KZ OSTHOFEN

Osthofen – das erste Konzentrationslager der Nazis im Volksstaat Hessen
Jahreshauptversammlung des Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V. mit Vortrag über das KZ Osthofen am Mittwoch, 28. April um 19:30 Uhr im Zwingenberger Alten Amtsgericht

Bereits im März 1933, kurz nach der Machtübernahme Hitlers, hatten örtliche Nationalsozialisten mit Billigung des nationalsozialistischen hessischen Polizeiministers, in einer leerstehenden Papierfabrik im rheinhessischen Osthofen das erste Konzentrationslager im damaligen Volksstaat Hessen eingerichtet. Der Volksstaat Hessen mit Regierungssitz in Darmstadt umfasste die Provinzen Oberhessen, Starkenburg und Rheinhessen.
Von März 1933 bis Juli 1934 wurden in Osthofen politische Gegner der NSDAP aus den Reihen der Gewerkschaften, KPD, SPD, der Katholischen Zentrumspartei und Personen, die den Nazis nicht genehm waren, Juden, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma ohne richterliche Verfügung inhaftiert. Bei vielen Häftlingen war der Anlass ein nichtiger Grund oder lediglich ein Verdacht, um sie nach Osthofen zu verbringen. Für viele von ihnen war dies die erste Etappe einer langen Reihe von Verschleppungen in Gefängnisse, Zuchthäuser und weitere Konzentrationslager.
Der wohl bekannteste Häftling in Osthofen war der SPD-Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff, Weggefährte des 1944 von den Nazis hingerichteten hessischen SPD-Innenministers Wilhelm Leuschner. Die berühmte Mainzer Schriftstellerin Anna Seghers, mit familiären Wurzeln an der Bergstraße, setzte in ihrem bekanntesten Buch „Das siebte Kreuz“ dem KZ Osthofen ein literarisches Denkmal.

„Wegen unerlaubter Flugblattverteilung und des dringenden Verdachts kommunistischer Zusammenkünfte ins Konzentrationslager Osthofen verbracht“ – wurden im September 1933 auch die drei Zwingenberger Ludwig Mütz, Philipp Steitz und Paul Drach.

In Osthofen begannen Unmenschlichkeit und Barbarei, hier wurde sichtbar, wie Menschen von den Nazis, gequält und misshandelt und systematisch entwürdigt wurden. Das schreckliche Ende war nicht ohne Anfang – einer davon lag in Osthofen. Heute haben der Verein „Projekt Osthofen“ und das Land Rheinland-Pfalz in den Räumen des ehemaligen Konzentrationslagers eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung zum Thema „Nationalsozialismus in unserem Land“ eingerichtet.

Auf Einladung des Vorstands wird der pädagogische Leiter der „Gedenkstätte KZ Osthofen“, Heribert Fachinger, am Mittwoch, 28. April 2010, 19:30 Uhr im Saal des Alten Amtsgerichts Zwingenberg über die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers und der heutigen Gedenkstätte des Landes Rheinland-Pfalz referieren. Dieser Vortrag, bereits für das vergangene Jahr geplant, musste damals wegen Erkrankung des Referenten ausfallen.
Nach dem Vortrag lädt der Verein „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“ zu seiner öffentlichen Jahreshauptversammlung ein.
i Vortrag „Die Geschichte des KZ Osthofen“
Referent: Heribert Fachinger, pädagogischer Leiter der „Gedenkstätte KZ Osthofen“
Mittwoch, 28. April 2010, 19:30 Uhr – Saal des Alten Amtsgerichts Zwingenberg


