3000 Jahre Geschichte des jüdischen Volkes

Seit sich vor mehr als 3000 Jahren mehrere semitische Stämme in einem abgelegenen Winkel des alten Orients zu einem Volk zusammenschlossen, das schon früh unter dem Namen "Israel" bekannt war, haben sich Angehörige dieses Volkes über die ganze Welt ausgebreitet. Dabei bewies das jüdische Volk stets den Mut, nach zahlreichen historischen Katastrophen immer wieder einen Neuanfang zu wagen und sich veränderten Umständen anzupassen. Nur selten gelang es den Juden, sich dabei auf einen gefestigten eigenen Staat zu stützen. In der Regel befanden sie sich als Minderheit in einer andersgläubigen Umgebung. Ihr Zusammenhalt beruhte auf ihrem "portablen Vaterland", wie Heinrich Heine es nannte, der Heiligen Schrift.

Trotz ihrer Minderheitenposition konnten sie zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten bedeutende Beiträge in Kultur und Wissenschaft, Politik und Wirtschaftsleben der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft leisten, sei es im Römischen Imperium, im Zweistromland unter den Perserkönigen und den ersten muslimischen Kalifen, im mittelalterlichen Europa vor den Kreuzzügen, im Königreich Polen-Litauen in der frühen Neuzeit oder im deutschen Kaiserreich nach 1871. Auch nach dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas war ein Neubeginn möglich, diesmal sogar mit dem Wagnis eines neuen eigenen Staates in der antiken Heimat, der aber auf die Unterstützung der zahlenmäßig größeren jüdischen Diaspora in den USA und in Europa angewiesen bleibt.

Der Referent, stellvertretender Vorsitzender der Max Dienemann / Salomon Formstecher-Gesellschaft, Offenbach, zeichnet diese faszinierende Geschichte mit zahlreichen Lichtbildern bis zur Gegenwart mit ihrer erstaunlichen Neubelebung der jüdischen Gemeinden in Deutschland durch die russischsprachigen Zuwanderer nach. (Text: Max Dienemann Salomon/Formstecher-Gesellschaft)


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 13. November 2009

Arbeitskreis Synagoge: Mitarbeiter des Jüdischen Museums Frankfurt sprach über das jüdische Volk
Eine Geschichte, die von Katastrophen geprägt ist

Zwingenberg. Auch in einem zweistündigen, kompakten Vortrag kann die über 3000 Jahre alte jüdische Geschichte nur angerissen werden. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit der wechselvollen Historie des jüdischen Volkes hatte Michael Lenarz allerdings auch nicht beabsichtigt. Vielmehr ging es ihm mit seinem bebilderten Parforceritt durch die Geschichte vor allem darum, Interesse zu wecken.

Das hatte der wissenschaftliche Mitarbeiter des Jüdischen Museums in Frankfurt auch erreicht, wie die anschließende angeregte Diskussion im voll besetzten Saal der Katholischen Pfarrgemeinde Zwingenberg zeigte. Deutlich machte der Vortrag von Lenarz die von Katastrophen und Zusammenbrüchen geprägte Geschichte eines Volkes, dessen Wille zum Neuanfang bei allen Rückschlägen ungebrochen blieb.
Für den Referenten, der auf Einladung des Arbeitskreises Synagoge nach Zwingenberg gekommen war, ist dies auch ein Zeichen dafür, wozu Menschen fähig sind, wenn sie einen festen Glauben haben. Dieser feste Glauben basiert auf der Tora, der Heiligen Schrift, die Heinrich Heine einst das "portable Vaterland" der Juden nannte. Denn auf ein eigenes Land konnten die Juden nur selten bauen. Meistens lebten sie an unterschiedlichen Orten in andersgläubiger Umgebung.
Auch nach der Gründung des eigenen Staates Israel 1948 in der antiken Heimat ist das Leben der Juden nicht konfliktfrei. Auf eine Prognose angesprochen, musste auch Lenarz passen. "Die aktuelle Situation in Israel wird immer schwieriger. Die Konflikte, vor allem ums Wasser, werden zunehmen", war es für den Referenten ganz schwierig, für das "Wettereck der Weltgeschichte" eine Prognose abzugeben.
Seine Zeitreise durch 3000 Jahre jüdische Geschichte begann Lenarz um 1300 v. Chr., als sich mehrere semitische Stämme zusammenschlossen, gemeinsam aus Ägypten auszogen und in der Wüste zu einem Volk wurden. Schon damals war von Israel die Rede, verwies der Referent auf eine alte Erwähnung auf einer ägyptischen Stele um 1219 v. Chr.
Um 1000 v. Chr. fasste König David die Stadtstaaten zum Großreich Israel zusammen. Unter seinem Sohn Salomo wurde der erste Tempel gebaut, und das Judentum erlebte eine Blütezeit. Es folgten die Spaltung des Reiches in die zwei Kleinstaaten Israel im Norden und Juda im Süden, dann die Zerstörung des Nordreiches durch die Assyrer, 587 v. Chr. ging das Südreich verloren, und das babylonische Exil begann.
Unter der Herrschaft der Perser, die die Babylonier besiegt hatten, wurden die Deportierten erstmals als jüdisches Volk bezeichnet und konnten nach Palästina zurückkehren. Unter der Herrschaft von Alexander dem Großen, der 332 v. Chr. Judäa unterworfen hatte, begann die Auseinandersetzung der jüdischen Kultur mit dem Hellenismus. Diese Konflikte bestimmten die folgenden Jahrhunderte bis zur Zeitenwende.
Auch unter römischer Herrschaft führten Unruhen schließlich zur Zerstörung des zweiten Tempels und dem Ende einer wesentlichen Epoche des Judentums. Die Juden wurden nach Spanien und in andere entlegene Teile des Römischen Reiches umgesiedelt (die nördlichste Bastion war Köln), wanderten aber auch nach Osten bis nach Zentralasien, Indien und China.
Zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert entstanden beispielsweise prächtige Synagogen im ganzen Mittelmeerraum. Lenarz erinnerte an das europäische Zeitalter des Judentums zwischen 1000 und 1945 mit einem der frühesten Zentren in Córdoba, der islamistischen Bewegung in Spanien im 12. und 13. Jahrhundert, in dem sich Judenverfolgung und relative Sicherheit ablösten und die Ausweisung der Juden aus Spanien Ende des 14. Jahrhunderts.
Eine geistig-kulturelle Blütezeit mit einer reichen jüdischen Gelehrsamkeit erlebte das Judentum zwischen 1500 und 1700 im Osten. Die von den polnischen Königen geförderte Ansiedlung hatte hier zu einem Schwerpunkt jüdischen Lebens geführt, während Westeuropa um 1500 nahezu judenfrei war. Um 1800 lebten weltweit 7,7 Millionen Juden, wovon mit 90 Prozent der größte Teil in Europa, insbesondere in Osteuropa angesiedelt war.

