Stadtgang

Vor Ort an NS-Verbrechen erinnern
„Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“ lädt zu einem erneuten Gedenkgang ein

Letztes Jahr erzählte Dr. Fritz Kilthau, Autor des Buches „Mitten unter uns – Zwingenberg 1933 - 1945“ zum ersten Mal bei einem Stadtgang durch Zwingenberg die Lebensgeschichten hiesiger Bürger, die wegen ihrer tapferen Haltung gegen das Naziregime eingesperrt oder – weil sie Juden waren – verfolgt, zur Emigration gezwungen oder gar ermordet wurden. Trotz strömenden Regens kamen 2002 über 40 Zuhörer zu diesem eineinhalbstündigen Rundgang – „Die Geschichtsbücher beginnen zu leben“ meinte damals einer der Teilnehmer.

Am Samstag, 21. Juni, lädt der Verein „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge“ erneut zu einem solchen – etwas erweiterten - Stadtgang auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand in Zwingenberg an der Bergstraße 1933 – 1945 ein: An der ehemaligen Synagoge in der Wiesenstraße 5 beginnend führt Dr. Fritz Kilthau zum Haus der jüdischen Familie Clothilde und Heinrich Wachenheimer in der Pfarrhausgasse, dann vorbei am Haus von Zodik Wachenheimer, dem Bruder von Heinrich, zum Denkmal für den Verleger Max Teichmann am oberen Ende der Scheuergasse. Vor dem Haus Untergasse 7 wird die Geschichte von Ludwig Mütz erzählt, dem damaligen KPD-Vorsitzenden und ersten Nachkriegsbürgermeister von Zwingenberg. Am alten Rathaus am Marktplatz, dem Sitz der damaligen NSDAP-Zentrale, wird von der Absetzung des demokratisch gewählten Bürgermeisters Adam Gerhard im April 1933 berichtet. Bei dem Gedenkgang werden großformatige Fotos der Betroffenen mitgeführt – ein Bild zeigt diskutierende Menschen vor dem während der sog. Reichskristallnacht verwüsteten Haus des jüdischen Lederhändlers Wolf am Marktplatz. Auch die Wohnungen der jüdischen Familien Schack und Wolf in der Obergasse wurden während des Pogroms verwüstet. Neben Ludwig Mütz und Paul Drach wurde auch der Kommunist Philipp Steitz ins KZ Osthofen bei Worms gebracht – seine Lebensgeschichte wird vor seinem Wohnhaus gegenüber der Gaststätte „Zum Ochsen“ erzählt. Nach einem Bericht über die Emigration der jüdischen Familie Berthold Mainzer, die an der Ecke Obergasse-Untergasse ein Bekleidungsgeschäft besaßen, wird des verfolgten Sozialdemokraten Heinrich Schellhaas in der unteren Wetzbach gedacht.
Beendet wird der Gedenkgang im Hof des heutigen Rathauses vor der Gedenktafel für die Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Hier wird auch von den Verfolgungen und Auseinandersetzungen der örtlichen Vertreter der beiden Kirchen mit den Nationalsozialisten erzählt – der katholischen Pfarrer Franz Brückner und Georg Dengler sowie des evangelischen Pfarrers Adam Höfle.

Zum Stadtgang in deutscher Sprache versammeln sich die Teilnehmer am Parkplatz der Melibokushalle um 14 Uhr, der Gedenkgang wird um 16 Uhr in englischer Sprache wiederholt. Während dieser Veranstaltung wird ein neue Broschüre angeboten (deutsch und englisch), die alle Stationen des Gedenkgangs im Detail beschreibt (16 Seiten, 19 Abbildungen). Der Stadtgang wird unterstützt vom „Kultursommer Südhessen“, gefördert vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst und unterstützt von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Informationen:
„Mitten unter uns – Zwingenberg 1933-1945“, Stadtgang auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand mit Dr. Fritz Kilthau
Samstag, 21. Juni, 14 Uhr (in deutscher Sprache) und 16 Uhr (in englischer Sprache)
Treffpunkt: Parkplatz der Melibokushalle
Dauer: 1 ½ Stunden

Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 24. Juni 2003

Ein etwas anderer Stadtgang: Auf den Spuren verfolgter Menschen
Führung mit Dr. Fritz Kilthau, dem Vorsitzenden des Arbeitskreises Synagoge, im Rahmen des Europäischen Festes / Großes Interesse

