Gewaltsam verschleppt auch von der Bergstraße

Vortrag über die Deportationen der jüdischen Bevölkerung aus dem Volksstaat Hessen 1942

Amanda und Sally Wolf hatten am Zwingenberger Marktplatz Nr. 12 einen kleinen Handel mit Lederartikeln und Schuhwaren – bis Oktober 1938. Da die Repressalien gegen die jüdischen Bürger immer massiver wurden und sie keinen Kredit mehr von der Bank erhielten, mussten sie ihr Geschäft schließen – sie zogen nach Darmstadt. Am 20. März 1942 wurden sie ins KZ Piaski-Lublin deportiert. Die Gestapo Darmstadt wies sie an:„Es wird Ihnen hiermit eröffnet, dass Sie innerhalb von drei Stunden Ihre Wohnung zu verlassen haben. Zum Zwecke der Abschiebung werden Sie und Ihre Familienangehörigen vorläufig festgenommen und in ein Sammellager gebracht. Die beauftragten Beamten sind gehalten, in Ihrer Wohnung zu verbleiben, bis Sie Ihre Koffer gepackt und Ihre Wohnung ordnungsgemäß hergerichtet haben... Vor Verlassen der Wohnung ist die Ihnen ausgehändigte Vermögenserklärung genauestens auszufüllen und mit Unterschrift versehen den Beamten auszuhändigen.... Sie selbst haben sich ein Schild um den Hals zu hängen, auf dem in deutlich lesbarer Schrift Name, Geburtstag und Kennnummer anzugeben sind...“

Mit den Wolfs wurden insgesamt 1000 Juden aus Starkenburg und Rheinhessen im März 1942 vom Güterbahnhof Darmstadt aus deportiert; das Sammellager befand sich in der Justus-Liebig-Schule. Später folgten mehr als 2200 weitere jüdische Bürger aus dem Volksstaat Hessen zur so genannten „Umsiedlung zum Arbeitseinsatz“. Aus dem Kreis Bergstraße wurden etwa einhundert jüdische Menschen verschleppt: Neben Zwingenberg waren dies Auerbach, Bensheim, Birkenau. Elmshausen, Heppenheim, Hirschhorn, Lorsch, Reichenbach, Rimbach und Viernheim. Außer dem zentralen Sammellager Darmstadt gab es weitere regionale Deportationslager in Mainz, Gießen und Friedberg. Von dort gab es Transporte in die Ghettos Piaski und Izbica, in das Ghetto Theresienstadt und von dort schließlich in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz.

Am Dienstag, 14. Juni 2011 wird Monica Kingreen, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Pädagogischen Zentrums des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main, auf Einladung des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synaoge“ den Verschleppungen aus dem Gebiet des ehemaligen Volksstaates Hessen detailliert nachgehen. In ihrem Vortrag vermittelt sie konkrete Vorstellungen über Vorbereitung und Ablauf der Deportationen in den hessischen Ortschaften und geht weiter dem Schicksal der Deportierten nach, von denen viele oft noch Monate und Jahre nach ihrer Verschleppung aus ihren Heimatorten lebten, bevor sie starben oder ermordet worden.

Das Schicksal der jüdischen Menschen, die einst das dörfliche und städtische Leben in unserer Region mitprägten, ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Monica Kingreen ermöglicht mit ihrem Vortrag die Erinnerung an die Menschen in den Orten, aus denen sie 1942 deportiert wurden, und die einst ihre Heimat gewesen waren.

Nach dem Vortrag findet die öffentliche Jahreshauptversammlung des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“ statt.

i Vortrag „Gewaltsam verschleppt auch von der Bergstraße“
Referentin: Monica Kingreen, Fritz Bauer Institut und Jüdisches Museum Frankfurt/Main
Dienstag, 14. Juni 2011, 19:30 Uhr – Saal der evangelischen Kirchengemeinde Alsbach, Bickenbacher Str. 27
Veranstalter: Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.