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 6. Mai 2010

Heribert Fachinger sprach über das Konzentrationslager Osthofen

Die Vorwände waren unterschiedlich, das Schicksal der Gefangenen war fast immer gleich: Wegen "unerlaubter Flugblattverteilung und des dringenden Verdachts kommunistischer Zusammenkünfte" wurden die drei Zwingenberger Ludwig Mütz, Philipp Steitz und Paul Drach im September 1933 ins Konzentrationslager Osthofen verschleppt. Wie sie wurden viele Gegner des NS-Regimes und unbequeme Köpfe aus anderen Parteien vom NS-Regime ins Lager gesteckt. Zumeist aus nichtigen Gründen oder aufgrund des geringsten Verdachts.
Osthofen - wenige Kilometer nördlich von Worms - war das erste KZ des ehemaligen Volksstaates Hessen, zu dem damals die Provinzen Oberhessen, Starkenburg und Rheinhessen gehörten. Zwischen März 1933 und Juli 1934 wurden dort politische Gegner der NSDAP aus den Reihen der Gewerkschaften, von KPD und SPD sowie Angehörige des katholischen Zentrums, Juden, Sinti und Roma, sowie andere missliebige Personen ohne richterliche Verfügung inhaftiert. Einer der bekanntesten Häftlingen war der SPD-Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff.
Für das kommende Jahr plant der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge erneut eine Fahrt nach Osthofen. Jetzt sprach der pädagogische Leiter der heutigen Gedenkstätte über die Geschichte und die Zustände im damaligen Lager.
"Psychoterror und Schikanen waren an der Tagesordnung", so Heribert Fachinger im Alten Amtsgericht. Osthofen war ein Teil der schrecklichen Ouvertüre, die von den Nazis in den folgenden Jahren auf grausame Weise perfektioniert werden sollte.
Aus einer 1872 gebauten Papierfabrik in jüdischem Besitz wurde mit Beschluss vom 1. Mai 1933 ein KZ für den Volkstaat Hessen. Urheber war der staatliche Polizeikommissar Werner Best, ein SS-Mann, der im Nazideutschland eine beachtliche Karriere machte. Gemeinsam mit dem Lagerleiter Karl d'Angelo hatte Best eines der ersten regulären KZ im Deutschen Reich geschaffen. Mindestens 3000 Gefangene saßen in Osthofen ein, darunter nur zirka 120 jüdische Häftlinge - die Judenhetze hatte noch nicht ihren Höhepunkt erreicht.
Im rheinhessischen Osthofen wurden vor allem so genannte Feinde des Reichs festgehalten. Die Haftverweildauer betrug in der Regel vier bis sechs Wochen, nur wenige Insassen wurden dort neun Monate festgehalten. Wie Heribert Fachinger erläutert, kam es im Lager anfangs auch zu Begegnungen zwischen einheimischen SA-Leuten und verhafteten Bürgern. "Es gab zum Teil persönliche Beziehungen. Die Auswirkungen dieser Situation wirken vor Ort bis heute nach." Zwischen den Nachkommen beteiligter Familien herrscht bis heute Eiszeit. "Über das Thema wurde und wird nicht geredet", so Fachinger weiter.
Im Herbst 1933 wurden die SA-Männer auf Weisung Bests von SS-Mitgliedern aus Darmstadt und Offenbach abgelöst. Die Gefangenen litten unter Misshandlungen, Demütigungen und Krankheiten sowie den unmenschlichen hygienischen Verhältnissen. Auch die Nahrungsversorgung war miserabel. Die Aufseher schikanierten die Insassen durch lächerliche Tätigkeiten und Arbeitseinsätze. Hinzu kam die psychische Folter, viele Menschen wurden systematisch isoliert und terrorisiert. Einigen gelang die Flucht, was laut Fachinger auch die schlechte Bewachung des Lagers Osthofen spiegelt. Bei der Auflösung im Juli 1943 saßen noch gut 80 Menschen in "Schutzhaft". Sie wurden in Darmstadt inhaftiert oder wurden ins KZ Dachau gebracht.
Auch wer "entlassen" wurde, hatte keine Aussicht auf Freiheit: Viele ehemalige Häftlinge wurden weiterhin von den Nazis schikaniert und auf andere Weise verfolgt. Etliche mussten in Minensuchkommandos ihr Leben lassen.
1986 gründete sich der Förderverein der Gedenkstätte Osthofen. Die Stadt Zwingenberg ist offizielles Mitglied. tr

Bergsträßer Anzeiger
06. Mai 2010

Migrations-Museum bleibt langfristiges Ziel
Hauptversammlung:
Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge bereitet neue Ausstellung vor

Zwingenberg. Das Vereinsziel ist klar definiert: Die ehemalige Synagoge in der Wiesenstraße soll zu einem Migrationsmuseum werden. Auch wenn der Kauf des in Privatbesitz befindlichen Gebäudes weiterhin in weiter Ferne liegt, denkt der Arbeitskreis Synagoge seit langem über die Details des auch von der Stadt Zwingenberg favorisierten Nutzungskonzepts nach. Mit der Ausstellung "Migration in Südhessen" will Vorsitzender Dr. Fritz Kilthau das Thema demnächst in die Öffentlichkeit bringen.
Im Rahmen der Jahreshauptversammlung stellte Kilthau jetzt die thematischen Details vor. Schwerpunkt bildet die Emigration von Juden in den europäischen Osten und Westen sowie nach Übersee sowie die Auswanderung südhessischer Juden während der Zeit des Nationalsozialismus. Auch die Migration nach Südhessen unter anderen von Sinti, Roma, Glaubensflüchtlingen, ausländischen Wanderarbeitern und Asylsuchenden soll ausgiebig beleuchtet werden.

Vorurteile abbauen

Für Kilthau ist die gemeinsam mit Heribert Paulykonzipierte Ausstellung nicht nur eine Erinnerung an die frühere jüdische Gemeinde, sondern ein wichtiges Signal für den Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen anderer Religionen, Kulturen und Nationalitäten und zur Förderung von Toleranz und Völkerverständigung im Allgemeinen. Besondere Aufmerksamkeit soll in diesem Zusammenhang der Region Bergstraße zukommen.
In seinem Ausblick skizzierte der Vorsitzende die neuen Projekte. Darunter ein Vortrag über die Reichpogromnacht im Kreis Bergstraße, der erstmals bei der Zwingenberger Gedenkveranstaltung im November zu hören sein wird. In Vorbereitung ist eine Broschüre über die beiden Zwingenberger Synagogen, mit der die gehaltvolle Reihe des Arbeitskreises ergänzt wird.
Als positiv bewertete Dr. Fritz Kilthau die Entwicklung der Mitgliederzahlen, die sich nach drei Neuzugängen wieder bei 38 Aktiven eingependelt hat. Nach wie vor wird der Verein von sechs öffentlich-rechtlichen Mitgliedern unterstützt. Dennoch plädierte der Vorsitzende, seit Jahren der rührige Motor des Vereins, für mehr aktive Mitarbeit bei diversen Projekten: "Wir sollten die Arbeit auf mehr Schultern verteilen." Auch die Mitgliederwerbung müsse forciert werden. Die stellvertretende Vorsitzende Dr. Claudia Becker dankte Kilthau für dessen wegweisende Arbeit im Verein. Er ist Verfasser der Publikationen, Organisator von Stadtrundgängen und engagierter Umschlagplatz von Informationen und Kontakten. Der Arbeitskreis ist in vielen regionalen und überregionalen Vereinigungen beteiligt, unter anderem bei der Landeszentrale für politische Bildung. Darüber hinaus arbeitet er mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen sowie im Arbeitskreis Bergsträßer Synagogenvereine mit. tr

Bergsträßer Anzeiger
06. Mai 2010
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