Geschichte und Geschichten ganz hautnah erlebt

Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 8. Mai 2002

Geschichte und Geschichten ganz hautnah erlebt
Mit Dr. Fritz Kilthau auf den Spuren Zwingenberger NS-Opfer

Die Bilder gleichen sich. An dem Haus am Marktplatz hat sich wenig verändert. Hier war einst das Leder- und Schuhgeschäft der Familie Wolf, einer beliebten Zwingenberger Familie. Amalie und Sally Wolf wohnten hier, und die Kinder Arnold, Fritz und Ilse. Im Oktober 1938 wird das Geschäft geschlossen, die Banken verweigern weitere Kredite. Kaum einen Monat später brennen die Synagogen, und auch das Haus am Marktplatz wird verwüstet. Möbel fallen aus den Fenstern und werden verbrannt. Die Nachbarn stehen auf dem Marktplatz und schauen zu.

Die Bilder gleichen sich. Fast 65 Jahre später stehen Menschen auf dem Marktplatz und schauen auf das alte Haus der Familie Wolf. Viel hat sich wirklich nicht verändert, wie das alte Schwarz-Weiß-Foto zeigt. Doch die Schicksale hinter der renovierten Fassade sind nicht zu sehen.

Dr. Fritz Kilthau kennt die Geschichten der Zwingenberger Bürger, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden. "Mitten unter uns" heißt sein Buch, das über die Geschichte der Stadt von 1933 bis 1945 berichtet. Die Teilnehmer des Stadtgangs am Samstag erlebten Geschichte hautnah. Aus der Reihe "Zwingenberger Perspektiven" hatte der "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge" gemeinsam mit den evangelischen Kirchengemeinden Zwingenberg und Alsbach sowie der katholischen Pfarrgemeinde einen ebenso informativen wie spannenden und erschütternden Gedenkgang durch die örtliche Historie veranstaltet. Trotz Regen besuchten 40 Zeitreisende die Stätten der Erinnerung.

Die Synagoge in der Wiesenstraße war Ausgangspunkt des Rundgangs. Wie ein altes Bild zeigte, wurden bei einem Umbau in den 60er Jahren wesentliche Merkmale der Fassade zerstört. Von außen künden heute nur noch die Schildgiebel mit dem Davidstern von dem sakralen Charakter des Gebäudes. Einst waren über dem Haupteingang die zehn Gebote eingemeißelt und die Worte "Wisse, vor wem du stehst".

Die Mahnung des hebräischen Bibelspruchs begleitete die Stadtgänger auf die Rückseite der Synagoge, die allein auf Grund eines Todesfalls vor den Flammen bewahrt wurde - der Sohn der nichtjüdischen Arbeitshilfe für den Sabbat war in der Wohnung der Mutter aufgebahrt. Vor dem ehemaligen Haus der Familie Wachenheimer berichtete Dr. Kilthau über die abenteuerlichen Schicksale der jüdischen Bewohner. Von Sohn Salomon wird gesagt, er sei der erste Auswanderer an der Bergstraße gewesen - über Frankreich und England gelang ihm noch vor dem Krieg die Flucht in die USA.

In der Untergasse 7 wohnte der einstige Zwingenberger Kommunist Ludwig Mütz mit seiner Gattin Katharina. Mütz wurde von den Nazis mehrfach verhaftet und misshandelt, unter anderem warf man ihm vor, das NSDAP-Domizil "Fuchsbau" in Brand gesteckt zu haben. Mütz hatte die Tat nicht begangen.

Als Hitler durch Zwingenberg fuhr, sorgte der ehemalige KPD-Vorsitzende für entsprechenden Duft, wie Dr. Kilthau erzählte: Mit einem Handwagen transportierte Mütz ein Fässchen Jauche. An diesem Tag machte er ausnahmsweise einen Umweg über Marktplatz bis zur Bahnhofstraße, wo das undichte Fass die jubelnden Menschenmassen betörte. "Diese Geschichte hätte leicht böse enden können", kommentierte Kilthau den Mut des ersten Zwingenberger Nachkriegsbürgermeisters. Am ehemaligen Rathaus erläuterte der Historiker die Entwicklung der NSDAP in Zwingenberg. Bei der Wahl 1930 kamen die Nazis auf 30 Prozent der Stimmen - deutlich mehr als der Reichsdurchschnitt von 18 Prozent. Auch zwei Jahre später stach das Zwingenberger Wahlergebnis mit 53 Prozent hervor, 1933 lag der Stimmenanteil bei 58 Prozent. In anderen Städten an der Bergstraße sah es nicht anders aus: alle kritischen und oppositionellen Kräfte wurden ausgeschaltet, die Verwaltungen und Vereine "gleichgeschaltet" oder aufgelöst.

Durch Obergasse und Wetzbach führte der historische Stadtgang zum Rathaus, wo Dr. Fritz Kilthau von der Verfolgung der Kirchenvertreter berichtete und vor der 1984 eingeweihten Gedenktafel resümierte: "Nach bisherigen Erkenntnissen wurden 16 Zwingenberger Juden Opfer des Nazi-Regimes. Dabei darf man nicht die Kommunisten, Zeugen Jehovas, Christen und diejenigen 125 Zwingenberger vergessen, die im Krieg zu Tode kamen, die Vermissten nicht mitgezählt. Wenn dieser Rundgang die damaligen Geschehnisse in Erinnerung gerufen hat und mit dazu führt, dass sich die Bürger dieser Stadt - vor allem die jüngeren - mit der Geschichte von 1933 bis 1945 auseinander setzen, hat er seinen Zweck erfüllt."

Der 90-minütige Stadtgang auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand hat die in Kilthaus Buch beschriebenen Ereignisse in einer neuen Dimension vor Augen geführt. "Die Geschichtsbücher beginnen zu leben", meinte ein Teilnehmer des Gedenkgangs, von dem hoffentlich noch weitere folgen werden.

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(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.