Hans Gärtner - Obergasse 3

Hans Gärtner
(Zusammengestellt und vorgetragen bei der Stolpersteinverlegung von Ulrike Jaspers-Kühnhold)

Friseur Hans Gärtner

„Ich erkläre hiermit, dass unsere Glaubenslehre verbietet, jemals einen Glaubensgenossen von uns zu verraten. Ich halte mich streng an diese Weisung und richte mich stets danach.“ Hans Gärtner ließ sich nicht dazu hinreißen, andere Zeugen Jehovas zu verraten, als er am 24. April 1935 in Schutzhaft kam und später von dem Darmstädter Sondergericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Die Zwingenberger Bürgermeisterei hatte bezeugt, dass Gärtner „politisch als staatsfeindlich bekannt, sonst gut, arbeitswillig“ sei.

Die Liste der Gendarmerie Zwingenberg benannte elf Zeugen Jehovas: Neben Hans Gärtner noch Adam Heim, Heinrich Schäfer, Adam Mütz, Peter Voltz, Peter Götz, Johann Georg Nickels, Wilhelmine Nickels, Johannes Fieberling, Heinrich Schuchmann und Margarethe Götz. In den 1920er Jahren erfuhr die Internationale Bibelforscher-Vereinigung, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in den USA von Charles Taze Russel gegründet wurde und sich erst ab 1931 Zeugen Jehovas nannte, überall in Deutschland großen Zuspruch – nicht nur an der Bergstraße. Das Gottesverständnis unterscheidet sich von anderen christlichen Kirchen. Der „allmächtige und ewige Gott Jehova“ wird als unsichtbarer Geist gesehen. Die Zeugen Jehovas lehnen die Dreifaltigkeit ab, sehen Jesus als „einen Gott“ an, der nicht wesenseins mit Gott ist. Wann die „letzten Tage“ und damit die „Zeiten der Heiden“ enden, und anschließend die 1000 Jahrherrschaft mit der Königsherrschaft Christi auf Erden beginnen soll, wurde schon mehrmals festgelegt und nach Ablauf des Zeitpunkts neu prophezeit.

Aber zurück zu:

Hans Gärtner, Sohn eines Lorscher Zigarrenarbeiters, kam nach seiner Friseurlehre 1925 zum ersten Mal nach Zwingenberg in die Obergasse: Er arbeitete im Salon Heinrich Lampert in der Obergasse 21. Dann zog es ihn für drei Jahre auf die andere Seite des Rheins nach Kirchheimbolanden in der Pfalz, aber 1928 kam der junge Mann zurück nach Zwingenberg – zunächst wieder in den Salon Lampert, bevor er im März 1930 sein eigenes Gewerbe für „Friseur/Handel mit Toilettenartikel“ eröffnet. Wo dieses Geschäft zunächst war, geht aus den mir bekannten Quellen nicht hervor.

Die Heirat mit der Zwingenbergerin Dora Schuch 1933 ließ ihn hier sesshaft werden, schon bald wurden die beiden Kinder Elisabeth (1935) und Johannes (1936) geboren. Als die jüdische Familie Schack sich gezwungen sah, ihr Haus in der Obergasse 3 zu verkaufen, erwarb es die Schwiegermutter von Hans Gärtner – unten machte er seinen Ein-Mann-Salon auf, oben wohnte die Familie.

Seit 1927 bekannte sich Gärtner zu den Zeugen Jehovas, er nahm regelmäßig an den Zusammenkünften der Glaubensgemeinschaft bei Johann Georg Nickel in der Wiesenstraße 14 teil, die von der lokalen NSDAP und der Gestapo Darmstadt bespitzelt wurden.

Die Zeugen Jehovas standen seit 1933 in Opposition zu den nationalsozialistischen Machthabern: Sie lehnten den „Deutschen Gruß“ ab, verweigerten die Mitgliedschaft in politischen Organisationen wie „Deutsche Arbeitsfront“ und „Hitler-Jugend“ und waren strikt gegen den Militärdienst. Vom Zwingenberger Zeugen Jehovas Adam Heim wird berichtet, dass er nach den schrecklichen Fronterlebnissen im Ersten Weltkrieg sagte: „Wir haben da auf Leute geschossen, die wir gar nicht kannten. Das mache ich nie wieder!“ In ihren Publikationen wie „Wachturm“ prangerten die Bibelforscher die Gräueltaten der Nazis an, nannten sogar Namen von verantwortlichen Gestapo-Leuten – nicht zuletzt deshalb wurden Wohnungen der Zeugen Jehovas immer wieder nach derartigen Druckschriften durchsucht.

