Anfänge der NS-Herrschaft in unserem Raum

Öffentliche Jahreshauptversammlung des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“: Brigitte Jährling referiert über die Anfänge der NS-Herrschaft in und um Bensheim

Es ist schon Tradition: Bei den Jahreshauptversammlungen des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V“ geht es nicht nur um die Wahl des Vorstands, den Bericht über das vergangene Vereinsjahr und die Planungen für die kommende Zeit, sondern man möchte die notwendigen Vereinsregularien durch interessante Vorträge ergänzen: Im letzten Jahr berichtete der Bensheimer Pfarrer Karl Kunkel über seine Verfolgung während der NS-Zeit, ein Jahr zuvor referierte die Ausländerbeauftragte des Kreises Bergstraße, Brigitte Paddenberg, zum Thema „Migration gestern und heute – Zusammenleben beginnt in der Nachbarschaft“ und im Jahr 2002 fragte Renate Knigge-Tesche von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung „Brauchen wir heute noch Gedenkstättenarbeit?“ In diesem Jahr wird Oberstudienrätin Brigitte Jährling aus Lorsch, Lehrerin am Bensheimer Goethe-Gymnasium, über die Anfänge der nationalsozialistischen Herrschaft in und um Bensheim berichten: Sie erzählt von den blutigen politischen Ausschreitungen und dem Terror vor und zu Beginn der NS-Herrschaft, sie analysiert die lokalen Ergebnisse der Reichstagswahl vom 5. März 1933. Berichtet wird von der Absetzung des Bensheimer Bürgermeisters und seiner Kollegen im Kreis, den „Säuberungen“ in Verwaltungen, Polizei und Schulen und der so genannten „Gleichschaltung“ der bürgerlichen Vereine. „Weswegen kam jemand ins KZ Osthofen?“ wird ein weiteres interessantes Thema des Vortrags von Brigitte Jährling sein. Ihre Kenntnisse stammen aus Verwaltungsakten, Verordnungen, Zeitungsberichten und Zeitungsanzeigen, aus persönlichen Niederschriften und Briefen, aber auch aus Vernehmungsprotokollen, die sie nach ihrem Studium der Politikwissenschaften an der TH Darmstadt auswertete.
Dem Referat schließen sich der Bericht des Vorsitzenden Dr. Fritz Kilthau über vergangene und geplante Veranstaltungen sowie die Berichte des Schatzmeisters Reinhold Dinges und Kassenprüfers Wolfgang Becker an; anschließend erfolgt die Neuwahl des Vorstands. Mitglieder, Freunde des Vereins und Interessierte sind zur öffentlichen Jahreshauptversammlung des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“ am Mittwoch, 11. März 2005, 20:00 Uhr im katholischen Pfarrzentrum Zwingenberg, Heidelberger Straße 18 recht herzlich eingeladen.

i Öffentliche Jahreshauptversammlung des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“
Mittwoch, 11. Mai 2005, 20:00 Uhr
Katholisches Pfarrzentrum Zwingenberg, Heidelberger Straße 18


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 14. Mail 2005

Aus der Synagoge eine Gedenkstätte machen - ein unerreichbares Ziel ?
Jahreshauptversammlung des "Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge" / Vorstand eindrucksvoll im Amt bestätigt / Verein benötigt weitere Mitstreiter

