Abrahamisches Team

Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 16. Juni 2003

"Wo Worte fehlen, regiert die Agression"
Infoveranstaltung zum Menschenbild der drei Weltreligionen Islam, Judentum und Christentum

Die Fernsehbilder sind noch bestens in Erinnerung. Terroristenführer Bin Laden rief im Namen Allahs zu einem heiligen Krieg gegen den Westen auf. Der Appell sei eine reine Instrumentalisierung und Verdrehung islamischer Glaubenssätze, meint Bekir Alboğa, Geschäftsführer und islamwissenschaftlicher Leiter des Instituts für Deutsch-Türkische Integrationsstudien und Interreligiöse Arbeit.

Doch die Anschläge und Agressionen haben Misstrauen gesät und Berührungsängste geschürt. Sie wirken sich auch negativ auf den Dialog der drei großen Weltreligionen abrahamischen Ursprungs aus. Dabei ist der Austausch zwischen den Religionen und damit die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten zu nutzen und Unterschiede zu tolerieren, die Basis für Frieden, wie Dr. Christoph Klock, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde in Zwingenberg feststellte.

Für ihn war die Veranstaltung mit dem Titel "Wie können wir Vorurteile und Ängste gegenüber anderen Religionen überwinden?" am Mittwoch im Pfarrzentrum "ein kleiner Schritt der wichtigen Schritte, aus denen sich durchaus eine friedensstiftende Kraft entwickeln kann." Kompetente Vertreter der drei Weltreligionen Islam, Judentum und Christentum sprachen hier miteinander: Neben Bekir Alboğa waren auf dem Podium vertreten: Sandra Kamutzki, Evangelische Theologin und Lehrbeauftragte an der Uni Gießen, Petra Kunik, jüdische Schriftstellerin, Regisseurin und Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Die Veranstaltung, die Dr. Claudia Becker vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge moderierte, wurde von der "Zwingenberger Perspektive" initiiert, ein Zusammenschluß der evangelischen Kirchengemeinden Alsbach und Zwingenberg, der katholischen Pfarrgemeinde Zwingenberg und des Vereins Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge.

"Wer ein Haus baut, will bleiben. Und wer bleiben will, hat ein Recht, dort sicher leben zu können." Eine Sicherheit, die Petra Kunik zufolge nur an Orten gewährleistet ist, wo man sich im Dialog kennen und schätzen gelernt hat. Für sie ist der interreligiöse "Trialog" und damit die Anerkennung des Anderen echte Friedensarbeit: "Wo Worte fehlen und Sprachlosigkeit herrscht, regiert die Agression." Ihr Ziel ist ein friedliches und nachbarschaftliches Miteinander der Religionen, die gleichberechtigt ihre Traditionen leben. "Eine multikulturelle Gesellschaft will friedfertig bestehen."

Für Sandra Kamutzki spiegelt die Diskussion mit anderen Religionen nicht zuletzt eine tiefe Auseinandersetzung mit der eigenen Religion wider. Sie führe dazu, die eigene Sprachfähigkeit zurückzugewinnen.

"Ich bin das Produkt des christlich-islamischen Dialogs." Bekir Alboğa machte die Erfahrung, dass Christentum nicht gleichzusetzen ist mit den Kreuzzügen. Das Wort Islam heißt übersetzt "Frieden machen". Ein Anspruch, den Alboğa sich zur Aufgabe gemacht hat.

Der Satan als Verführer

Welches Menschenbild prägt die drei Weltreligionen? Das Judentum begreift den Menschen als Teil des Universums. Der physische Körper ist geliehen. Nach der Schöpfungsgeschichte hat Gott den Menschen zuletzt geschaffen, einen Tag vor dem Sabbath. Er kommt allerdings "unfertig" auf die Welt, um noch weiter zu wachsen. Im Koran ist der Mensch ein schwaches Geschöpf, das auf die göttliche Leitung angewiesen ist. Er muss beweisen, dass er "paradieswürdig" ist. Lässt er sich etwa statt durch Gott vom Mammon verleiten, dann drohen Krieg und Verfall. Der Mensch hat für soziale, politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit zu sorgen.

