Lesung mit Eva Kassewitz de Vilar

„Wenn du es doch erlebt hättest, Vater!“
Eva Kassewitz de Vilar liest aus ihrem neuen Buch über ihrer Emigration aus Nazi-Deutschland und ihr Leben in Bolivien

Bei einer Volkszählung am 16. Juni 1933 wurden in Deutschland genau 502.799 Personen als "Juden" gezählt. Sechs Jahre später hatte sich die Zahl aufgrund von Emigration und Vertreibung auf 215.000 mehr als halbiert. Auch von den Zwingenberger Juden hatten etliche die Zeichen der Zeit erkannt und konnten noch rechtzeitig „auswandern“: In die USA retteten sich beispielsweise Berthold Mainzer mit Familie, die Brüder Salomon und Berthold Wachenheimer sowie Ilse Wolf. Nach Palästina entkamen unter anderem Levi Katz mit Familie. Über Frankreich und Nordafrika emigrierten Leo Schack mit Familie nach Mexiko, Ilse Weisenbach und Wilhelm Rothensies entkamen nach Südamerika. Insgesamt flohen mindestens 51 Juden, die in Zwingenberg lebten oder aus Zwingenberg stammten, vor den Nationalsozialisten aus Deutschland – ein Teil von ihnen konnte allerdings nicht in Sicherheit entkommen und wurde in Frankreich wieder festgenommen.

Eine Zeitzeugin für das Leben jüdischer Familien in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus ist die 1930 in Pforzheim geborene Eva Kassewitz de Vilar. 1939 emigrierte sie mit ihrer Familie nach Bolivien, wo sie bis heute lebt. Am 11. November 2004, 19:30 wird sie im Alsbacher evangelischen Gemeindezentrum aus ihren soeben erschienenen Lebenserinnerungen „Wenn du es doch erlebt hättest, Vater!“ lesen und dabei verdeutlichen, was diese Emigration für die flüchtenden Familien bedeutete: Sie erzählt von der Angst und dem Schrecken der als Jüdin erlittenen Diskriminierung im Dritten Reich und der Emigration als 9jährige in eine exotisch fremde Welt. Zwei Aspekte verdienen in ihren Schilderungen besondere Beachtung, die damit die Vielfalt der zahlreichen Memoiren von Überlebenden der Shoa dokumentarisch bereichern: Zunächst die Integration einer sehr heterogenen Gruppe jüdischer Emigranten deutscher Sprache aus unterschiedlichen europäischen Herkunftsländern zu einer Diasporagemeinde, die sich in einer alten Kolonialstadt in den bolivianischen Anden zurechtfinden muss. Eva Kassewitz de Vilar: “Die Bedingungen, in denen sich mein Leben entwickelte, waren nicht alltäglich. Meine Familie wurde mit einer anderen Lebensphilosophie, mit anderen Lebensweisen und Sitten, mit einer anderen Kultur konfrontiert. Man musste sich anpassen. So wuchs ich zwischen zwei Welten auf.“ Der zweite Aspekt waren die Begegnungen dieser Davongekommenen mit den verschiedensten "neuen" Deutschen der Entwicklungshelfergeneration während der letzen 40 Jahre.
Durch die gesamte Erinnerung Eva Kassewitz de Vilars zieht sich das Netz inniger Beziehungen ihrer Familie, die sich über Verfolgung, Emigration und Trennung hinweg ihren Zusammenhalt bewahrt hat, auch während der harten Zeit der bolivianischen Militärdiktaturen, die mehrfach ihrem Mann die Freiheit und ihr selbst die Arbeit nahmen.

Eva Kassewitz de Vilar war u.a. Lehrerin, Übersetzerin und Dolmetscherin, Lehrbeauftragte des Goethe-Instituts in Sucre und Professorin der Universidad San Francisco Xavier de Chuquisaca. Seit 1991 ist sie Honorarkonsulin der Bundesrepublik Deutschland.
Die Lesung mit Eva Kassewitz de Vilar wird moderiert von Peter Dehmel, Alsbach, dem früheren Leiter der Deutschen Schule in Sucre. Das vorgestellte Buch liegt zum Verkauf aus und wird von der Autorin signiert.
Eine weitere Lesung wird stattfinden in der Aula der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt, Zweifalltorweg 12, am Montag, den 8.November, 13:30 Uhr.

i Lesung mit Eva Kassewitz de Vilar, moderiert von Peter Dehmel
Eine Veranstaltung aus der Reihe „Zwingenberger Perspektiven“ – getragen von den evangelischen Kirchengemeinden Zwingenberg und Alsbach, der katholischen Pfarrgemeinde Zwingenberg und dem Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.
Donnerstag, 11. November 2004, 19:30 Uhr
Evangelisches Gemeindezentrum Alsbach, Bickenbacher Str. 27




