Besuch von Michael und Rachel Ben-Eliezer

Artikel des "Bergsträßer Anzeiger" vom 18. September 2014

Enkel aus Israel besuchte die Heimat der verfolgten Großeltern
Empfang: Michael Ben-Eliezer, ein Nachfahre der jüdischen Familie Wolf, zu Gast in Zwingenberg
Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg. Das Geschenk des Gastes: Eine antike Öllampe aus dem 6. Jahrhundert. Michael Ben-Eliezer betont ihren symbolischen Wert: "Möge das Licht stets über die Dunkelheit siegen." Es waren tiefdunkle Jahre, als seine Zwingenberger Großeltern Saly und Amanda Wolf von den Nazis ins KZ deportiert wurden. Nach 67 Jahren ist der Enkel wieder nach Deutschland aufgebrochen.
"Warum es so lange gedauert hat, weiß ich nicht. Mein Vater sprach wenig über seine Kindheit", so der Sohn von Fritz Wolf (Jahrgang 1922), der sich vor dem Regime zunächst nach England retten konnte. Dessen Bruder Arnold wurde vermutlich in Ausschwitz ermordet. Ihre Schwester Ilse Schwartz lebt heute in den USA und war bereits mehrere Male in Zwingenberg zu Gast.
Der Besuch von Michael und Rachel Ben-Eliezer, die am Freitag aus Israel über Basel angereist sind, wurde am Dienstag im "Bunten Löwen" standesgemäß von einem offiziellen Empfang begleitet. Bürgermeister Dr. Holger Habich begrüßte den Gast im Goethezimmer gemeinsam mit Stadtverordnetenvorsteher Ulrich Kühnhold und Erstem Stadtrat Peter Lucas. In den Tagen zuvor besuchte das Ehepaar unter anderem die ehemalige Synagoge an der Wiesenpromenade sowie den historischen Marktplatz, wo die Vorfahren im Haus Nummer 12 ihr Ladengeschäft betrieben.

Zunehmend gemieden
Der Kontakt nach Zwingenberg kam über Dr. Fritz Kilthau zustande. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge wurde von Michael Ben-Eliezer im Internet "gefunden". Der erste Besuch kam aus Termingründen nicht zustande: Bereits bei der Verlegung der Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig im Juli 2012 hätte der Enkel von Saly und Amanda und Neffe von Arnold Wolf dabei sein sollen. "Das holen wir jetzt nach", betonte er im Rahmen des Empfangs.
Seine Großeltern - er stammte aus Ober-Klingen, sie aus Biblis - hatten ein Leder- und Schuhwarengeschäft neben der alten Apotheke. Die Familie galt als sehr gastfreundlich und beliebt, Kinder waren jederzeit willkommen, so Dr. Fritz Kilthau in seinem chronologischen Rückblick. Nach 1933 wurden die Wolfs von der Bevölkerung zunehmend gemieden, nur wenige Zwingenberger Bürger wollten etwas mit ihnen zu tun haben. Diese schlichen sich bei Dunkelheit durch die Hintertür ins Haus Wolf, um miteinander zu reden oder eine kleine Unterstützung abzugeben. Gerda Kunert (Jahrgang 1927) bestätigt dies. Das ehemalige Nachbarskind war mit Ilse Wolf befreundet und hält noch heute mit ihr Kontakt. Die Tochter konnte mit Hilfe einer jüdischen Vereinigung bereits mit 14 nach Nordamerika auswandern. Ihre Eltern, von denen sie hofft, dass sie nachkommen würden, sah sie nie wieder. "Es war ein freundschaftliches Verhältnis zu den Wolfs. Wir Kinder spielten miteinander, wurden zu jüdischen Festen eingeladen", so die Zwingenbergerin.
1938 wollte die Familie in die USA ausreisen, doch der Plan scheiterte. Die Repressalien gegen die jüdischen Bürger wurden immer massiver, das Lederwarengeschäft erhielt von der Bank keinen Kredit mehr und musste geschlossen werden. Amanda und Saly Wolf beschlossen wegzuziehen. Im Oktober 1938 ziehen sie nach Darmstadt in die Grafenstraße um, einem so genannten "Judenhaus", wo Saly Wolf eine magere Anstellung fand.
Gerda Kunerts Schwester, die damals in der Nähe arbeitete, hatte ihn dort wiederholt gesehen: "Sie berichtete uns, er habe den Boden schrubben müssen." Einen Monat später wurde der Laden in Zwingenberg bei den November-Pogromen verwüstet. Die SS hatte Möbel auf die Straße geworfen und in Brand gesteckt.
Das Paar wurde am 20. März 1942 vom Darmstädter Güterbahnhof aus in einem Transport mit eintausend weiteren Juden ins Lager Piaski-Lublin in Polen deportiert. Von dort erfolgten regelmäßige Transporte in die umliegenden Vernichtungslager Belzec, Majdanek oder Sobibor, so Kilthau weiter. Vermutlich ist Amanda Wolf in einem dieser Lager ermordet worden. Auch Saly Wolfs Schicksal konnte nicht einwandfrei geklärt werden: Da ein konkreter Todesort bis heute nicht feststellbar war, sind auf dem Stolperstein drei Fragezeichen eingraviert.
Arnold Wolf ging im Alter von 14 Jahren ins holländische Roermond, um dort eine Lehre als Schreiner zu beginnen. Bei seinem Versuch, in die Schweiz zu flüchten, wurde er verhaftet und später nach Auschwitz deportiert.

