Meschugge, Zores und Schlamassel

Meschugge, Zores und Schlamassel
Pfarrer Walter Ullrich referiert über den Einfluss des Jiddischen auf den südhessischen Dialekt

„Schummeln“, „Moos“, „betucht“, „Schlamassel“, „dufte“, „Kaff“, „meschugge“, „Pleite“, „Mischpoke“, „mies“, „Guten Rutsch!“, „Hals- und Beinbruch!“ * – diese Ausdrücke kennt jeder von uns. Allerdings weiß kaum jemand, dass diese Worte ihren Ursprung im Jiddischen haben; man schätzt, dass es etwa 1000 solcher aus dem Jiddischen stammenden Lehnworte gibt. Was ist Jiddisch? Jiddisch ist eine Mischsprache auf der Grundlage mittelhochdeutscher Dialekte, die sich durch fortwährenden Sprachkontakt mit Hebräisch/Aramäisch, slawischen und auch romanischen Sprachen herausgebildet hat. Vor fast tausend Jahren formte sich Jiddisch als Umgangssprache der Juden, deren Hauptsiedlungsgebiet und kulturelles Zentrum im Mittelalter Deutschland war. In der frühen Neuzeit nahmen die nach Osten emigrierenden Juden diese Sprache mit. Nach der Abtrennung vom deutschen Sprachraum entwickelte sich das Jiddisch zu einer echten Volkssprache. Die mittelhochdeutschen Dialekte, die sich in Deutschland langsam zum heutigen Deutsch herausbildeten, blieben im Jiddischen fast unverändert enthalten, nur flossen mehr und mehr slawische, litauische, hebräische und aramäische Begriffe in die Sprache ein – es wurde die Alltagssprache in den ost-europäischen „Schtetl“. Durch die Emigration osteuropäischer Juden verbreitete sich Jiddisch ab dem späten 19. Jahrhundert über alle Kontinente. Es wurde nicht nur im Alltag gesprochen – es gab auch jiddische Literatur, Zeitungen, Theater. Rund zwölf Millionen Menschen sprachen vor dem Zweiten Weltkrieg Jiddisch als Muttersprache. Von den sechs Millionen ermordeten Juden sprach die große Mehrheit Jiddisch. Die Nationalsozialisten haben nicht nur die Menschen, sondern mit ihnen auch ihre Sprache fast vollkommen ausgelöscht.
Heute wird Jiddisch von etwa 700.000 Menschen gesprochen – besonders in Israel, Osteuropa, Belgien, England, Nord-, Mittel- und Südamerika, Südafrika und Australien.

Es waren bei uns früher hauptsächlich die Viehhändler, Metzger und Bauern, die auf Grund ihrer geschäftlichen Beziehung mit Juden jiddische Ausdrücke in unsere Umgangssprache aufnahmen. Aber auch die Anstellung junger Frauen als Haushaltshilfen bei jüdischen Familien und der Einkauf in jüdischen Geschäften trugen dazu bei, Begriffe wie „koscher“, „Grusch“ und „Reff“ in den hiesigen Dialekt mit auf zunehmen.

Walter Ullrich, Pfarrer am Darmstädter Elisabethenstift und Vorsitzender des Vereins „Ehemalige Synagoge Erfelden“ interessiert sich schon seit seiner Jugend für Dialekte in Südhessen – früher hielt er schon ab und an Gottesdienste im „Platt“ des hessischen Rieds. Am Mittwoch, 15. September, 20 Uhr, wird Pfarrer Ullrich im Rahmen der „Zwingenberger Perspektiven“, der gemeinsamen Veranstaltungsreihe der evangelischen Kirchengemeinden Zwingenberg und Alsbach, der katholischen Pfarrgemeinde Zwingenberg und des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge“ über den Einfluss des Jiddischen auf den südhessischen Dialekt referieren. Vortragsort ist das evangelische Pfarrzentrum in der Darmstädter Straße. Da die Veranstalter mit diesem Vortrag keinen „Reibach“ (abgeleitet vom hebräischen Wort „rewach“ für Gewinn, Vorteil) machen wollen, ist der Eintritt frei.

* schummeln (von hebr. schemua – Kunde, Nachricht), Moos (von hebr. ma’os – Geld), betucht (von hebr. batuach – zuverlässig), Schlamassel („schlimm“ und von hebr. masal – Glück, Schicksal), dufte (von hebr. tow – gut), Kaff (von hebr. Kfar – Dorf), meschugge (von hebr. meschugga – verrückt), Pleite (von hebr. pele’ita – Rettung aus höchster Not), Mischpoke (von hebr. mischpacha – Familie), mies (von hebr. ma’as – verachten), Guten Rutsch! (vom jiddischen Wunsch „Gut Rosch!“ zum jiddischen Neujahrsfest Rosch ha Schana (hebr. Kopf des Jahres)), Hals- und Beinbruch (vom jiddischen Segenswunsch „Hasloche un Broche (hebr. haslacha we bracha – Glück und Segen).


