Magda Spiegel

Die bedeutende Altistin Magda Spiegel – von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet
Dr. Claudia Becker, die ehemalige 1. Vorsitzende des Vereins „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge“ erinnert in ihrer Doktorarbeit an die vergessene Künstlerin

Magda Spiegel zählte einst zu den ganz großen Altistinnen im deutschsprachigen Raum. Als Jüdin verfemt, verfolgt und 1944 ermordet – fehlte bis vor einiger Zeit fast jegliche Erinnerung an diese faszinierende Frankfurter Opernsängerin. Dies änderte sich, als die Zwingenbergerin Claudia Becker sich im Rahmen ihrer Studienabschlussarbeit auf Spurensuche nach Magda Spiegel begab. „Anfangs hatte ich nur eine kleine Akte mit wenigen Daten, die ich nach und nach mit Informationen von Ereignissen, Premieren, Starallüren über Magda Spiegel füllen konnte.“ Die Historikerin baute ihre Forschungen zur Doktorarbeit aus und forschte in Prag, Israel und Paris. Dennoch, ein privater Nachlass oder noch lebende Verwandte konnte Claudia Becker nicht ausfindig machen. Aber in mühevoller Kleinstarbeit einstand eine eindrucksvolle Biographie, in der die einzelnen Mosaiksteinchen ein spannendes Bild der Persönlichkeit Magda Spiegel und der damaligen Zeit ergeben:

Magda Spiegel zählt nach wie vor zu den bedeutenden deutschsprachigen Sängerinnen des 20. Jahrhunderts: Gefeiert als Ortrud, Amneris und Brangäne in den Opern von Richard Wagner und Giuseppe Verdi; verehrt als Interpretin der Amme in der Strauß-Oper „Frau ohne Schatten“; bewundert für ihr tiefes Timbre und ihren weiten Stimmumfang war die Altistin vor allem eines, gefeierter Star des Frankfurter Opernhauses und gern gehörter Gast bei den großen europäischen Bühnen. 1887 geboren in Prag, debütierte sie 19jährig am dortigen Neuen Deutschen Theater. Nach Engagements in Mährisch-Ostrau und Düsseldorf wurde Magda Spiegel 1916 als erste dramatische Altistin an die Frankfurter Oper geholt, der sie bis 1935 angehörte. Aufgrund ihrer überragenden Interpretation der Prinzessin Eboli in „Don Carlos“ von Giuseppe Verdi zählte Theodor Adorno sie 1932 zu den bedeutendsten Altistinnen des deutschsprachigen Raumes. Aber schon ein Jahr später kam es weniger auf ihre gesanglichen Qualitäten als auf ihre jüdische Herkunft an. Magda Spiegel wurde mit unbedeutenden Rollen abgespeist, von der nationalsozialistischen Presse desavouiert, entlassen, verfolgt, in Auschwitz ermordet - und schließlich vergessen. Diese Biographie zeichnet Leben und künstlerisches Wirken der Altistin nach und zeigt so exemplarisch das Schicksal von im Dritten Reich verfolgten Künstlern.

Eingeladen vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V. wird Dr. Claudia Becker am Mittwoch, den 12. Mai 2004 um 20 Uhr im katholischen Gemeindezentrum, Einblicke in ihre Forschungen zum Leben von Magda Spiegel geben. Umrahmt wird der Vortrag von Originalaufnahmen der Sängerin aus den 20er Jahren.


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 15. Mai 2004
Die Rekonstruktion eines Lebens - über die vergessene Magda Spiegel
Historikerin Dr. Claudia Becker referiert beim Verein Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge über die vermutlich in Auschwitz ermordete Opernsängerin

