Die jüdische Bankiersfamilie Bauer aus Bensheim

Das Ziel: Opfern der Nazi-Diktatur ein Gesicht geben
Arbeitskreis Synagoge: Dr. Fritz Kilthau referierte bei Hauptversammlung über das Schicksal der jüdischen Bankiersfamilie Bauer aus Bensheim

Zwingenberg. Es war nur das Schicksal von vier Personen - doch steht das Unrecht, das Dr. Fritz Kilthau bei seinem Vortrag aus Anlass der Hauptversammlung des AK Synagoge im Saal des ehemaligen Amtsgerichts in Zwingenberg schilderte, stellvertretend für die Geschichte der 500 000 Juden, die im Jahr 1933 in Deutschland lebten. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge e.V. referierte über seine Forschungen zu der jüdischen Familie Bauer, die sich um den Anfang des 20. Jahrhunderts in Bensheim niedergelassen hatte.

Von der Gesellschaft anerkannt

1891 war Julius Bauer (geboren 1870 in der Nähe von Tauberbischofsheim) nach Bensheim gekommen. 1895 arbeitete er als Angestellter der Bankabteilung des Manufaktur- und Bankgeschäfts Arthur Reiling. Der Inhaber war ein Verwandter der später als Anna Seghers berühmt gewordenen Nelly Reiling.

Im Jahr 1899 eröffnete Julius Bauer mit seinem zukünftigen Schwager Jakob Rosenfelder in der Bensheimer Bahnhofstraße ein Manufakturwaren- und Bankgeschäft. 1912 trennten sich die beiden Geschäftszweige. Jakob Rosenfelder führte das Manufakturwarengeschäft weiter, während Julius Bauer das Bank- und Wechselgeschäft unter dem Namen "Rosenfelder & Bauer" übernahm. Das Unternehmen prosperierte dank vieler vermögender Privatkunden, darunter der Chemiker Dr. Arthur Sauer, Inhaber der Fissan-Werke in Zwingenberg, der Küfermeister und Weinzüchter Hillenbrandt oder der Produktenhändler Moses Wolf, beide aus Bensheim. Auf den Erfolg des Bankgeschäfts lässt unter anderem das äußerst reichhaltige Menü schließen, das es 1907 anlässlich der Hochzeit von Julius Bauer mit der in Mittelfranken geborenen Hedwig Schloß gab.

Das Ehepaar Bauer wurde ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft und das Bankgeschäft wuchs stetig weiter. 1908 und 1917 wurden die beiden Töchter Margarethe und Anneliese geboren. 1921 mietete die Familie von der Stadt Bensheim Räume im Rodensteiner Hof, wo sich künftig sowohl die Privatwohnung als auch die Geschäftsräume befanden. Bis 1933 war der Ruf des Bankgeschäfts hervorragend. Fast täglich fuhr der Inhaber während der Woche wegen des Handels mit Wertpapieren nach Frankfurt. Ab 1933 setzten der Naziterror und die damit verbundenen Boykottmaßnahmen dem ein brutales Ende.

Julius Bauer wurde die Zulassung zur Börse entzogen, 1936 wurde die Familie gezwungen, mit Wohnung und Geschäft in die heutige Darmstädter Straße 66 umzuziehen, da die Räume im Rodensteiner Hof für die Ortsgruppenleitung der NSDAP genutzt werden sollten. Im Rahmen der Reichspogromnacht 1938 wurden Wohnung und Geschäftsräume von uniformierten SS-Männern verwüstet - unter den Plünderern war auch Erbprinz Georg Ludwig von Erbach-Schönberg. Am Morgen des 10. November 1938 wurde Julius Bauer verhaftet und am 12. November im KZ Buchenwald eingeliefert. Dort starb er am 1. Dezember an einer "Hirnblutung der rechten Hirnhälfte", wie der Suchdienst des Roten Kreuzes 1958 unkritisch vermerkte. Im geschlossenen Sarg kam er nach Bensheim zurück. Die Angehörigen wurden angewiesen, den Sarg nicht zu öffnen. Auf dem damals schon geschlossenen Alsbacher Judenfriedhof wurde Julius Bauer durch den Einsatz seiner Nichte Edda Jonas (geborene Rosenfelder) begraben. Das Vermögen der Familie wurde gesperrt, der Betrieb des Bankgeschäfts unterbunden. Im Januar 1939 beantragte Hedwig Bauer die Löschung des Bankgeschäfts. Sie nahm sich im Februar 1939 das Leben.

Fürs Leben geprägt

Die beiden Töchter waren 1936 und 1938 in die USA emigriert. Margaret (zuvor Margarethe) gründete dort eine Familie. Anne (zuvor Anneliese) arbeitete als kritische Journalistin für viele renommierte Zeitungen und kam als heftige Kritikerin der Apartheid in Konflikt mit dem McCarthyismus. Schockiert von Entwicklungen, die sie an "das Deutschland von 1933, 35, 36" erinnerten, kehrte sie den USA den Rücken und siedelte sich in Paris an, wo sie den Journalisten Pierre Wurmser heiratete und bis ins hohe Alter als politisch engagierte Journalistin gegen die Missachtung der Menschenrechte arbeitete. Ausführlich ist die Geschichte der Familie Bauer in einer im Jahr 2010 unter dem Titel "Menschengesichter" erschienenen Publikation von Dr. Fritz Kilthau nachzulesen. eba

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 22.06.2016
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