Stadtgang am 19. Juni 2010

Rundgang ganz ohne Idylle
Arbeitskreis Synagoge: Mit Fritz Kilthau hautnah auf den Spuren der lokalen NS-Geschichte

Zwingenberg. Die Führung "Mitten unter uns" rückt nicht die idyllischen Seiten Zwingenbergs in den Mittelpunkt, sondern fokussiert kritisch und analytisch das schwärzeste Kapitel der Stadtgeschichte: die Zeit zwischen 1933 und 1945. Es geht um Verfolgung und Widerstand, um Lebenswege und Schicksale von Zwingenberger Bürgern, deren bisweilen abenteuerliche Biografien in dem gleichnamigen Büchlein nacherzählt werden.
Autor Dr. Fritz Kilthau, Vorsitzender des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge, hatte ein weiteres Mal zu einem historischen Stadtgang eingeladen. Ein Dutzend Teilnehmer folgten den erkennbaren oder bereits verwischten Spuren der NS-Geschichte. Erste Station war die ehemalige Synagoge in der Wiesenstraße. Nach einem Brand 1902 wurde im darauffolgenden Jahr die neue, etwas kleinere Synagoge innerhalb von nur vier Monaten gebaut.
Dass der Bau in der Pogromnacht im November 1938 nicht wie viele andere dem Erdboden gleich gemacht wurde, war einem Toten zu verdanken: Der verstorbene Sohn der Schawwesgoi, einer nichtjüdischen Hilfskraft, lag dort aufgebahrt, so dass die SA "nur" die Scheiben des Gotteshauses eingeworfen sowie Schmuckreliefs entfernt und Davidsterne aus der Einfriedung abgehauen haben.
Das Gebäude wurde am Tag danach für 6000 Reichsmark verkauft. Später forderte die Organisation JRSO, die sich für die Entschädigung der Rechtsnachfolger der Juden einsetzte, noch einmal 6000 Euro von den neuen Eigentümern. In dem denkmalgeschützten Gebäude sind bis heute der Gebetsraum und Teile des Wandschmuckes vorhanden. 1964 wurde das Haus ohne Rücksicht auf dessen historischen Wert umgebaut.
Davidstern erhalten

Am Eingangstor ist noch der siebenarmige Leuchter (Menora) zu sehen, eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums. An der Ostseite des Hauses ist der Davidstern erhalten geblieben. In der Pfarrhausgasse lebte die jüdische Familie Wachenheimer, die vor den Nazis Richtung Frankreich geflohen war. Überlebt haben nur Heinrich Wachenheimer, dessen Bruder in einem KZ starb, und sein Enkelsohn Kurt Abraham.
An der oberen Scheuergasse besuchte die Gruppe das Denkmal von Max Teichmann. Der liberale Verleger ("Bergsträßer Bote") versuchte laut Kilthau, nationalsozialistische Anfeindungen in seinem Blatt nach Möglichkeit zu vermeiden.
Von dort aus ging es weiter in die Untergasse zum Haus des Kommunisten und ersten Zwingenberger Nachkriegsbürgermeisters Ludwig Mütz. Er wurde von den Nazis mehrfach verhaftet und musste insgesamt 45 Monate in Zuchthäusern und Konzentrationslagern verbringen.
Über das alte Rathaus - früher Sitz der örtlichen NSDAP - und den Marktplatz führte der Stadtgang in die Obergasse, wo noch zahlreiche Spuren einstigen jüdischen Lebens zu entdecken sind.
Hier vollzog sich das Schicksal von Familie Schack, der letzten Zwingenberger Juden. Er kam in Auschwitz um, seine Ehefrau hat wohl Selbstmord begangen. Ihre Wohnung wurde in der Pogromnacht brutal zerstört, die fünf Kinder konnten entkommen und haben sich in die ganze Welt verstreut. Wie das NS-Regime nicht nur Menschen ermordet, sondern auch Familien für immer getrennt hat, wurde an dieser Stelle beispielhaft deutlich.
Hans Gärtner (Obergasse), war Zeuge Jehovas und starb im KZ Dachau. Die Spuren der Geschäftsleute Clara und Jakob Wolf (Obergasse) verlieren sich in Auschwitz. Der Kommunist Philipp Steitz (Obergasse) wurde wegen der Verteilung von Flugblättern ins KZ Osthofen verschleppt.

Die Führung endete im Rathaushof vor der Gedenktafel, die 2006 mit den Namen der Verfolgten ergänzt wurde. Mit ihr - wie schon zuvor mit Kilthaus Publikation - hat man die Opfer aus der Anonymität geholt und ihnen ein Gesicht gegeben. tr

Bergsträßer Anzeiger
24. Juni 2010
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(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.