Artikel des "Bergsträßer Anzeiger" vom 17. Juni 2011

Vortrag über Deportation: Keine Spuren, keine Überlebenden

Der Darmstädter Güterbahnhof war die letzte Station vor der Vernichtung: Im März 1942 wurden insgesamt eintausend Juden aus den beiden südhessischen Provinzen Starkenburg und Rheinhessen nach Osteuropa gekarrt. Davon rund 70 aus dem heutigen Kreis Bergstraße. Aus Bensheim und Zwingenberg, aus Birkenau und Heppenheim, aus Lorsch und Reichenbach. Überlebt hat kein einziger.
Noch im gleichen Jahr folgten über 2200 weitere jüdische Bürger aus dem damaligen Volksstaat. Die so genannte "Umsiedlung zum Arbeitseinsatz" endete in den Lagern Treblinka, Lublin oder Sobibor. Der Güterzug ins besetzte Polen bedeutete Leid, Trennung und den sicheren Tod. Die Nazis haben ihre Opfer beseitigt und die Spuren verwischt. Heute existieren nur wenige Quellen, die über das Schicksal dieser Menschen beredt Auskunft geben.
Monica Kingreen hat sie gefunden und zu einem berührenden Dokument zusammengestellt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts (Jüdisches Museum Frankfurt) hat Briefe, Zeitzeugenberichte und persönliche Mitteilungen der deportierten Juden gesammelt und daraus einen eindrucksvollen Vortrag gemacht, der Namen und Adressen nennt und die Verfolgten selbst zu Wort kommen lässt. Auf diese Weise hat sie den Menschen aus der Anonymität befreit und ihnen ein Gesicht gegeben. Auf Einladung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge referierte Monica Kingreen jetzt im Saal der evangelischen Kirchengemeinde Alsbach.

In zwei großen Deportationen im März und im September 1942 wurden 3171 Juden aus über 100 hessischen Gemeinden gewaltsam abgeschoben. Über 3000 wurden ermordet, die anderen starben beim Transport, an Krankheit oder an den Folgen der unmenschlichen Lebensbedingungen in den Sammellagern. "Die jüdischen Menschen wurden systematisch aus ihren Heimatorten verschleppt", so die Referentin vor einem interessierten Publikum. Bereits im Zuge des Gettoisierungsprozesses ab 1939, als die Repressalien immer massiver wurden, waren viele Juden in die größeren Städte geflüchtet. Ihre Vermögen wurden staatlich beschlagnahmt, also vom Reich gestohlen. Sie selbst mussten Kennnummern um den Hals tragen.
Im ersten Kriegsjahr lebten noch 6000 jüdische Bürger im hessischen Volksstaat. Viele tausend hatten Deutschland bereits verlassen. Im Oktober 1941 fanden die ersten Deportationen durch die Gestapo statt. Im Frühjahr des folgenden Jahres beginnen die Massentransporte in den Osten. Unter vielen anderen werden die Auerbacher Familien Hahn und Leopold sowie die Ehepaare Bach und Hiller aus Bensheim ins Sammelquartier in die Darmstädter Liebig-Schule gebracht. Zwingenberger Juden wie Amanda und Sally Wolf tauchen in den Bergsträßer Quellen deshalb nicht auf, da sie bereits vor den Deportationen nach Darmstadt gezogen waren.

Die erste Abschiebung wurde nur wenige Stunden zuvor angekündigt. Innerhalb kürzester Zeit mussten sie ihre Häuser und Wohnungen verlassen und mit den nötigsten Habseligkeiten die Güterwaggons besteigen. 150 Personen in einem Wagen. Die Fenster wurden mit Brettern verschlossen. "Mehr tot als lebendig", wie es in einem Dokument heißt. Hungrig, erschöpft und nach einem 18 Kilometer langen Fußmarsch kamen die Menschen am 27. März im Konzentrationslager Piaski-Lublin an. Die SS-Leute schlagen sie mit Gewehrkolben und verteilen Peitschenhiebe. Schüsse deuten auf Exekutionen hin. Bei Fluchtversuchen wird sofort geschossen. "Frauen riefen nach ihren Männern, Kindern nach ihren Eltern", zitiert Monica Kingreen die Erinnerungen der wenigen, die diese Ereignisse miterlebt haben.
In Sobibor waren gerade damals drei Gaskammern fertig gestellt. "Bei ihrer Ankunft hatten die Menschen noch knapp drei Stunden zu leben", so die Referentin zur organisierten Tötungsmaschinerie der Nazis. "Ganze Familien drückten sich, im Tode verkrampft, die Hände und nahmen Abschied." Nach 30 Minuten waren alle qualvoll erstickt. Die Leichen wurden verbrannt, die Spuren beseitigt. Die Biografien der Opfer waren gelöscht.

In der zweiten großen Deportation waren unter knapp 2200 Juden rund 30 aus dem Raum Bergstraße. Darunter viele ältere Leute über 70 Jahren. Dieses Mal wurde die Verschleppung früher angekündigt. An den Schicksalen der Opfer, die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind, hat das nichts verändert. Monica Kingreen wird weiter daran arbeiten, das jüdische Alltagsleben in Hessen in Erinnerung zu halten. Im Web-Portal "Vor dem Holocaust" sind tausende Fotos zu sehen, die das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden vor der Verfolgung dokumentieren. tr

Bergsträßer Anzeiger
17. Juni 2011

Dr. Fritz Kilthau bleibt am Ruder
Arbeitskreis Synagoge: Planung der Migrations-Ausstellung geht voran / Vorsitzender wiedergewählt
Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg. Bei den Vorstandswahlen im Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge gab es am Dienstag keine Überraschungen. Die Mitglieder votierten einstimmig für Dr. Fritz Kilthau als Vorsitzenden. Kilthau ist seit 2002 im Amt, das er von seinem Vorgänger Hanns Werner übernommen hatte. Dieser ist jetzt als alleiniger Stellvertreter in der ersten Reihe aktiv, da sich Gründungsmitglied Dr. Claudia Becker aus beruflichen Gründen aus der Vereinsspitze zurückgezogen hat.

