politische Botschaften transportiert und Zuschauer beeinflusst werden können: Man denke beispielsweise an Charly Chaplins 1940 gedrehten Spielfilm „Der große Diktator“, in dem durch eine überspitzte Nachahmung von Hitlers Redeart und Gestik eine aktuelle politische Absicht verfolgt wurde: Diktatoren wie Hitler oder Mussolini lächerlich zu machen. Ganz andere Stilmittel verwendete Alain Resnais in seinem 1955 hergestellten Aufklärungsfilm „Nacht und Nebel“. In diesem Dokumentarfilm kontrastierte er in Farbe aufgenommene Bilder des Restes eines KZ mit schwarz-weißen Archiv- und Wochenschauaufnahmen, von denen besonders die grauenhaften Bilder über die Öffnung der Konzentrationslager 1945 in Erinnerung bleiben. Ganz auf propagandistische Wirkung ausgelegt war Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens“ über den NS-Parteitag 1934 in Nürnberg. Monumentale Aufnahmen von den angetretenen Marschblöcken auf dem Paradefeld, vor ihnen der überhöht stehende Hitler, sollten den Zuschauer für den Nationalsozialismus emotional einnehmen und begeistern.

Aufgabe der Filmwissenschaft ist es, Filme auf vielfältige Weise zu analisieren und einzuordnen: Was war der Anlass für diesen Film? Welche politische Situation herrschte im Produktionsland? Welche Absicht hatte der Produzent oder Regisseur? Welches war das anvisierte Zielpublikum? Bei Dokumentarfilmen: Wussten die Personen, dass sie gefilmt wurden und wussten sie, was mit den Aufnahmen geschehen sollte? Welche stilistische Mittel wurden eingesetzt? Wurde der fertige Film zensiert oder verändert? Welche Aussagen hat der Film? Wie reagierte das Publikum?

Der in Zwingenberg aufgewachsene Historiker Alexander Diroll ist diesen Fragen nachgegangen: Seine Studien von neuerer Geschichte an der TU Darmstadt und Filmwissenschaft an der Universität Mainz schloss er mit einer Magisterarbeit über deutsche Konzentrationslager in Dokumentar- und Spielfilmen ab. Diese Arbeit mit dem Titel „Was wäre „Ausschwitz“ ohne Bilder?“ wird er am Dienstag, 10. Februar, 20 Uhr auf Einladung des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge“ in einem Vortrag vorstellen und die Ergebnisse seiner Untersuchung an Hand von Filmausschnitten verdeutlichen. Ort der Veranstaltung ist der große Saal des Alten Amtsgerichts in Zwingenberg.


Artikel im Bergsträßer Anzeiger vom 12. Februar 2004

Auschwitz ohne Bilder: Schrecken ohne Gesicht?Der Historiker Alexander Diroll über die filmische Darstellung der Konzentrationslager / Vortrag beim AK Synagoge


Zwingenberg. "Eine filmische Annäherung an das Thema Konzentrationslager ist möglich", bilanziert der in Zwingenberg aufgewachsene Historiker Alexander Diroll. Film ist nicht nur Filmkunst, Filmtechnik und Filmindustrie, sondern auch Lehrmittel, historisches Dokument und Propagandainstrument.

Die medienspezifischen Eigenschaften und Gestaltungsmöglichkeiten des Films sind mannigfaltig, perspektivisch und verlockend: registrierend, enthüllend und in deskriptiver Form erhellend. Ob ikonisches Zeichensystem oder rezeptionsorientierte Medienspielart: Film leitet, lenkt und verfolgt propagandistische Ziele in ästhetisch anspruchsvoller, ja raffinierter Form und Funktion.

Die organisatorische Gleichschaltung der Filmkunst war ein schwer gewichtiger Aspekt der nationalsozialistischen Filmpolitik. Visuell verklausuliert und publikumswirksam in Sujet, Dramaturgie und Darstellungsform. Man erinnere sich an "Jud Süß", "Ohm Krüger" und die dokumentarisch verbrämte Ästhetik einer Leni Riefenstahl.