Schicksale erforschen
"Wir müssen die Geschichte dieser Menschen als Andenken bewahren" so Dr. Fritz Kilthau im Rahmen des Empfangs der Stadt Zwingenberg. Es sei ein Anliegen des Arbeitskreises Synagoge, die weißen Flecken in den Biografien ehemaliger Zwingenberger Juden zu löschen und weitere Einzelheiten über ihre Lebenswege zu erforschen. tr

Im Alter von 17 Jahren auf der Flucht

"Aus heutiger Sicht hätte ich meinen Vater konkret nach dem Schicksal unserer Familie fragen sollen", so Micheal Ben-Eliezer. Fritz Wolf konnte sich über Holland und England nach Israel retten, wo er den Namen Webster angenommen hatte. "Er suchte einfach im Telefonbuch nach einem Namen mit W", berichtet der Sohn. Fritz Wolf war bereits im Alter von 17 Jahren auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. "Wenn ich daran denke, dass mein 19-jähriger Sohn im gleichen Alter ist als meine Eltern damals", kommentierte Ben-Eliezer die schrecklichen Erlebnisse der Generationen vor ihm.
Sein Vater kämpfte ab 1939 für die Britische Armee gegen die Nazis. Nach Kriegsende 1945 heirateten die Eltern in England, wo sie 40 Jahre lang lebten und - in Anlehnung an die Zwingenberger Zeit der Wolfs - ein Lederwarengeschäft führten. Michael ließ sich nach seinem Studium ebenfalls in Israel nieder. "Ein Traum", wie er gestern betonte. Seine Eltern und Enkel kamen später nach.
1991 ist Fritz Webster an Leukämie verstorben, er wurde in Jerusalem neben seiner Ehefrau begraben. Auf dem Grabstein wird er, in Bezug auf ein Zitat von Rabbi Jose im Talmud, als "guter Nachbar" charakterisiert. "ich habe in Zwingenberg ebenfalls viele gute Nachbarn gefunden", dankte Michael Ben-Eliezer für die freundschaftliche Begrüßung in der Stadt seiner Großeltern.
Im Alter von 14 Jahren hat Michael den hebräischen Namen angenommen. Mit seiner Frau Rachel lebt er heute in Efrat, einer israelische Siedlung im Westjordanland. tr

© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 18.09.2014
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