Zwingenberg. Stadtrundgänge auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand, Vorträge über "Jiddische Spuren im südhessischen Dialekt" und eine Reihe verschiedenster Lesungen - der "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge" war in den vergangen zwölf Monaten äußerst aktiv. Mit vielen abwechslungsreichen Veranstaltungen hat der Verein Ideenreichtum und Tatkraft bewiesen. Für die Mitglieder kein Grund die Hände in den Schoß zulegen: Auch für die kommenden Monate ist schon wieder eine Menge geplant.
Straff war auch das Programm der Jahreshauptversammlung, zu der sich die Mitglieder des Vereins am Mittwochabend trafen: Zuerst ein Vortrag von Brigitte Jährling über "die Anfänge der NS-Herrschaft in und um Bensheim", dann wurde ruckzuck ein neuer Vorstand gewählt. Diskussionen gab es dabei keine, die Mitglieder waren sich alle einig:
An der Spitze des Vereins wird auch künftig Dr. Fritz Kilthau als Vorsitzender stehen. Ihm galt ein großes Dankeschön: "Es ist wirklich eine wunderbare Sache, was du alles für den Verein tust", so der zweite Vorsitzende Hanns Werner stellvertretend für die Mitglieder. Und Gründungsvorsitzende Dr. Claudia Becker fügte eilig hinzu: "Wir freuen uns auf viele weitere tolle Jahre mit Ihnen."
Zweiter Vorsitzender des Vereins wird weiterhin Hanns Werner sein, zur Schriftführerin wurde Dr. Claudia Becker gewählt. Schatzmeister bleibt Reinhold Dinges. Komplettiert wird das Vorstands-Team durch eine ganze Reihe Beisitzer, in dieses Amt wurden Wolfgang Becker, Heinz Frassine, Dr. Christoph Klock, Kurt Knapp, Ulrike Scherf, Hannelore Schramm, Harry Schramm und Renate Weber gewählt. Kassenprüfer sind Friedrich Schuchmann und Patricia Preikschat.
In den vergangenen Monaten hat der Verein, der sich für den Erhalt der Zwingenberger Synagoge sowie die Begegnung und Verständigung zwischen Menschen verschiedener Religionen, Kulturen oder Generationen engagiert, so einiges auf die Beine gestellt. Im Rahmen einer Foto-Show ließ Dr. Fritz Kilthau die Ereignisse Revue passieren. Zu sehen waren da zum Beispiel Dr. Jeffrey und Michael Shaman, die auf Einladung des Vereins die Stätten ihrer jüdischen Vorfahren in Zwingenberg besuchten. Oder aber Walter Ulrich aus Darmstadt, der über "Jiddische Spuren im südhessischen Dialekt" informierte. Dr. Fritz Kilthau: "Das war ein schöner Vortrag und es kamen auch viele Leute, die sonst nicht bei uns vorbeischauen."
Im März stand eine verspätete "Geburtstagsparty" auf dem Programm, der Verein konnte sein fünfjähriges Bestehen feiern. Schöne Erinnerungen verbinden die Mitglieder auch mit einer Lesung von Eva Kassewitz de Vilar: "Wenn du es doch erlebt hättest, Vater", so lautet der Titel ihres autobiographischen Werkes, in dem sie vom Schrecken der Nazi-Herrschaft und ihrer Emigration nach Bolivien berichtet. Noch zwei weitere Veranstaltungen setzten sich mit dem Nationalsozialismus auseinander: Der Rezitator Arnim Reinert erinnerte am Beispiel von Joseph Roth an die Bücherverbrennungen im Jahr 1933.
Und zum Gedenken an die Befreiung Zwingenbergs am 27. März 1945 war Agathe Jaenicke zu Gast, die das Kriegsende im ältesten Bergstraßenstädtchen miterlebt hat.
Auch bei Radio Melibokus war der Verein zu hören, auf dem Weihnachtsmarkt wurden Lose verkauft. Zusätzlich stand die Mitarbeit in zahlreichen Initiativen auf dem Programm, etwa bei der Projektarbeit "Schule ohne Rassismus".
Wie aber steht es um die Synagoge? "Das Ziel, die Synagoge als Gedenkstätte einzurichten ist kurzfristig nicht erreichbar - aber es bleibt unser Ziel", so Dr. Fritz Kilthau. Mit der Erstellung eines Arbeitspapiers zur künftigen Nutzung der Synagoge wurde hier ein weiterer Schritt gemacht.
Auch darüber hinaus hat der Verein vieles geplant: Am 3. Juli wird in der Bergkirche ein Konzert mit Irith Gabriely, Riad Kheder und Hans-Joachim Dumeier stattfinden. Die Ferienspielkinder können sich auf die Aktion "Handwerk zur Zeit Jesus in Palästina" freuen.
Trotz aller positiver Entwicklung - einen Wunsch hat Dr. Fritz Kilthau doch noch für den Verein: "Es wäre schön, wenn wir verstärkte Mitarbeit erhielten. Wir können neue Mitglieder wirklich gut gebrauchen - vor allem junge." dia
© Bergsträßer Anzeiger - 14.05.2005

Nazis terrorisierten auch die Region
Brigitte Jährling referiert beim des AK Synagoge über "Faszination und Gewalt"

