Erinnerung an das Kriegsende in Zwingenberg 1945

„Man kann wieder „Guten Tag“ sagen“ – das Kriegsende in Zwingenberg am 27. März 1945
Agathe Jaenicke, Schwalbach am Taunus, liest aus den Tagebüchern ihrer Familie – Veranstalter sind der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge und die Zwingenberger Kirchengemeinden

Am Dienstag, den 27. März 1945, marschierten die Amerikaner mittags von Norden und Westen in Zwingenberg ein – vorausgegangen war am Tag zuvor eine Bombardierung der Stadt, bei der etliche Häuser zerstört und drei Menschen ums Leben kamen. Die deutschen Soldaten, die Panzersperren an drei Stellen in Zwingenberg erstellen ließen und von der oberen Wetzbach aus mit einem Geschütz auf die anrückenden amerikanischen Panzer schossen, waren aus Zwingenberg geflohen – zuvor hatten sie noch den alten Melibokusturm gesprengt. Immer mehr weiße Fahnen wurden gehisst. An der Ecke B3 / Bahnhofstraße übergab Bürgermeister Kissel die Stadt – hinter den Stoßtrupps zogen nun amerikanische Panzer in Zwingenberg ein.

„Nun sind seit gestern Nachmittag (27. März) die Amerikaner da, und dieser Spuk von Partei und Schrecken und Gräuel ist nun verschwunden. Man kann wieder „Guten Tag“ sagen, und die Bonzen haben bleiche und erschreckte Gesichter! Oh, wie gönnt man ihnen das nach all dem Scheußlichen, was sie verbreitet und der Anmaßung und Unverschämtheit, die sie ausgeübt haben!“ Dies schrieb Helene Calvelli-Adorno in ihr Tagebuch über die Befreiung Zwingenbergs. Sie wohnte mit ihrem Mann Franz Calvelli-Adorno, ihrem Schwiegervater Louis Calvelli-Adorno – einem Onkel des berühmten Philosophen, Soziologen und Musiktheoretikers Theodor W. Adorno - und ihrer Tochter Agathe zu Kriegsende in der „Butterdos“, einem kleinen Häuschen Ecke Orbisstraße / Jugenheimer Straße bei ihrer Freundin Clementine Kühner. Nach zunehmenden Luftangriffen waren sie aus Frankfurt/Main an die Bergstraße gezogen. Alle nach Zwingenberg umgesiedelten Mitglieder der Familie Calvelli-Adorno schrieben detaillierte Tagebücher oder machten Aufzeichnungen - auch die 14jährige Agathe (1). Sie berichteten über die Situation ihrer Familie, Freunde und Bekannten, über die Vorkommnisse in Zwingenberg und Umgebung, über die hiesige Lebensmittelversorgung, über ihre nächtliche Schutzsuche vor den Kriegsauseinandersetzungen im Alsbacher Schloss, über die Bewegungen und den Einmarsch der amerikanischen Truppen und vieles mehr.

Aus diesen spannenden Tagebüchern wird die Tochter Agathe Jaenicke aus Schwalbach am Taunus, bei einer Lesung am Mittwoch, 13. April 2005, 20 Uhr im katholischen Pfarrzentrum vortragen, von ihren eigenen Erlebnissen in Zwingenberg berichten und mit den Zuhörern diskutieren. Dr. Claudia Becker wird das Gespräch moderieren.

(1) Details der Lebensgeschichte der Familie Calvelli-Adornos und Auszüge aus den Tagebüchern wurden in den Geschichtsblättern des Kreises Bergstraße, Band 35 (2002), S. 291-313 vorgestellt: Fritz Kilthau, „Das Kriegsende 1945 in Zwingenberg an der Bergstraße nach Aufzeichnungen der Familie Calvelli-Adorno“.

i Lesung von Agathe Jaenicke, Schwalbach am Taunus
Mittwoch, 13. April 2005, 20 Uhr – Katholisches Pfarrzentrum
Veranstalter: Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge, die evangelischen Kirchengemeinden Zwingenberg und Alsbach sowie die katholische Pfarrgemeinde Zwingenberg



Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 16. April 2005

Zwei Jahre lang in der "Butterdose" untergeschlüpft


Agathe Jaenicke, ein Mitglied der Familie Calvelli-Adorno, erinnert sich auf Einladung des AK Synagoge an das KriegsendeZwingenberg. Es gab sie auch in Zwingenberg: Menschen, die Zivilcourage besaßen und Verantwortungsbewusstsein - und das in einer Zeit, in der schon ein einziges falsches Wort das Todesurteil bedeuten konnte. Agathe Jaenicke, geborene Calvelli-Adorno, erzählte am Mittwochabend von solchen Menschen und ihrer "unerschütterlichen Haltung" - und vom Einmarsch der Amerikaner am 27. März 1945, dem Kriegsende, das sie in Zwingenberg erlebte.
Zwei Jahre fand sie mit ihrer Familie Unterschlupf im Häuschen von "Tante Tine Kühner", der "Butterdose" . Es war das letzte Haus in der Orbisstraße, bevor es nach Alsbach ging, erinnerte sich Agathe "Gathi" Jaenicke, die damals ein Teenager war. Und "bei den Kühnes konnten wir alle so reden, wie uns der Schnabel gewachsen war, ohne Angst und Scheu". Später zog der Clan in den Haushalt von Dr. Mischlich.
Insgesamt sieben Jahre hat die Familie Calvelli-Adorno, die letzten Jahre auch mit dem aus seinem Versteck im Sanatorium Bühler Höhe bei Baden-Baden zurück gekehrten Vater Franz, in Zwingenberg und Bensheim verbracht. Von dieser Zeit ab 1943 berichtete Agathe Jaenicke, die heute in Schwalbach im Taunus wohnt. Die Zeitzeugin las aus den Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter, Helene Calvelli-Adorno und aus den Lebenserinnerungen ihres Vaters ("Wir waren eine Briefschreibefamilie").
Eingeladen zu dieser besonderen Gedenkveranstaltung zum Kriegsende vor 60 Jahren, hatten der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge und die beiden Kirchengemeinden. Besonders groß war die Freude bei der agilen und sympathischen älteren Dame darüber, dass sie unter den zahlreichen Zuhörern auch drei ehemaligen Klassenkameradinnen aus der Liebfrauenschule entdeckte.
Die Nazi-Herrschaft hat auch in der Familie Calvelli-Adorno unauslöschbare Spuren hinterlassen. Die jüdische Großmutter von Agathe, Helene, wurde am 14. Februar 1945 mit einem Viehtransport von Frankfurt aus ins KZ nach Thersienstadt deportiert. Sie verstarb bald nach der Befreiung schwer krank in einem Bensheimer Krankenhaus.
Vater Franz musste untertauchen, die beiden älteren Brüder von "Gathi" kamen mit dem Kindertransport 1939 nach England und wuchsen bei einer fremden Familie auf. In der engen "Butterdos" in Zwingenberg drängten sich in den Wochen vor Kriegsende sieben Personen. Neben der Besitzerin Clementine "Tine" Kühner, deren Schwester Else, Fräulein Schulz und die Calvelli-Adornos mit Helene, Franz, Agathe und Großvater Louis. gs
© Bergsträßer Anzeiger - 16.04.2005

"Angst, Alltag und Abenteuer"

Notizen aus dem Tagebuch

Zwingenberg. Für die damals 14 Jahre alte Agathe Jaenicke war die schreckliche Zeit "eine Mischung aus Angst, Alltag und Abenteuer". Sie musste weiterhin Latein büffeln und am Klavier üben. Die Mutter gab dem Apothekerkind Herms ebenfalls Lateinunterricht und wurde dafür in Naturalien, nämlich mit Lebertran bezahlt. "Darin brieten wir dann unsere Kartoffeln", erinnerte sich die Vorleserin.
Am 23. März 1945 hörte Helene Calvelli von der Photographin Höhn in der Obergasse, dass die Amerikaner den Rhein bei Gernsheim überquert haben. "Ich war vom freudigen Schlag gerührt", schreibt die Mutter in ihrem Tagebuch. Die kleine Notgemeinschaft mit dem gerade heim gekehrten Vater - "vier Alte über 70, Tantine, Tante Else, Fräulein Schulz und Opa der Senior mit 78" - hielt Kriegsrat, wo man sicher sei. Man hatte die Nachricht erhalten, dass mitten durch Zwingenberg die Hauptkampflinie führt und bereits Geschütze aufgestellt sind.
Die zwei kommenden Tage und Nächte verbrachten Familienangehörigen und Freunde in einem Hohlweg am Nordwesthang des Alsbacher Schlosses. "Eine seltsame Karawane. Als Feldmarschall der 78-jährige Opa, dann Tante Else am Vorabend ihres 75. Geburtstages, Tante Lore Schultz 71-jährig, Tantine 70 Jahre alt, der 50-jährige Bär, der 47-jährige Beuno und das 14-jährige Elslein. Alle hochbepackt".
Von ihrem Lagerplatz im oberen Schlosshof aus, konnten sie brennende Dörfer sehen, Kanonendonner und Gewehrschießen hören. Später kamen die Tiefflieger. Zum Schlafen legte sich die Familie auf ein Laublager an der alten Schlossmauer.
"Ewig wird es mir unvergesslich sein, das Zischen und Pfeifen der Granaten, der Geschützdonner, das Echo - von der Orbishöhe bollerte ,unser' Geschütz, und von Rodau her beschossen die Amerikaner Zwingenberg. Es war eine höllische Nacht", hält Helene Cavelli in ihrem Tagebuch fest. Nach zwei Nächten im Freien marschierte die Gruppe wieder in ihre "Butterdos". Gegen 9 Uhr in der Früh gab es einen furchtbaren Knall. Die Deutschen hatten den alten Melibokusturm in die Luft gesprengt.
In den Straßen und Gassen waren bereits überall Amerikaner: "Man kann wieder guten Tag sagen, und die Bonzen haben bleiche und erschreckte Gesichter. Oh wie gönnt man Ihnen das nach all dem Scheußlichen, was sie verbreitet und der Anmaßung und Unverschämtheit, die sie ausgeübt haben".
Fritz Kilthau bedankte sich im Namen der Veranstalter bei Agathe Jaenicke und der Moderatorin Dr. Claudia Becker. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass es noch mehr Informationen über das Kriegsende im Band 35 der Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße gibt. gs

© Bergsträßer Anzeiger - 16.04.2005

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