Martha und Moritz Schacks Enkelin besucht uns

Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 30. Juli 2002

Aussöhnung und nicht späte Rache ist das Ziel
Enkelin der jüdischen Familie Schack besucht Zwingenberg

"Nein! Wirf den Brief in den Mülleimer!" Der Bitte, die sie da im Jahre 1999 in New York erreichte, wollte sie auf gar keinen Fall entsprechen. Irma Gluckauf wollte die Vergangenheit ruhen lassen - zu groß war der Schmerz, den sie empfand, wenn sie an ihre Kinder- und Jugendzeit in Zwingenberg zurückdachte. Und eben das sollte sie tun, verlangte der ihr persönlich unbekannte Autor des Briefes: An ihre Jahre im ältesten Bergstraßenstädtchen sollte sie zurückdenken, wo sie als Tochter der jüdischen Familie Schack in der Obergasse aufwuchs.

Dr. Fritz Kilthau hatte im Rahmen seiner Recherchen für das Buch "Mitten unter uns" die Adresse der 1912 in Zwingenberg geborenen und 1937 vor den Nazis in die USA geflohenen Irma Gluckauf ausfindig gemacht und sie gebeten, sich als Zeitzeugin zur Verfügung zu stellen - wäre da nicht ihre Tochter Joan Haahr gewesen, der Kontakt wäre nicht zustande gekommen. Professor Dr. Joan Haahr warf den Brief des Zwingenberger Geschichtsforschers nämlich nicht, wie es die Mutter verlangt hatte, in den Müll - sie reagierte auf den Wunsch von Dr. Fritz Kilthau mit großem Verständnis und wurde so zu einer seiner wichtigsten Quellen.

Gestern nun stattete die 1940 in Amerika geborene New-Yorkerin Zwingenberg einen Besuch ab und wurde von Dr. Fritz Kilthau, dem Vorsitzenden des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge, und Hanns Werner, Stadtrat und stellvertretendem Vorsitzenden des Synagogen-AK, im Sitzungssaal des Rathauses offiziell willkommen geheißen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Jorn, einem gebürtigen Dänen, sowie ihrer in Mannheim lebenden Halbschwester Lotte Dukamp und deren Lebensgefährten Wilhelm Sauter ließ sie sich von Dr. Kilthau die Stadt zeigen - dreimal war Joan Haahr bereits im Rahmen von Europareisen auf Stippvisiten in Zwingenberg, die Heimatstadt ihrer Mutter beziehungsweise ihrer Vorfahren aus den jüdischen Familien Schack und Rothensies unter Berücksichtigung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte lernt sie so nun aber zum ersten Mal kennen.

An der ehemaligen Synagoge in der Wiesenstraße startete dieser ganz besondere Stadtrundgang, und er führte auch in die Obergasse 3, wo die Familie Schack einst gelebt hatte. 1961 stand Joan Haahr schon einmal vor diesem Gebäude, nur zögerlich öffnete man ihr damals die Tür zu ihrem Elternhaus - "die Menschen hatten offensichtlich Angst, dass wir unser Haus wieder zurück haben wollten." Diese Form der Vergangenheitsbewältigung war und ist Joan Haahr jedoch fremd - nach Deutschland und speziell nach Zwingenberg reiste sie auch zum vierten Mal nicht, um mit den Peinigern ihrer Familie wie auch immer abzurechnen, sondern um das gegenseitige Verstehen und die Aussöhnung weiter voranzutreiben.

Einfach ist das jedoch nicht - im persönlichen Gespräch im kleinen Kreis vor dem Stadtrundgang war Joan Haahr durchaus die Anspannung anzumerken, die sie bei der kurzen Schilderung ihrer Familiengeschichte immer wieder aushalten muss: Für ihre Mutter war Zwingenberg schließlich die Heimat - Irma Gluckauf, die vor zweieinhalb Jahren nach schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren starb, wollte noch bis kurz vor ihrem Tod "nach Hause" - von ihrer Tochter Joan Haahr danach gefragt, wo denn dieses "Zuhause" sei, antwortete Irma Gluckauf: "In Zwingenberg!"

Ohne die Informationen und Dokumente, die "Mitten unter uns"-Autor Dr. Fritz Kilthau von Joan Haahr aus der Erinnerung und dem Besitz von Irma Gluckauf erhalten hat, "wäre das Kapitel über die Zwingenberger jüdischen Familien ganz anders ausgefallen", ist sich der Geschichtsforscher sicher. Am Anfang sei der Austausch auf dem normalen Postweg erfolgt, erinnerte sich Kilthau gestern beim Empfang im Rathaus: Zwischen seinen Briefen und den Reaktionen von Frau Haahr haben immer zwei Wochen gelegen - "eine Zeit, in der ich gespannt darauf gewartet habe, welche neuen Erkenntnisse zutage gefördert werden." Dann tauschten die beiden ihre E.Mail-Adressen aus - und um so schneller fanden die Erinnerungen ihren wissbegierigen Empfänger.

Mit Leben gefüllt werde die Geschichte aber nur dadurch, dass Zeitzeugen und ihre Nachfahren die Erinnerung wach halten - "deswegen hoffe ich darauf, dass die Tradition der Besuche weiter fortgesetzt wird", so Kilthau mit Blick auf entsprechende Begegnungen der Vergangenheit. Zum einen könne man bei solchen Kontakten das Bedauern über die Geschehnisse der Vergangenheit ausdrücken, zm anderen werde deutlich, "dass wir diesen Teil unserer Geschichte nicht ausblenden wollen."

Das Bemühen darum, diese Erinnerung wachzuhalten, werde auch von der Kommune unterstützt, ergänzte Stadtrat Hanns Werner die Ausführungen von Kilthau. Besonders der vor einem Jahr in den Ruhestand gegangene Bürgermeister Kurt Knapp habe sich immer dafür eingesetzt, dem Vergessen zu wehren: Die Gründung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge, der sich dem Erhalt des Gebäudes und seiner Nutzung als kulturellem Treffpunkt verschrieben hat, oder auch das Buchprojekt "Mitten unter uns" hätten in Knapp einen Fürsprecher gehabt. Alle Bemühungen haben vor allem ein Ziel: Dass sich die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945 auf gar keinen Fall wiederholen.

Ereignisse, die auch in der Rückschau nach über 50 Jahren noch aufwühlen: Während den fünf Kindern der Großeltern von Joan Haahr die Flucht ins Ausland gelang, wurden Martha und Moritz Schack Opfer der Nazis. Von Frankfurt aus wurde Moritz Schack nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Martha Schack kam noch vor der Deportation in Frankfurt ums Leben. Ihre Namenstafeln sind an der Gedenkwand am alten jüdischen Friedhof in Frankfurt zu finden, wo sich auch heute noch das Grab von Joan Haahrs Großmutter Martha befindet. mik

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