Zwingenberg. Samstag, 11. Februar 1933: In Auerbach und Bensheim kommt es am Nachmittag zu einer Schlägerei zwischen Nazis und Kommunisten. An beiden Orten greifen Nazis zur Waffe, es fallen Schüsse. Das Resultat: Ein Toter - ein 23-jähriger städtischer Bediensteter, der auf dem Weg zur Post war und mit den Auseinandersetzungen absolut nichts zu tun hatte - und zwei Verletzte. Ein frühes Zeichen der Gewalttätigkeiten durch die Nationalsozialisten, deren Herrschaft 1933 ihren Lauf nahm - auch in Zwingenberg und der nahen Umgebung.
Brigitte Jährling, Oberstudienrätin am Bensheimer Goethe-Gymnasium, war am Mittwoch bei der Jahreshauptversammlung des "Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge" zu Gast, um über die Anfänge der NS-Herrschaft in der Region zu referieren. Unter der Überschrift "Faszination und Gewalt" berichtete sie von blutigen politischen Ausschreitungen, von "Säuberungen" in Verwaltung, Polizei und Schulen, der so genannten "Gleichschaltung" der bürgerlichen Vereine und dem KZ Osthofen.
Die Ausschreitung im Februar 1933 war laut Brigitte Jährling weder die erste noch die einzige gewalttätige politische Auseinandersetzung im damaligen Kreis Bensheim. Schon 1931 und 1932 sei es etwa in Hochstädten oder Reichenbach zu politischen Schlägereien und Saalschlachten gekommen. Insgesamt, so die Oberstudienrätin, sei Hitler bei der Handhabung von Gewalt psychologisch geschickt vorgegangen: "Genug, um die Mehrheit einzuschüchtern, aber nicht so viel, dass es zu allgemeinem Widerstand reizte." Doch als Erklärung für die erfolgreiche Ausschaltung politischer Gegner sei Gewalt allein nicht ausreichend: "Die Faszination, die von der NSDAP und Hitler ausging, gehört ebenfalls dazu."
Ihr Wissen hat Brigitte Jährling aus einer umfangreichen Recherche bezogen: Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft an der TU Darmstadt hat sie sowohl Vernehmungsprotokolle und persönliche Schriften als auch Verwaltungsakten, Verordnungen und Zeitungen ausgewertet.
So konnte sie etwa auch einen fundierten Überblick über die Ergebnisse der Reichstagswahl vom 5. März 1933 geben. "Das Wahlergebnis", so die Referentin, "war an der hessischen Bergstraße in weiten Teilen keineswegs ein Triumph der Nazis." In Bensheim, damals noch Kreisstadt, lagen NSDAP und Zentrum mit je etwa einem Drittel der Stimmen nahezu gleichauf. Von der absoluten Mehrheit war die NSDAP in Bensheim also weit entfernt. Ein völlig anderes Bild habe sich dagegen in Gemeinden mit überwiegend evangelischer Bevölkerung geboten: "Sie waren Hochburgen der NSDAP."
Nach den Wahlen wurde per Gesetz verfügt, dass die Stimmenverhältnisse des Reichstages auch in den Kommunen umgesetzt werden müssen. Infolgedessen seien in vielen Städten und Gemeinden Bürgermeister abgesetzt worden. "Fast überall", so Brigitte Jährling, "verlieh man Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft und benannte wichtige Straßen nach ihm und anderen Nazigrößen."
Jährling, "verlieh man Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft und benannte wichtige Straßen nach ihm und anderen Nazigrößen."
Von den "Säuberungen" durch die Nationalsozialisten war auch Zwingenberg betroffen, zum Beispiel seien Polizisten des Städtchens entlassen worden. Die "Gleichschaltung" hat laut Brigitte Jährling sogar Vereine umfasst: "Bei handwerklichen oder bäuerlichen Zusammenschlüssen, in den Ortsgewerbevereinen und nicht zuletzt bei den Feuerwehren wurde die Führung auf politische Zuverlässigkeit überprüft und gegebenenfalls ausgetauscht - auch in Zwingenberg."
Immer wieder untermalte Brigitte Jährling ihren Vortrag mit Graphiken, präsentierte mit Zeitungsausschnitten und Fotografien Anschauungsmaterial. So konnten sich die Gäste des Vortrags auch ein Bild des Konzentrationslagers in Osthofen bei Worms machen, über das Brigitte Jährling abschließend berichtete. Schon Mitte April 1933 dürften sich, laut der Referentin, etwa 180 Häftlinge in dem reinen Männer-KZ, einem so genannten "Erziehungslager", befunden haben. Die Gründe für die Inhaftierung? Zum Beispiel kritische Äußerungen über Hitler oder die Regierung. "Oft genügte allein schon der Verdacht." dia

© Bergsträßer Anzeiger - 14.05.2005

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