Salim Alafenisch

Salim Alafenisch erzählt „Geschichten aus dem Beduinenzelt“ für Erwachsene
Der bekannte palästinensische Erzähler und Schriftsteller zu Gast beim Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge

Während der Zwingenberger Ferienspiele 2003 hat der bekannte Schriftsteller und Erzähler Salim Alafenisch – auf Einladung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge – nicht nur die Jugendlichen mit seinen orientalischen Geschichten von Kamelen, Beduinenzelten und schönen Prinzessinnen begeistert, sondern auch damit den Geschmack der zuhörenden Erwachsenen getroffen. Man beschloss, Salim Alafenisch erneut zu einer Lesung einzuladen – diesmal mit Geschichten für Erwachsene.
Salim Alafenisch hat die Kunst des Geschichtenerzählens von seiner Mutter, der Frau eines nomadischen Beduinenscheichs aus der Negev-Wüste, im Ziegenhaarzelt gelernt. „Die Welt meiner Kindheit und Jugendzeit war das Zelt“, erinnert sich Alafenisch. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele seiner Geschichten - frei und lebendig erzählt - auf diesen Wohnbereich beziehen. Im Scheichzelt seines Vaters wurden die Gäste mit gewürztem Kaffee bewirtet, es wurde viele Geschichten erzählt und es wurde Recht gesprochen – dort nahm Salim Alafenisch die Traditionen seines Stammes in sich auf. Die realen Veränderungen im Leben der palästinensischen Nomaden - vom Umzug aus dem schwarzen Zelt ins Steinhaus - werden von Alafenisch literarisch kommentiert: In seiner Geschichte "Das versteinerte Zelt" kann der berühmte Stammesmusiker Musa nicht mehr träumen, seit er in das städtische Steinhaus eingezogen ist und zur Sesshaftigkeit gezwungen wurde. "Vielleicht fühlen sich die Träume in den engen Mauern des Hauses eingesperrt", rätselt seine Frau. "Im Zelt aus Ziegenhaar sind die Träume frei. Sie können wandern und durch die Zeltlöcher rein- und rausschlüpfen."
Der 1948 geborene Schriftsteller und Erzähler bekam erst mit 14 Jahren die Möglichkeit, in einer Schule Lesen und Schreiben zu lernen. Nach dem Abitur in Nazareth studierte er in London und Heidelberg Soziologie, Ethnologie und Psychologie. Heute ist er freier Schriftsteller, lebt in Heidelberg und ist viel gefragter Märchen- und Geschichtenerzähler. Salam Alafenischs Erzählungen - in freier Rede ohne Manuskript vorgetragen - sind verzaubernd und betörend, man glaubt die orientalischen Gerüche wahrzunehmen. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung schreibt: "Alafenischs Geschichten von klagenden Palmen, von mächtigen Nächten, die Wünsche erfüllen, von süßen Äpfeln aus dem Garten Damaskus, von weisen Kadis und noch weiseren Frauen entführen in eine wunderbare und wundersame Welt." Das Publikum wird nicht nur in eine fremdländische Welt entführt, sondern erfährt auch vieles über Sitten und Gebräuche der orientalischen Völker. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über seine Lesungen: „Es sind vielleicht auf den ersten Blick nicht die drängendsten Fragen, die der seit 1973 in Heidelberg lebende Schriftsteller stellt. Und doch dienen sie Salim Alafenisch als perfektes Vehikel, um auf anschauliche Weise Grundwerte und zentrale kulturelle Praktiken einer anderen Kultur zu vermitteln. Verpackt in einen mühelos wirkenden freien Erzählstrom sind die Geschichten und eingeflochtenen Erläuterungen des kulturellen Mittlers Salim Alafenisch dabei alles andere als trockene Landeskunde oder theorielastige Kulturwissenschaft - alle Erzählungen sprechen zunächst Herz und Humor an.“
“Vorurteile stammen aus Unkenntnis" kommentiert Alafenisch. Und so sieht er es als seine Aufgabe, mit seinen Geschichten und in seinen Vorträgen vor Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gegen diese Unkenntnis auf Seiten der Europäer anzugehen und damit einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. In Ergänzung hierzu sieht er es als wichtige Aufgabe, die Angehörigen seiner noch im Negev lebenden Sippe vom Leben hierzulande zu erzählen.
Politik spielt für Alafenisch eine bedeutende Rolle, wurde er doch im Jahr der Gründung des Staates Israel als Palästinenser in dieser stets umkämpften Region geboren. Im vorigen Jahrhundert erlebte sein Beduinenstamm Umwälzungen wie noch keine Generation zuvor: Zuerst wurde mit dem Suezkanal die Wüste zerteilt, dann kamen Sultane und Paschas, englische Kolonialoffiziere und moderne Kolonialbeamten – sie zogen Grenzen und brachten Gesetze, an die sich die Nomaden nie gewöhnen wollten. Toleranz, Verständigung und Gerechtigkeitssinn sind traditionelle Werte, die in seinen Büchern und Erzählungen zum Ausdruck kommen, und die Alafenisch als Schlüssel zur Friedensbildung im Nahen Osten sieht. Salim Alafenisch – so schreibt der Rheinische Merkur - votiert für den Dialog und das bessere Kennenlernen, für die Utopie einer Überwindung des Trennenden. "Ich sehe nicht die Zukunft der Menschen in Grenzen, sondern in der Grenzöffnung."

