Anna Seghers' Vorfahren kamen aus Auerbach

Anna Seghers’ Vorfahren kamen aus Auerbach
Hans-Willi Ohl berichtet über die berühmte Schriftstellerin und ihre Bergsträßer Verwandten

Anna Seghers ist vielen als wohl bedeutendste Exil-Schriftstellerin der Nazizeit bekannt. Ihr 1942 veröffentlichter Roman „Das siebte Kreuz“ erlangte Weltruhm, wurde bereits 1944 verfilmt und in viele Sprachen übersetzt. Neben diesem Roman hat sie eine große Anzahl Erzählungen, weiterer Romane und Sagen in klarer, ausdrucksvoller und beeindruckender Sprache geschrieben. Für ihre Werke erhielt Anna Seghers u.a. 1928 den Kleistpreis und 1947 den Georg-Büchner-Preis. 1981 wurde sie von ihrer Geburtsstadt Mainz zur Ehrenbürgerin ernannt.

Viele wissen allerdings nicht, dass ihre Vorfahren väterlicherseits von der hessischen Bergstraße stammen: Anna Seghers – dies war später ihr Künstlername - wurde im Jahr 1900 als Netty Reiling in Mainz geboren. Sie war die Tochter des angesehenen jüdischen Mainzer Kunst- und Antiquitätenhändlers Isidor Reiling und seiner Ehefrau Hedwig Fuld aus Frankfurt. Ihr Großvater David Reiling war 1859 nach Mainz gezogen – er stammte aus Auerbach, wo er 1833 geboren wurde. Sein Stiefbruder, Anschel Reiling, führte in Bensheim ein „Manufactur-Waren und Confections-Geschäft“ am dortigen Marktplatz – Ecke Hauptstraße / Bahnhofstraße. Dieses Geschäft wurde in der Nazizeit von Blüm & Krämer übernommen und bestand bis vor wenigen Jahren als „Kaufhaus Krämer“.
Hans-Willi Ohl, Leiter der Außenstelle Michelstadt des Darmstädter Abendgymnasiums, befasst sich seit seiner Studienzeit mit Anna Seghers und ihrem Werk. Am Donnerstag, 12. Juni 2008, 19:30 Uhr wird er in der ehemaligen Auerbacher Synagoge in einem Bildvortrag auf Leben und Werk von Anna Seghers sowie auf ihre Bergsträßer Vorfahren eingehen.

Die Veranstaltung wird gemeinsam organisiert vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge, von der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger, Bensheim, und dem Auerbacher Synagogenverein.

i Bildvortrag „Anna Seghers’ Vorfahren kamen aus Auerbach“ mit Hans-Willi Ohl, Darmstadt
Donnerstag, 12. Juni 2008, 19:30 Uhr
Ehemalige Synagoge Auerbach, Bachgasse 34


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 18. Juni 2008

Vortrag in der Synagoge: Vorfahren der Exil-Schriftstellerin lebten in Auerbach und Bensheim
Anna Seghers - eng mit der Bergstraße verwurzelt

Auerbach. Wer an Anna Seghers denkt, der denkt wohl in erster Linie an eine der bedeutendsten Exil-Schriftstellerinnen, an den berühmten Roman "Das siebte Kreuz" oder einfach an eine starke, interessante Persönlichkeit. Die wenigsten wissen, dass Anna Seghers eng mit der Bergstraße verwurzelt ist.

Auerbacher Vorfahren? Bensheimer Verwandte? Auf eine faszinierende Spurensuche begaben sich am Donnerstag - trotz Deutschland-Spiel bei der Fußball-Europameisterschaft und strömendem Regen - zahlreiche Besucher des Bildvortrags von Hans-Willi Ohl in der ehemaligen Synagoge. Hans-Willi Ohl, Leiter der Außenstelle Michelstadt des Darmstädter Abendgymnasiums, befasst sich seit vielen Jahren mit Anna Seghers und ihren Werken und bot eine Fülle an Informationen.

Nach einem mit Anekdoten und Fakten gespickten Vortrag über Leben und Werke der Schriftstellerin, ging es zum spannenden Teil der Veranstaltung über. Anna Seghers, die mit bürgerlichem Namen Netty Reiling hieß, war gebürtige Mainzerin, deren Familienwurzeln jedoch bis nach Auerbach und Bensheim zurückreichen. So wurde ihr Großvater David Reiling 1833 in Auerbach geboren, ehe es ihn 26 Jahre später in die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz verschlug.

Etliche Vorfahren mit Lebensdaten zwischen dem 18. und frühen 19. Jahrhundert stammen ebenfalls aus dem größten Bensheimer Stadtteil. Und auch in Bensheim selbst findet sich ein stark verästelter Stammbaum. Einen für die Stadt besonderen Vertreter der Seghers/Reiling-Familienkonstellation findet man in Anschel Reiling, dem Stief-Großvater Anna Seghers, der am Bensheimer Marktplatz ein "Manufactur-Waren und Confections-Geschäft" führte, welches bis vor wenigen Jahren noch als "Kaufhaus Krämer" bestand. Hans-Willi Ohl hatte sogar noch alte Zeitungsannoncen im Repertoire, in welchen Anschel Reiling einen Umzug und einen Räumungsverkauf ankündigte.

Auf dem Alsbacher Judenfriedhof gibt es Gräber etlicher direkter Vorfahren Anna Seghers' zu besichtigen. Unter anderem haben der Ur-Urgroßvater Gabriel Reiling, der Ur-Großvater Joseph Löb Reiling und die Ur-Großmutter Magdalene, geborene Oppenheimer, dort ihre letzte Ruhe gefunden. Interessant war auch die Tatsache, dass Anna Seghers in Heidelberg studierte - ein Ort, dessen Hörsäle auch einigen Anwohnern bekannt sein dürfe.

Die Veranstaltung, für die der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge, der Auerbacher Synagogenkreis und die Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger verantwortlich waren, gestaltete sich als interessantes Pendant zum vergangenen Anna Seghers-Vortrag und war sehr informativ.

Der Referent hat in Anbetracht einer solch berühmten und auch faszinierenden Frau mit Sicherheit einige der anwesenden Bergsträßer mit Stolz erfüllt. sb

Bergsträßer Anzeiger
18. Juni 2008
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