Die Schöpfungsgeschichte der christlichen Religionen bescheibt die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Mit der Version des heiligen Augustinus geht Kamutzki zufolge eine "fatale Auslegung" der Genesis einher. Eva wird zur Schuldigen des Sündenfalls. Eine außergewöhnliche Version im Kanon der abrahamischen Religionen.

Im jüdischen Glauben wird die Geschichte von Adam und Eva anders interpretiert. Sie sind Kinder Gottes und verlassen in der Pubertät unter seinem Schutz das Paradies. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Abraham ist der Vater der Religion und Sara die Mutter. Der Frau kam eine hohe Stellung im gesellschaftlichen Leben zu, sie hatte den Altar des Hauses zu überwachen. "Aber das Leben hat sich weiterentwickelt und wir Frauen haben nicht aufgepasst", meinte Petra Kunik. Aus dem Nomadentum wurden Siedlungen. Frauen waren zunehmend für den häuslichen Bereich zuständig. Doch in neuerer Zeit haben sie sich mühsam Terrain zurückerkämpft - bis hin zu den Kirchenämtern. In Osnabrück gebe es gar eine Rabbinerin.

Im Islam setzt die Genesis wieder andere Schwerpunkte. Die verführerische Kraft ist der Satan, der die Menschen zu Höllenbewohnern machen will. Er verführt Adam, der anschließend Eva verführt. Die Rolle der Frau ist mit dem Kopftuch allein nicht erklärt. Der Islam muss aus einer Zeit heraus interpretiert werden, als die Frauen noch die Sklavinnen ihrer in Polygamie lebenden Männern waren. An keiner Stelle spricht der Koran vom Tragen eines Kopftuchs. Er fordert die Frauen lediglich dazu auf, ihren Busen zu bedecken und somit anständig gekleidet aufzutreten. Laut Koran soll die Frau am sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich Bildung aneignen.

Die Bibel bietet dem Christen keine eindeutige Orientierung zum gesellschaftlichen Selbstverständnis der Frau. An einer Stelle spricht Paulus von Unterordnung, an einer anderen dagegen von Gleichberechtigung.

Für Sandra Kamutzki bleibt die Frage: "Wer hat die Macht, die Interpretation zu bestimmen?" Die Frauenbewegung hat Verkrustungen aufgebrochen. Erst seit 1970 ist es Frauen in der evangelischen Kirche möglich, Pfarrerin zu werden. "Es ist an der Zeit, dass Frauen ein Stück Interpretationsmacht zurückerhalten."

Wie verhalten sich die Religionen zu Gewalt, Krieg und Frieden? Was ist von Sätzen wie "Auge um Auge, Zahn um Zahn" zu halten? Für Petra Kunik liegt hier ein Übersetzungsfehler vor. In diesem biblischen Spruch sei das "um" durch ein "für" zu ersetzen, sodass eigentlich die Frage der Wiedergutmachung im Vordergrund stehe.
Andere Bibeltexte verweisen darauf, dass Menschen gewalttätige und kriegerische Auseinandersetzungen ohne Gottes Hilfe zu führen haben.

Die fünf fundamentalen Elemente der Muslime sind Leben, Hof und Gut, Vernunft, Familie und gute Nachbarschaft sowie Spiritualität. Hieraus den "heiligen Krieg" abzuleiten, wie es fundamentalistische Kämpfer tun, hält Alboğa für abwegig. Die Taliban und El-Kaida-Kämpfer hätten ihre Wurzeln eher in einem von der CIA ausgebildeten Kampfgeist.

"Wenn alle Religionen miteinander statt übereinander reden und lernen aufeinander zuzugehen, ist die gemeinsame friedliche Zukunft sicher", meinte Petra Kunik. Alboğa fügte hinzu: "Schließlich sind wir Söhne und Töchter desselben Ursprungs." moni

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