Führung über den jüdischen Friedhof in Alsbach

Zu ihrer ersten Veranstaltung im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Zwingenberger Perspektiven“ laden die evangelische Kirchengemeinde Zwingenberg und Alsbach, die katholische Pfarrgemeinde Zwingenberg und der „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge“ für Sonntag, 6. Juni, 16 Uhr ein: Der ehemalige Alsbacher Gemeindepfarrer Johannes Mingo wird über den größten jüdischen Landfriedhof Hessens in Alsbach führen, wobei viele Details zur Geschichte des Friedhofs, zu den Gräbern, Grabsteinen und ihren Symbolen und den jüdischen Beerdigungsriten berichtet werden. Der Alsbacher Judenfriedhof ist verbürgt seit dem Jahr 1616 – er diente mehr als 2000 Juden aus 32 Ortschaften der näheren und weiteren Umgebung als zentrale Beerdigungsstätte. Da jüdische Gräber nach jüdischer Sitte nicht erneut belegt werden dürfen, sind diese Grabstätten mit ihren zum Teil uralten Grabsteinen wie ein offenes Geschichtsbuch. Als orthodoxer Friedhof zeigen die Grabmale – mit sehr wenigen Ausnahmen – keine Schmuckelemente. Grabsteine mit dem Symbol der segnenden Hände weisen die Beerdigten als Anhänger der Kohanim aus (verantwortlich für die Opferdarbringung im Tempel und den Priestersegen); das Symbol der Kanne schmückt die Grabsteine der Leviten (verantwortlich für die kultische Reinheit im Tempel). Einige Grabsteine zeigen das Symbol der zionistischen Bewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert – den Davidstern. Pfarrer Mingo wird bei seinem Rundgang auch von den jüdischen Beerdigungsriten, insbesondere von den Beerdigungsbruderschaften, berichten. Weitere Stationen des Rundgangs werden der Gedenkstein für den berühmten Rabbi Samuel Bacharach, die Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedhofsschändung während der Reichspogromnacht 1938 durch die Nationalsozialisten und die Gräber des Bankiers Julius Bauer und seiner Frau Hedwig aus Bensheim sein, der letzten auf dem Alsbacher Friedhof beerdigten Juden.
Im Anschluss an den Rundgang wird Dr. Fritz Kilthau, Autor des Buches „Mitten unter uns – Zwingenberg von 1933 bis 1945“ an Gräbern von Zwingenberger Juden über deren Lebensgeschichte erzählen – hierbei werden großformatige Fotografien gezeigt.
Um die vielen Informationen zum Alsbacher Judenfriedhof nochmals in Ruhe nachlesen zu können, haben Johannes Mingo und Dr. Fritz Kilthau einen neuen, kleinen Führer über den Alsbacher Judenfriedhof erarbeitet, der am 6. Juni zum ersten Mal vorgestellt wird.

i Führung über den jüdischen Friedhof
Sonntag, 6. Juni 2004, 16 Uhr
Treffpunkt: Eingang des Judenfriedhofs Alsbach „In der Pfarrtanne“


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 9. Juni 2004

Hakenkreuze überschatten Führung
150 Teilnehmer des Rundgangs über den Alsbacher Judenfriedhof empört / Polizei ermittelt


Alsbach. Tatort Alsbacher Judenfriedhof: Am vergangenen Freitag entdeckte Dr. Fritz Kilthau, der Vorsitzende des Vereins "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge", frische Hakenkreuze auf sieben Grabsteinen. Zwei Grabsteine waren mutwillig zerstört und umgeworfen - wie die Polizei feststellte, waren die Bruchstellen frisch. Kilthau war in den vergangenen Tagen mehrmals auf dem Friedhof, um Fotos für eine neue Broschüre zu machen - zu dieser Zeit waren die Gräber noch unversehrt. Am Freitag, als Kilthaus mit zwei Amerikanern die Gräber ihrer Zwingenberger Vorfahren besuchte (wir berichteten), dann die böse Überraschung.
Die 150 Teilnehmer der Führung über den Friedhof, zu der die beiden Kirchengemeinden Zwingenbergs und der Verein "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge" im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Zwingenberter Perspektiven" am Sonntagnachmittag eingeladen hatten, waren über diese Schändung empört. "Ich denke, mit unserer heutigen Veranstaltung setzen wir ein klares Zeichen gegen solche menschenverachtenden Aktivitäten", führte Dr. Kilthau in seiner Begrüßung aus.
Der ehemalige Alsbacher Gemeindepfarrer Johannes Mingo erinnerte zu Beginn seiner Führung an die Bedeutung des "D-Days", der ein wichtiger Meilenstein bei der Befreiung vom nationalsozialistischen Terror in Deutschland und dem restlichen Europa darstellt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele jüdische Bürger ermordet, ihre Häuser entwendet, ihre Synagogen angezündet, ihre Friedhöfe geschändet. Um ähnliche Verbrechen für die Zukunft zu verhindern, muss die Erinnerung an diese leidvolle Geschichte lebendig gehalten werden.
Die Erinnerung an die früheren jüdischen Bürger unserer Gemeinden und ihre Kultur soll ein Mahnmal für Toleranz und friedvolles Miteinander sein - hierzu dient auch eine Führung über den Alsbacher Judenfriedhof, um Details zu seiner Geschichte, seinen Grabsteinen und ihren Symbolen sowie zu den Beerdigungsritualen zu erfahren.
Pfarrer Mingo berichtete am Sonntagnachmittag von den Symbolen auf den Grabsteinen der Kohanim und Leviten. Er führte die Besucher zum Gedenkstein des berühmtesten Mannes, der in Alsbach beigesetzt wurde: Rabbiner Samuel Bacharach aus Worms (1615 beerdigt) sorgte in der Folge dafür, dass viele Juden aus 32 Ortschaften der Umgebung möglichst in der Nähe dieses großen Gelehrten beerdigt sein wollten.
An der Stelle, wo die Nationalsozialisten während der so genannten "Reichskristallnacht" das Totenhaus mit der Totenrolle sprengten, erinnert heute eine Gedenktafel an diese Schändung. Beim weiteren Gang über den Friedhof wies Pfarrer Mingo auf die Besonderheiten weiterer Grabsteine hin und erklärte die Bedeutung der jüdischen Beerdigungsbruderschaften, die auch in Alsbach für die Beerdigungen verantwortlich waren.
Um die vielen Informationen zum Alsbacher Judenfriedhof nochmals in Ruhe nachlesen zu können, haben Johannes Mingo und Dr. Fritz Kilthau eine neue Broschüre erstellt, die am Sonntagnachmittag zum ersten Mal vorgestellt und von vielen der Besucher erworben wurde.
Im Anschluss führte Dr. Kilthau zu ausgesuchten Gräbern jüdischer Zwingenberger und erklärte dort anhand großformatiger Fotos und Stammbäume die Lebensgeschichten dieser Personen. Im Wesentlichen waren dies Angehörige der bekannten Zwingenberger Familien Rothensies und Wachenheimer, deren Geschichte weitgehend erforscht und dokumentiert ist. Wie Kilthau ausführte, soll aber auch die Geschichte der übrigen Zwingenberger jüdischen Familien mit Hilfe von Geburts- und Sterberegister weiter erforscht werden, sodass vielleicht in Zukunft auch eine Führung zu den Gräbern all dieser Familien möglich sein wird. red

© Bergsträßer Anzeiger - 09.06.2004



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