„Geschichten aus dem Beduinenzelt“ mit dem Autor und Erzähler Salim Alafenisch
Mittwoch, 28. April 2004, 20 Uhr
Katholisches Pfarrzentrum Zwingenberg
Eintritt 2.50 €


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 4. Mai 2004

Wenn sich die Träume eingesperrt fühlen
Salim Alafenisch fasziniert seine Zuhörer mit heiteren Geschichten "aus dem Beduinenzelt"

Zwingenberg. "Ich persönlich mag die Alpen sehr, die Sonne und das frische Grün der Seen", beantwortete Salim Alafenisch, in der Negev-Wüste aufgewachsener Palästinenser mit israelischem Pass, mit einem verschmitzten Augenzwinkern die Frage einer Zuhörerin nach der "Faszination der Wüste". Bereits zum zweiten Mal verzauberte und fesselte der bekannte Schriftsteller und Erzähler sein Zwingenberger Publikum mit heiteren Geschichten, vergnüglichen Anekdoten, Erinnerungen und orientalischen Märchen "aus dem Beduinenzelt".

Nach seinem Gastspiel bei den Ferienspielen im vorigen Jahr, hatte der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge den seit vielen Jahren in Heidelberg lebenden Autor am Mittwochabend zu einer weiteren Lesung für Erwachsene in das katholische Pfarrzentrum eingeladen.

Vor einem kleinen Teppichzelt auf einem Schemel hockend, erzählte Salim Alafenisch im lebhaften Plauderton aus seiner Jugendzeit, von fremden Kulturen, Sitten und Bräuchen, vom Alltag seines Nomadenvolkes und den Veränderungen der Lebensgewohnheiten in den letzten fünfzig Jahren. Während seine Zuhörer genüsslich an süßen "Kalorienbomben" - getrockneten Aprikosen, Feigen und Datteln - knabberten, berichtete er von Kamelen und von Beduinenzelten aus feinem Ziegenhaar, in denen es sich viel besser träumen lässt als in einem festen Steinhaus, "in dem sich die Träume eingesperrt fühlen".

Mit einer kräftigen Prise Humor und Selbstironie machte er den feinen Unterschied deutlich zwischen einem Raubzug, der "ehrenhaft und besser als ein Kredit ist" und dem verächtlichen Diebstahl, der nur der eigenen Bereicherung dient. Zur Erheiterung trugen auch Geschichten und Erzählungen vom begnadeten Geigenspieler Musa und vom anstrengenden Leben seines Großvaters, eines Haremsbesitzern bei, der - oh weh -, acht Ehefrauen zufrieden stellen musste.