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 17. September 2004

Ein äußerst amüsanter Sprachkurs
Pfarrer Walter Ullrich babbelt über die jiddische Erbschaft im südhessischen Dialekt
Zwingenberg. Im Stammbaum der indogermanischen Sprach-"Mischpoke" kuscheln sie sich zusammen wie eineiige Zwillinge: Das heutige Standard-Deutsch und das Jiddische sind die einzigen Erben des Hochdeutschen und weit mehr als nur entfernte Verwandte. Trotz historischer "Schlamassel" und etlicher Sprachwanderungen haben bis heute viele Lehnworte aus dem Jiddischen überlebt und erfreuen sich vor allem in den deutschen Dialekten noch immer bester Gesundheit.
Geografisch gefärbte Zungen gibt es viele, doch der swingende Sound des Südhessischen scheint prädestiniert für die Verwendung jiddischer Anreicherungen wie "Zores" (Plage, Leid), "Magges" (Hieb) und "Geseier", was so viel bedeutet wie leeres Geschwätz. Inhaltsreich, spritzig und in höchstem Maße unterhaltsam war der Ausflug ins Jiddische, auf den Walter Ullrich seine Zuhörer am Mittwochabend mitgenommen hat.
Sein Vortrag "Meschugge, Zores und Schlamassel" füllte das evangelische Gemeindehaus, in das die örtlichen Kirchengemeinden gemeinsam mit dem Arbeitskreis Synagoge im Rahmen der "Zwingenberger Perspektiven" eingeladen hatten. Ullrich ist Pfarrer am Darmstädter Elisabethenstift und ein gewachsener Kenner der jiddischen Sprache, die er vor allem in der von ihm genießerisch praktizierten Heimat-Varietät des hessischen Rieds aufzuspüren weiß.
Ohne jegliche "Mengengelscher" (Drumherumreden) verfolgte Ullrich die Spur des Jiddischen zurück ins Mittelalter und über literarische Mischformen wie den hessischen "Datterich" wieder in die Gegenwart - eine sprachliche Exkursion "uff Hessisch", ohne "Schmonzes" (dummes Zeug), aber um so "ausgekochter" inszeniert. Ullrich babbelt "Tacheles".
Entstanden ist die Mischsprache aus mittel- und oberdeutschen, semitischen und slawischen Elementen. Vor etwa tausend Jahren formte sich Jiddisch als Umgangssprache der Juden in Deutschland und breitete sich später nach Weißrussland, Polen und Rumänien Richtung Osten aus. Jiddisch wurde zur Volkssprache und konservierte die mittelhochdeutschen Dialekte, gemixt mit Elementen aus dem Litauischen, Aramäischen und Hebräischen. Das Jiddische wurde zur Alltagssprache in den osteuropäischen "Schtetl" und verbreitete sich durch die Emigration allmählich über die ganze Welt. Vor dem Zweiten Weltkrieg sprachen rund zwölf Millionen Menschen Jiddisch, das als Sprache der Literatur und der Zeitungen einen hochsprachlichen Status hatte.
Die 700 000 heutigen Sprecher leben hauptsächlich in Israel, Osteuropa, England und Nordamerika. Und so kann es durchaus vorkommen, dass der weltoffene Südhesse in New York "ebbes" Komisches zu hören bekommt: die semantisch und grammatisch multiple Partikel "ebbes", die ursprünglich "eigenartig" bedeutete, ist ein Wort-Chamäleon mit internationalem Flair. "Der Begriff relativiert Dinge auf hintersinnige Weise", zitiert Walter Ullrich einen Sprachforscher und blickt hinter die Kulisse des vielseitig nutzbaren Wortes. "He thinks he is an ebbes", sagt der amerikanische Freund des Jiddischen, wenn er meint: "Er denkt, er stelle etwas besonderes dar".
Neben solchen alltagssprachlichen Allroundern existieren etwa eintausend jiddische Lehnworte, die aufgrund geografischer Unterschiede geringe Sprechvariationen aufweisen können: "Veruzen" heißt auf nette Weise ärgern, ein "Gaschd" ist ein bösartiger Mensch, und die häufig vorkommende Gattung des "Schliach" ist einer, der vorgibt, mehr zu sein, als er eigentlich ist. Im Südhessischen bekannt ist ein "Schode", der gerne Sprüche klopft und vielleicht in der "Beiz" hockt, einer ausschließlich hochgradig alkoholische Erfrischungsgetränke ausschänkenden und unordentlichen Kneipe. Das Wort leitete sich her vom Jiddischen "Haus" und hat aufgrund spezifischer Umstände einen Bedeutungswandel durchgemacht: "In etlichen jüdischen Häusern wurde früher für gewöhnlich Schnaps verkauft", erklärt Ullrich.
Bei vielen Wörtern hat sich der Bedeutungskern mit zusätzlichen Aspekten angereichert, die sozial oder individuell bedingt sind: Die "Beele" war einst die "Herrin" und wurde später mit einem negativen Wert überlagert: heute tituliert man so ein leicht bis arg verschmutztes Kind. Auch das Lesen der Leviten basiert auf einem leichten Bedeutungswandel: Im synagogalen Gottesdienst lasen die Leviten aus der Thora, heute bedeutet die Phrase so viel wie "jemandem Vorhaltungen machen".
Walter Ullrichs fragmentarische Sammlung der gebräuchlichsten jiddischen Elemente im südhessischen Dialekt und in der Hochsprache ist ein lehrreicher und in amüsanter Dramaturgie vorgetragener Exkurs in gegenseitiger Schnabelpflege. "Massel" (hebräisch: masal, Glück) hat, wer dem gescheiten Pfarrer ein Ohr schenken darf. tr
© Bergsträßer Anzeiger - 17.09.2004

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