"Wölfe im Schafspelz"

Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 20. November 2009

Nachbarschafts-Bündnis gegen Rechts
Kooperationsvereinbarung: Die Kommunen Zwingenberg, Alsbach-Hähnlein, Bickenbach und Seeheim-Jugenheim schließen sich zusammen

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg/Bergstraße. Die vier nördlichen Bergsträßer Kommunen haben sich zu einem Bündnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit formiert. Ziel ist es, in einem kreisübergreifenden Schulterschluss demokratiefeindliche neonazistische Gruppierungen zu bekämpfen, ihre Versammlungen zu verhindern und gemeinsam für ein friedliches und gleichberechtigtes Miteinander einzutreten.
Am Mittwoch haben die Bürgermeister eine entsprechende Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Darin verpflichten sich die Partnerkommunen unter anderem, potenzielle rechte Tendenzen wach zu verfolgen und gemeinsam dagegen anzugehen: "Rechtsradikalismus - nicht mit uns!"
Vor circa 150 Gästen fand die Auftaktveranstaltung der dauerhaften Partnerschaft in der Seeheimer Sport- und Kulturhalle statt. Titel: "Wölfe im Schafspelz - Rechtsradikalismus unter uns ..." Anke Höfle vom Präventionsrat der Gemeinde begrüßte die vier kommunalen Vertreter auf dem Podium zu einem ersten Austausch, in dem diskutiert wurde, in welchem Ausmaß rechtsextreme Aktionen beobachtet und auf welche Weise diese vor Ort bekämpft werden können. Der Zwingenberger Stadtrat Wolfgang Sauer, der für den erkrankten Bürgermeister Holger Habich in Seeheim war, berichtete von einigen Vorfällen mit einem erkennbar rechten Hintergrund, die in den vergangenen Jahren immer wieder für Diskussionsstoff gesorgt hatten.
Sauer sagte, dass sich rechtsextremes Gedankengut oftmals unterschwellig verbreite und nicht öffentlich wahrgenommen werde. Daher plädierte er für eine gesellschaftliche Verhaltenskultur mit sensiblen, geistig offenen und freundschaftlichen Umgangsformen gegenüber allen Menschen.
Die Kooperationsvereinbarung mit den Nachbarkommunen kommentiert Sauer als "wegweisend für eine zukünftige Zusammenarbeit", und zwar über Kreisgrenzen hinaus. In diesem Kontext verwies der Stadtrat auf die "Zwingenberger Erklärung gegen rechtsextreme Aktionen", die in Reaktion auf einen Infostand von Neonazis im August 2005 entworfen wurde. Formuliert wurde sie vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge, der am Mittwoch in Seeheim mit einem Bücher- und Infostand vertreten war.
Das Papier "für Demokratie, Toleranz und Menschenwürde" wurde von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung begrüßt und ist zum Vorbild für ähnliche Resolutionen im gesamten Kreisgebiet geworden. Die Gemeinde Alsbach-Hähnlein hatte sich früh mit den Zwingenberger Kollegen solidarisiert. "Wir müssen ein Zeichen setzen", so Bürgermeister Georg Rausch, der das neue Viererbündnis gerne früher auf den Weg geschickt hätte: "Eigentlich sollte es vor der Bundestagswahl passieren." Rausch lenkte das Augenmerk auf den sozialen Mikrokosmos, in dem sich Fremdenhass und Rassismus für gewöhnlich leider ungestört entwickeln können. Entsprechende Kommentare werden "überhört" und damit leise toleriert.

"Hinsehen und handeln"

"Wir müssen in unserem unmittelbaren Umfeld hinsehen und handeln", so Rausch in Seeheim, wo sein Amtskollege Olaf Kühn von oberflächlich eher verhaltenen rechten Tendenzen spricht. Außer gelegentlichen Schmierereien sei wenig zu beobachten. "Eine latente Ideologie ist aber vorhanden", so Kühn, dessen Gemeinde 2004 einen Präventionsrat gegründet hat.
Dieser fördert das lokale Miteinander ohne Gewalt und Diskriminierung, engagiert sich in der Jugendarbeit, in der Integration und vereint nahezu alle kommunalen Organe unter einem Dach. "Meine Vision ist ein überkommunaler Verbund gegen Rechtsextremismus", so Kühn weiter.
Auch der Bickenbacher Bürgermeister Günter Martini war vom Zusammenschluss schnell überzeugt und begrüßte die klare Botschaft der vier Partner. Als Co-Veranstalter in Seeheim war das Schuldorf Bergstraße mit im Boot. Die SBS-Combo sorgte für den musikalischen Rahmen. Unterstützt wird die Aktion vom Mobilen Interventionsteam im Beratungsnetzwerk Hessen.

Bergsträßer Anzeiger
20. November 2009
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(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.