"Was wäre Auschwitz ohne Bilder?", steht über der Magisterarbeit des Historikers und Filmwissenschaftlers Alexander Diroll. Ist das historische Ereignis fass- und vorstellbar ohne die wie auch immer motivierte Darstellungsform seiner Protagonisten oder Chronisten? Und inwiefern hat die filmische Umsetzung der Tatsachen zum Meinungsbildungsprozess der Folgegenerationen beigetragen oder diesen gar grundlegend beeinflusst? "Erst die Rezeption der Bilder hat den Blick der Massen geschärft."

Über das Medium Film als politischen Botschafter seiner Urheber referierte Diroll am Dienstag im Alten Amtsgericht im Rahmen der Vortragsreihe des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge. Ein Einführungskurs in angewandter analytischer Filmwissenschaft, der die zahlreichen Zuhörer und -schauer mit den medienspezifischen Auswirkungen der Filmkunst vertraut machte und gleichsam die politisch motivierte Taktik hinter dem Deckmantel künstlerisch ambitionierter Produktivität offen legte.

Der Schwerpunkt von Dirolls Forschungen ist die propagandistisch motivierte Lüge ohne historisch belegbares Ereignis. "Theresienstadt - Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet" ist ein fragmentarisches Dokument nationalsozialistischer Verschleierungskunst, das die KZ-Thematik in geradezu anmaßender Ästhetik verschleiert und schamlos inszeniert: die filmische Konstruktion einer falschen Realität, eine medial verklärte und pauschalisierte Lüge zum Zwecke der öffentlichen Manipulation: sich frei bewegende Häftlinge in parkähnlichen Anlagen, Spielplätze und Krankenhäuser, dekorierte Geschäfte und lachende Kinder. Die Divergenz von Ereignis und medialer Vermittlung kennzeichnet die Motivation der Darstellung in Dokumentarfilm, Spielfilm und Realität. Was zeigt die Kamera und was bleibt im "Off", dem Nicht-Erzählten, Nicht-Gesehenen, dem Vergessenen?

"Der Seh-Punkt steuert die Wahrnehmung und somit den Bedeutungsgrad", erklärt Alexander Diroll, der an der TU Darmstadt Neuere Geschichte, Soziologie und Psychologie, in Mainz Filmwissenschaft studiert hat. In Kontrast zu den statischen, inszenierten Bildern der NS-Propaganda zeigt Diroll dokumentarische Szenen eines sowjetischen KZ-Films: den Abtransport ermordeter Häftlinge in schonungsloser Offenheit. Auch hier stellt sich die Frage: Was bleibt im Verborgenen? Auch im so genannten Kompilationsfilm, dem Zusammenschnitt verschiedener Doku-Szenen, wird eine vermeintliche Realität filmisch komponiert und der Anspruch einer tatsachengetreuen Darstellung nur teilweise verwirklicht.

Kann sich das Medium Film überhaupt und letztendlich von den Motiven seiner Produzenten befreien und ein unzensiertes Abbild der Wirklichkeit zeichnen? Führt nicht allein der mediale Eingriff in die Realität zu einer mehr oder weniger starken Inszenierung des Beobachteten? Ist die Kamera allein bereits ein Instrument der Verfälschung, weil sie die Welt jenseits des Objektivs tendenziell negiert?

Alexander Dirolls wissenschaftlicher Anspruch ist die Aufsplittung des filmischen Blickwinkels, um den Blick des Rezipienten zu schärfen für die unterschiedlichen Realitäten, die dadurch transportiert werden. Der Unterschied von faktischer Realität, dokumentarischer Wirklichkeit und der ganzheitlichen Inszeniertheit des Spielfilms muss in all seinen Spielarten berücksichtigt werden, um die Motivation des Dargestellten zu erfassen. Die Absicht der suggestiven Beeinflussung lässt sich mit dem Unterhaltungsbedürfnis des Publikums wirkungsvoll in Einklang bringen. Insofern spielen Aspekte wie Zensur, Funktion, sozialer Kontext und der "Einblick des Filmemachers" eine tragende Rolle bei der Filmproduktion, einst wie heute.

"Das Bild von Auschwitz als Symbol der Konzentrationslager wäre ein anderes ohne die filmische Darstellung desselben", bilanziert Alexander Diroll, "weil die Realität der KZ von den Massen nicht in unmittelbarer Weise erfahrbar gewesen ist." Ein Fazit, das die Macht der Bilder in drastischer, erschreckender Weise vor Augen führt. tr

© Bergsträßer Anzeiger - 12.02.2004

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