Alafenisch, aufgewachsen in einer Familie mit elf Kindern in einem Wüsten - Zeltlager, räumte auf äußerst charmante Art und Weise auf mit westlichen Männer-Träumen und süßen Fantasien über ein beneidenswertes Leben im Harem: "Das ist so, wie wenn man jeden Tag Datteln essen würde. Wer will das schon". Die Schattenseiten für den Ehemann und Besitzer zahlreicher Frauen sind, so der wortgewandte Erzähler, unübersehbar und manches Mal unüberwindbar: Erfolgsdruck, Stress beim Einhalten der vorgegebenen Reihenfolge, Probleme mit den Auserwählen, Eifersüchteleien.

Wie kommt der Mann aus dem Dilemma, wie beantwortet er bohrende Fragen der von ihm vernachlässigten Haremsdamen? Mit ständigen Ausreden und Ausflüchten, warum er des nachts die eine und nicht die andere Herzensdame aufgesucht hat. Das zehrt an den Nerven, verriet Alafenisch mit freundlichem Lächeln. Wer empfindet da nicht Mitleid mit dem bedauernswerten Haremsbesitzer?

Über die Tücken einer vollendeten Gastfreundschaft, wie sie in orientalischen Kulturen üblich ist, konnte der symphatische Erzähler ein Lied singen - und dies wie immer mit einem ironischen Augenzwinkern: "Der Gast ist König und verlangt die hundertprozentige Aufmerksamkeit des Gastgebers. Letzterer hat nur Pflichten am Hals". Kommen allerdings unangemeldete Besucher, ist dies wie "eine kalte Dusche". Gefragt sind jetzt Improvisation, List und Tücke.

Ein wenig Wehmut schwang in der Stimme des Schriftstellers, als er eingestehen musste, dass die Errungenschaften der Zivilisation auch vor seinem Volk und dessen Tradition nicht Halt gemacht hat. Die Wüstenlager sind inzwischen nur noch "Auslaufmodelle". Sechzig Prozent der israelischen Bevölkerung wohnen heute in Städten, ein Großteil der Nomaden in Blechbaracken.

Die "Tradition im Umbruch" hat allerdings auch ihre Vorteile, bekräftigte Alafenisch, wie zum Beispiel der Rückgang der Kindersterblichkeit und die Schulpflicht. Dass Salim Alafenisch, der zusammen mit zehn Geschwistern in der Wüste, 250 Kilometer entfernt von der nächsten Schule aufwuchs und mit 14 Jahren erstmals die Schulbank drückte, nur beste Erinnerungen an seine Pennälerzeit hat, liegt nicht unbedingt am großen Wissensdurst. Vielmehr an der bunt zusammen gewürfelten Schülerschaft aus Muslimen, Christen und Juden. Die hatte nämlich den Vorteil, dass die Schule an allen Feiertagen der verschiedenen Religionen geschlossen blieb, und das waren nicht wenige: "Besonders Himmelfahrt ist mir in bester Erinnerung", so die nicht ganz ernst gemeine Beteuerung des Erzählers.

Noch viele vergnügliche Geschichten über die orientalische Gewitzt- und Schlauheit, die Überlegenheit des weiblichen Geschlechts und uns fremde Bräuchen und Gewohnheiten hatte der Schriftsteller und Autor an diesem Abend mit nach Zwingenberg gebracht. Fragen der Zuhörer beantwortete er gern. So konnten diese erfahren, dass er zwei bis drei Mal im Jahr zu seiner Großfamilie in die Heimat reist. Familie bedeutet für Alafenisch mindestens vierhundert Personen.

"Wann kommen Sie wieder nach Zwingenberg?" Ein schöneres Kompliment, als diese Frage einer Besucherin an den palästinensischen Märchen- und Geschichtenerzähler gibt es wohl nicht. gs

© Bergsträßer Anzeiger - 04.05.2004

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