"Es ist sehr mutig von Ihnen, die schwierige deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten", lobte ein Franzose die Arbeit von Dr. Fritz Kilthau. Als Zwingenberg vor 35 Jahren die Partnerschaft mit der französischen Stadt Pierrefonds besiegelte, saßen die Wunden des Naziregimes in Frankreich noch tief. Den Delagationen aus den vier Partnerstädten, die am Wochenende in Zwingenberg weilten, bot Fritz Kilthau, Erster Vorsitzender des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge, einen etwas anderen Rundgang durch die Stadt. Nicht die idyllische Fachwerkkulisse stand im Zentrum, sondern die Geschichte der Mitbürger, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden.
Die Route stieß bei den Gästen auf großes Interesse. Erste Station war die 1903 erbaute Synagoge. Sie wurde in der Pogromnacht 1938 nur deshalb nicht von der SA zerstört, weil dort der tote Sohn der christlichen "Schawwesgoi" aufgebahrt war. Die Schawwesgoi führten für die Juden am Sabbat Arbeiten durch, die für diese verboten waren. Die SA-Schergen warfen die Scheiben des Gotteshauses ein, entfernten Schmuckreliefs und schlugen den Davidstern aus der Einfriedung.
1933 lebten in Zwingenberg etwa 40 Juden, die gleich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten schlimmen Übergriffen ausgesetzt waren. Grundlos wurden sie der Brandstiftung beschuldigt und inhaftiert. 1935 beschloss der Gemeinderat die "Ausschaltung des Judentums", was im Klartext hieß: Kein Zuzug von Juden nach Zwingenberg, Verbot von Haus- und Grundbesitz und Verbot, die Gemeindewaage und den Zuchtviehstall zu benutzen. Damit wurden den meisten, ohnehin unter ärmlichen Bedingungen lebenden Juden die Existenz zusätzlich erschwert.
In der Pfarrhausgasse 1 lebte die Familie Heinrich Wachenheimer. Sie emigrierte 1938, zog zunächst in die Pyrenäen, später in die USA. Durch Zufall überlebten sie das KZ Gurs in Frankreich. Anders Zodik Wachenheimer, der im "Pass 21" wohnte, zog 1937 zu seinem Sohn nach Worms, nach der Pogromnacht nach Mannheim. Im Oktober 1940 wurde er mit 7000 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das KZ Gurs verschleppt und starb dort an Typhus.
Nächste Station war das Denkmal von Max Teichmann in der oberen Scheuergasse. Teichmann war der Verleger des "Bergsträßer Bote". "Es scheint, dass er versuchte, ein menschliches Miteinander in seiner Berichterstattung zu bewahren und nationalsozialistische Anfeindungen, soweit möglich zu vermeiden", resümierte Kilthau.
Nächste Station war die Untergasse 7, in der einst der Zwingenberger KPD-Vorsitzende Ludwig Mütz wohnte. Mehrfach wurde er inhaftiert und musste in Konzentrationslagern und Zuchthäusern schwere Misshandlungen über sich ergehen lassen, obwohl man ihm nie etwas nach nachweisen konnte.
Das alte Rathaus war der Sitz der NSDAP-Ortsgruppe. Kilthau berichtete über die rasante Entwicklung der Partei in Zwingenberg. Bei den Reichstagswahlen 1928 erhielt sie keine einzige Wählerstimme, 1930 waren es bereits 30 Prozent, bei der Reichstagswahl 1932 dann 53 Prozent und 1933 sogar 58 Prozent. Im Durchschnitt errang die Partei 44 Prozent. Bürgermeister Adam Gerhard wurde im Zuge der "Gleichschaltung" sofort abgesetzt und durch Adam Kissel ersetzt. Alle Vereine wurden gleichgeschaltet und die Vorstandsposten durch NSDAP-Mitglieder besetzt.
Das betraf den Gesangverein Sängerkranz, den Ortsgewerbeverein, den Turnverein 1884, den Landbund und den Tierschutzverein ebenso wie den Geflügelzuchtverein, die Freiwillige Feuerwehr und den Soldaten- und Kriegsverein. Andere Vereine wurden aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt.
Am Marktplatz 12 wohnte die Familie Wolf, die sehr beliebt war. 1938 musste sie ihr Geschäft aufgeben und zog nach Darmstadt. Die Nazi-Truppe demolierte - unter den Augen der Öffentlichkeit - alles, was nicht niet- und nagelfest war. Amanda Wolf starb im KZ Piaski, Sally Wolf in Buchenwald. Tochter Ilse Wolf konnte 1938 in die USA fliehen, Sohn Fritz entkam nach Israel, während Sohn Arnold bei seiner Flucht von Holland in die Schweiz gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert wurde, wo man ihn umbrachte.
Das Haus der Familie Schack in der Obergasse wurde in der Pogromnacht schwer verwüstet. Bald darauf wurde Moritz Schack nach Buchenwald verschleppt, aber wieder entlassen. Das Ehepaar verkaufte das Haus und zog nach Frankfurt. 1940 starb Martha Schack durch Selbstmord. Moritz Schack wurde nach Theresienstadt verschleppt, von dort kam er nach Auschwitz, wo er ermordet wurde. Ihre Kinder hingegen überlebten.
Im selben Haus wohnte der Friseur Hans Gärtner, ein Zeuge Jehovas. Er durchlebte ebenfalls eine Tortur, kam in Gefängnisse und Konzentrationslager. Seine letzte Station war Dachau, wo er 1940 verhungerte. Clara und Jakob Wolf lebten in der Obergasse 5. In der Pogromnacht wurde ihr Haus verwüstet und kurze Zeit später (wurden sie, F. Kilthau) ins KZ Buchenwald verschleppt. Nach ihrer Entlassung entschlossen sie sich zur Auswanderung nach Paraguay. Allerdings verlieren sich ihre Spuren in Frankfurt, so dass man eher davon ausgeht, dass beide in Auschwitz umkamen. Philipp Steitz (Obergasse 24) war Kommunist, er wurde ins KZ Osthofen verschleppt. Die Familie Mainzer, wohlhabende Kaufleute, besaßen an der Ecke Ober/Untergasse einen Laden. 1935 übernahm das Kaufhaus Blüm und Krämer das Gemischtwarengeschäft. Die Familie Mainzer emigrierte in die USA. Johann Heinrich Schellhaas (Wetzbach 5) war Mitglied der SPD. Wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" saß er Haftstrafen ab.
Im Rathaushof steht eine Gedenktafel zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus. Allerdings ohne die Namen der Naziopfer, bedauerte Kilthau. Der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge hat deshalb am Rathaus einen Schaukasten mit den Namen der Opfer veröffentlicht. moni

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