Magda Spiegel war in den 20er Jahren als Altistin an der Frankfurter Oper umjubelt. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie wenige Jahre später von den Nationalsozialisten interniert und im Konzentrationslager Auschwitz vermutlich ermordet. Magda Spiegel ist eine von vielen mehr oder weniger vergessenen Künstlern, die Opfer des Terrors wurden. Durch aufwändige Recherchen gelang es der Historikerin Dr. Claudia Becker, einen Teil der Lebensgeschichte der einst großen Sängerin zu rekonstruieren.
Am Mittwoch begrüßte der Vorsitzende des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge, Dr. Fritz Kilthau, die Historikerin zu einem Vortrag im Pfarrzentrum der Katholischen Kirchengemeinde. Claudia Becker ist Zwingenbergerin und Gründerin des Vereins AK Synagoge. Sie ging den Lebensstationen der Diva im Rahmen ihrer Promotion nach: Sie besuchte ihren Geburtsort Prag, reiste zu verschiedenen Stätten ihres Wirkens und setzte die einzelnen Puzzlesteine nach und nach zu einem vielschichtigen biografischen Gesamtbild zusammen. Originalaufnahmen und Bilder vermittelten am Mittwochabend zusätzliche Eindrücke.
Die Hörproben von alten Schelllack-Platten aus den 20er Jahren verraten trotz der vergleichsweise schlechten Tonqualität viel von der außergewöhnlichen Stimme der Sängerin. Kein Wunder, dass sich selbst ein Musikkritiker wie Th.W. Adorno vor Begeisterung überschlug, nachdem er Magda Spiegel als Prinzessin Eboli in Giuseppe Verdis "Don Carlos" gehört hatte. Die Fachwelt war sich einig. "Solch eine Stimme erscheint nur einmal in einem Jahrhundert", meinte ein Dirigent.
"Sie hat schweres Gold in der Kehle", erkannte das Prager Tagblatt bereits, als die Sängerin noch die Schulbank drückte. Magda Spiegel besuchte in Prag eine Gesangsschule und avancierte schnell zu deren Aushängeschild. Mit 19 hat sie ihr erstes Engagement im Theater in Prag. Über das Düsseldorfer Opernhaus, das als Sprungbrett für große musikalische Karrieren galt, singt sie sich schnell nach oben. 1917 wird sie vom Frankfurter Opernhaus verpflichtet.
Im deutschen und italienischen Opernfach ist sie der Star des Ensembles. Sie singt zum Beispiel die Ortrud in "Lohengrin" oder die intrigante Pharaonentochter Amneris in "Aida". Claudia Becker schilderte ihre Stimme als glockentiefen Alt mit weichem Timbre, der bis zum Mezzosopran hin gut ausgebildet war.
Den Ruf, eine der besten Altistinnen im deutschsprachigen Raum zu sein, erwarb sie sich durch Auftritte als Adriano in "Rienzi", als Brangäne in "Tristan und Isolde" und als Orpheus in "Orpheus und Eurydike". Musikwissenschaftler, Journalisten und Komponisten wie Paul Hindemith, Franz Schrecker und Richard Strauß schätzten ihr Talent.
Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler. Die Folgen sind auch im Musikleben dramatisch. Die Frankfurter Oper wird wenige Monate später von einer "Säuberung" überrollt, die Musiker jüdischer Herkunft und Regimekritiker trifft. Nur Magda Spiegel nicht. Noch nicht.
Im August 1933 verlängert die Frankfurter Oper als Zugeständnis an das Publikum ihren Vertrag um zwei Jahre. 1934 dient sie den Nazis auf einer Propagandatour nach Holland als Aushängeschild für deutsche "Judenfreundlichkeit". Die ausländische Presse lobt sie in den höchsten Tönen. Zurück in Deutschland sorgen die Propagandisten dafür, dass der Ruhm schnell verblasst. Die gefeierte Sängerin erscheint nur noch in Nebenrollen und erntet von der gleichgeschalteten Presse höhnische Verrisse.
1935, kurz bevor ihr Vertrag ausläuft, gibt sie ihre Abschiedsvorstellung. Erniedrigungen und Verleumdungen zwingen sie dazu, sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen zu lassen. Magda Spiegel verlässt die Bühne. Sie ist erst 48 Jahre alt. In den folgenden Jahren lebt sie zunächst weiterhin in Frankfurt. Im September 1942 wird sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.
Theresienstadt galt als "Vorzeige-KZ", in dem viele Künstler interniert waren. Wie Claudia Becker vor Ort recherchierte, erklang die bekannte Altstimme dort häufig bei Konzerten der "Abteilung für Freizeitgestaltung". Im Oktober 1944 brachte man Magda Spiegel nach Auschwitz-Birkenau. Sie gilt noch heute offiziell als verschollen.
Warum Magda Spiegel 1933 Deutschland nicht verließ, bleibt im Dunkeln. Denn das private Leben der Magda Spiegel bleibt weitgehend verschlossen. Einen Nachlass mit persönlichen Briefwechseln und Dokumenten existiert nicht, bedauert Claudia Becker. moni
© Bergsträßer Anzeiger - 15.05.2004

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