Veränderungen im Vorstand
Als Schriftführerin wurde Pia Knaup bestätigt, die Kassenführung übernimmt Wolfgang Becker von Roswitha Zwecker, die im Verein - ebenfalls wegen beruflichen Engagements - kürzer treten will. Auch Ehrenmitglied Kurt Knapp ist aus dem Vorstand ausgeschieden. Der Ehrenbürgermeister verlässt die Riege der Beisitzer, die sich ab sofort aus Pfarrerin Steffi Beckmann, Gründungsmitglied Heinz Frassine, Doris Bonin-Müller und Roswitha Zwecker zusammensetzt. Die Kassenprüfung übernimmt Patricia Preikschat. Dr. Fritz Kilthau dankte allen Abgängern für deren Mitarbeit im Vorstand des Arbeitskreises.

Lehrmaterial für Schulen
Nichts Neues gibt es in Zusammenhang mit dem Vereinsziel: Die Realisierung des detaillierten Nutzungskonzepts (ein Migrationsmuseum) für die ehemalige Synagoge an der Wiesenstraße 5 ist und bleibt in weiter Ferne. An einen Kauf des in Privatbesitz befindlichen Gebäudes ist nach wie vor nicht zu denken. Dennoch bleibt der Arbeitskreis am Ball und feilt weiter an den Inhalten einer Ausstellung über Migration in Südhessen, die schon seit längerem von Kilthau gemeinsam mit Heribert Pauly konzipiert wird.
Wie Pauly im Rahmen der Hauptversammlung erklärte, soll die Ausstellung die wichtigsten Migrationsbewegungen vom 18. bis Mitte des 20. Jahrhunderts beleuchten. Zunächst reicht die Aufarbeitung bis ins Jahr 1945 und soll danach schrittweise erweitert werden. Ein enormer Arbeitsaufwand, wie die Macher bestätigen. Auch deshalb soll die fertige Ausstellung keine einmalige Aufführung werden, sondern Schulen und anderen Bildungseinrichtungen als Lehrmaterial angeboten werden.
Der alte und neue Vorsitzende erinnerte im evangelischen Gemeindehaus Alsbach an die Neuauflage der Broschüre "Als die Synagogen brannten", die sich mit den regionalen Ereignissen in der so genannten Reichpogromnacht 1938 beschäftigt. Das nachkolorierte und inhaltlich erweiterte Heft ist über den Arbeitskreis sowie im Zwingenberger Bürgerbüro erhältlich. Derzeit plant Autor Dr. Fritz Kilthau eine weitere Broschüre, die sich mit der Geschichte beider Zwingenberger Synagogen befasst.

Mitgliederwerbung verstärken
Die Vereinsstärke hat sich im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert, derzeit zählt der Arbeitskreis 38 private sowie sechs öffentlich-rechtliche Mitglieder. In regelmäßigem Kontakt steht der Verein mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Hessen, mit dem Arbeitskreis Bergsträßer Synagogenvereine und der Landeszentrale für politische Bildung.
Einmal mehr plädierte der Vorsitzende für eine forcierte Mitgliederwerbung und aktive Öffentlichkeitsarbeit, bei der möglichst viele Vereinskollegen mitmachen sollten. Auch bei Veranstaltungen, Vorträgen und Projekten sei mehr Engagement auf einer breiten Basis wünschenswert.

Terminplanung
Positiv kommentierte Kilthau das Interesse an der neu gestalteten Internet-Homepage, die als Spitzenwert über 4500 Besucher in einem Monat verzeichnet hatte.
In seinem Ausblick wies der Vorsitzende auf einige Veranstaltungen im laufenden Jahr hin. Unter anderen findet am 10. Juli in der evangelischen Bergkirche eine Lesung mit Beiträgen über die Schriftstellerin Mascha Kaléko statt. Am 13. August ist eine Fahrt zur Gedenkstätte "KZ Osthofen" vorgesehen, am 13. Oktober findet in der katholischen Pfarrgemeinde eine Veranstaltung mit dem Titel "Judentum kennen lernen" statt.

Einzelheiten über die Termine des Arbeitskreises auf der Homepage www.arbeitskreis-zwingenberger-synagoge.de.

Bergsträßer Anzeiger
17. Juni 2011

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