Mit zwei Kisten und 50 Dollar in die Fremde
Eva Kassewitz de Vilar berichtet von den Schrecken der Naziherrschaft und ihrer Emigration nach Bolivien

Zwingenberg. Juni 1939: Eva Kassewitz verlässt Deutschland. Gemeinsam mit ihrer jüdischen Familie flieht die Neunjährige vor der Diskriminierung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Ihr Ziel ist Bolivien, wo sie sich eine neue Heimat in der Fremde erhoffen.
Heute ist Eva Kassewitz de Vilar Honorarkonsulin der BRD in Bolivien. Ihre Lebenserinnerungen hat sie in einem Buch nieder geschrieben: "Wenn du es doch erlebt hättest, Vater!" lautet der Titel ihres biografischen Werkes, das sie am Donnerstag in Alsbach präsentierte - eine Veranstaltung der evangelischen Kirchengemeinden Zwingenberg und Alsbach, der katholischen Pfarrgemeinde Zwingenberg und des "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge".
Ein bewegtes Leben
Eva Kassewitz de Vilar blickt in ihrem Buch auf ein bewegtes Leben zurück: Von der als Jüdin im "Dritten Reich" erlebten Angst, über die Emigration in eine fremde Welt bis hin zur neuen freundlichen Begegnung mit dem Deutschland der Nachkriegszeit spannt sich der Erfahrungsbogen der Autorin. Ihre persönlichen Erlebnisse und Geschichten untermalt Eva Kassewitz de Vilar mit historischen Fakten. Dabei erzählt sie so authentisch und gleichzeitig so gefühlvoll und sensibel, wie es eben nur Zeitzeugen möglich ist.
1930 wurde Eva Kassewitz in Pforzheim geboren, der Vater war im badischen Schuldienst tätig. Bereits vier Monate nach der so genannten "Machtergreifung" musste er seinen Dienst quittieren: Die Nationalsozialisten hatten ein Gesetz erlassen, das den Juden eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst untersagte. Deutlich schildert die Autorin die Diskriminierungen und den Schrecken mit denen die Juden in Deutschland leben mussten: "Wir trauten uns nicht mehr in nicht jüdischen Geschäften einzukaufen", schreibt sie.
"Mit acht Jahren habe ich meine beste Freundin verloren. Sie ist einfach verschwunden, ich habe nie wieder etwas von ihr gehört". Auch ihre düsteren Erinnerungen an die "Reichskristallnacht" hat die Autorin festgehalten - die Nacht, in der die Nationalsozialisten ihren Vater ins Konzentrationslager Buchenwald deportierten. Fünf Wochen blieb er verschwunden, dann kehrte er zurück - abgemagert, mit kahl geschorenem Kopf. Seine kleine Tochter war entsetzt über den Anblick ihres Vaters.
"1938 dienten die Konzentrationslager häufig noch der Verängstigung, es war noch nicht die Zeit der so genannten Endlösung", erklärt sie sich heute seine Entlassung aus dem KZ. Im Juni 1939 emigrierte die Familie schließlich nach Bolivien. Ihr Gepäck: Zwei Kisten mit Möbeln und Büchern, 50 US-Dollar pro Person. Alles andere - Ersparnisse genauso wie Familie und Freunde - mussten sie in Deutschland zurücklassen.
In Bolivien angekommen galt es sich in einem fremden Land mit fremder Kultur und Sprache zurechtzufinden, sich anzupassen. Eindrucksvoll schildert die Autorin die Integration der heterogenen Gruppe jüdischer Immigranten zu einer Diasporagemeinde, erzählt von den späteren Begegnungen der "Davongekommenen" mit den "neuen" Deutschen der Entwicklungshelfergeneration. Ihre Eltern sind nie wieder nach Deutschland gekommen. Eva Kassewitz de Vilar dagegen reist regelmäßig nach Deutschland. Sie besucht die Orte ihrer Kindheit, sogar das KZ Buchenwald hat sie angeschaut - auch mit diesen Erlebnissen setzt sich ihr Buch auseinander.
Den Gästen in Alsbach blieb nach der Lesung viel Zeit, um Fragen zu stellen und den Einblick in die Ereignisse zu vertiefen. Denn Eva Kassewitz de Vilars Biografie ist auch ein Buch gegen das Vergessen. Dr. Fritz Kilthau, Vorsitzender des "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge", brachte es auf den Punkt: Das Buch sei ein "wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus", es helfe zu "verstehen, was Emigration in ein fremdes Land bedeutet". Eva Kassewitz de Vilars Lebenserinnerungen machen auf berührende Weise deutlich, was es heißt, wenn man zwischen zwei Kulturen aufwächst, wenn man von sich selbst sagt: "Ich empfinde mit bolivianischem Herzen und sehe mit deutschen Augen". dia
© Bergsträßer Anzeiger - 13.11.2004

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