Zwar waren diese Durchsuchungen bei Gärtners ergebnislos, doch 1936 wurde Hans Gärtner erneut zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nur zwei Monate war er wieder auf freiem Fuß und arbeitete in seinem Friseurgeschäft, als ihn der Kreisleiter der NSDAP Bensheim, Brückmann, erneut anschwärzte: Am 7. April 1937 schrieb er an das Bensheimer Kreisamt: „Wenn Gärtner wiederholt wegen illegaler Betätigung bestraft wurde, dann müsste m.E. das Geschäft einmal endgültig geschlossen werden.“ Zwingenberger Nazis suchten Gärtner in seinem Laden auf und drohten ihm, als er ihren „Heil Hitler“ mit „Grüß Gott“ beantwortete. Wegen Nichterwiderung des Hitler-Grußes wurde er am 14. Juni 1937 erneut verhaftet und kam am 26. Juli in das KZ Dachau – mit der Häftlingsnummer 12362. In Briefe und Postkarten an seine Familie berichtete er, dass er dort auch als Friseur arbeite, und fragte immer wieder, wie es mit seinem Geschäft laufe.

Seine Karten trugen den Vermerk: „Entlassungsgesuche aus der Schutzhaft an die Lagerleitung zwecklos.“ Zu Anfang kamen noch Pakete seiner Frau im KZ an: „Liebe Frau, das Paket habe ich erhalten, wofür ich Dir von Herzen danke… Sonst geht’s mir noch gut…“ (dies ist ein Auszug aus seinem Brief vom 26. Dezember 1937). Doch ab April 1938 wurde seine Haft verschärft, denn – so die Begründung: „Der Schutzhäftling… weigert sich von der Irrlehre der Bibelforscher abzulassen.“

Frau Gärtner führte das inzwischen schlecht laufende Geschäft zunächst mit einem Gehilfen weiter; sie musste arbeiten gehen, um ihm den Lohn zahlen zu können. Als Zwingenberger Nazis versuchten den Salon auszuräumen, drohte ihnen die Schwiegermutter mit einem Beil in der Hand: „Dieses Geschäft hat Hans sich erarbeitet, und zwar für seine Kinder. Der erste, der von Euch hier reinkommt, den bring‘ ich um!“ Das wirkte – zumindest kurzfristig. In der Zweiten Hälfte des Jahres 1939 musste der Friseurladen allerdings nach Aufforderung der Friseurinnung doch geschlossen werden.

Ende September 1939 wurde Hans Gärtner in das KZ Mauthausen verlegt. Es gab Andeutungen einiger SS-Leute, die ihn und seine Frau auf eine Haftentlassung hoffen ließen. Im Januar 1940 besuchte Dora Gärtner ihren Mann ein letztes Mal. Er wog nur noch 40 Kilo und war in einem erbärmlichen Gesundheitszustand, denn die Essensrationen waren weiter gekürzt worden. Im Februar 1940 wurde er ins KZ Dachau zurückverlegt, am 26. April 1940 – kurz vor der erwarteten Haftentlassung – starb Hans Gärtner; er verhungerte, offiziell wurde „Kreislaufschwäche und Herzversagen“ als Ursache angegeben.

Zweimal bat Dora Gärtner den Kommandeur des KZ Dachau darum, ihr die Urne und den Ehering ihres Mannes zu übersenden. Das wurde abgelehnt: aus finanziellen Gründen!

Der Zwingenberger NSDAP-Ortsgruppenleiter wurde nach der Befreiung 1945 mit dem Schild „Ich bin schuld am Tod von Hans Gärtner“ durch Zwingenberg geführt.

Bürgermeister Ludwig Mütz beantragte bereits am 15.November, eine Straße am Orbis nach Hans Gärtner zu benennen.
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(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.