Politisch nahezu rechtlos

Mit dem Aufkommen des Antisemitismus als politische Kraft (Affäre Dreyfus) Ende des 19. Jahrhunderts wurde insbesondere für die Juden in Osteuropa die Situation sehr schlimm. Unter der Herrschaft der russischen Zaren waren sie politisch nahezu rechtlos und nach Pogromen 1881 erfolgte die Auswanderung aus Russland in die USA und nach Palästina.
In Deutschland erfuhren die Juden durch die NSDAP Entrechtung und Ausgrenzung mit den bekannten Folgen. Wer es schaffte, wanderte nach Amerika oder Palästina aus. Daher lebt von den heute 13,2 Millionen Juden weltweit der größte Teil mit 5,7 Millionen in Nordamerika und 5,5 Millionen in Israel. In Europa haben sich etwa 1,1 Millionen Juden angesiedelt. js

Bergsträßer Anzeiger
13. November 2009


Artikel des Darmstädter Echo - Online vom 9. November 2009

Zur Geschichte des jüdischen Volkes

Vortrag: Michael Lenarz vom Jüdischen Museum Frankfurt referiert in Zwingenberg – Im Anschluss lebhafte Diskussion

Zwingenberg.
Auf Einladung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge referierte Michael Lenarz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Jüdischen Museum Frankfurt, zum Thema „3000 Jahre Geschichte des jüdischen Volkes“. Rund 40 Zuhörer folgten im katholischen Gemeindehaus dem Lichtbildervortrag.
Die Wiege des Judentums ist wohl im Alten Orient und in Ansiedlungen in Kanaan (ungefähr 1500 vor Christus) zu suchen. Seit dem babylonischen Exil (598 bis 539 v. Chr.) gab es jüdische Gemeinden in vielen Orient-Metropolen und im Mittelmeerraum, vor allem in Babylon, Alexandria und Rom. Im Laufe des ersten Jahrtausends hatte sich das geistige Zentrum des Judentums von Mesopotamien nach Europa verlagert, vor allem nach Spanien und Nordfrankreich. Zu Beginn des ersten Jahrhunderts gründeten Pioniere auf der iberischen Halbinsel erste jüdische Kolonien. Anhand von Karten demonstrierte Lenarz immer wieder die Ausbreitung des jüdischen Volkes zur jeweiligen Epoche. Farbige Bilder von ältesten Schriftstücken dokumentierten dazu die spätantike und frühmittelalterliche hebräische Historie.
Bis zur Judenvertreibung aus Spanien 1492 war Toledo das sephardisch-kulturelle Zentrum der Welt. In Deutschland, insbesondere im Rheingau, sind Aschkenasim – das ist der zweite traditionelle Strang – vor allem als Händler ab 800 aktenkundig, wie Lenarz ausführte.
1099 bei der Erstürmung Jerusalems durch Kreuzfahrer hatte es schreckliche Massenmorde an Juden gegeben. Judenverfolgungen und Pogrome gab es im weiteren Verlauf der Jahrhunderte bis hin zu Hitlers Holocaust immer wieder. 1348/49 wurden Juden für die Verbreitung der Pest verantwortlich gemacht, vertrieben, ermordet, geplündert. Ein kultureller und sozialer Niedergang folgte darauf. Ab 1500 blühte die jüdische Kultur vor allem auf osteuropäischem Boden (Polen, Ukraine) wieder auf. Städte wie Prag, Warschau, Krakau, Vilnius und Lemberg bezeugen das noch heute.
England gestattete ab 1650 die Rückkehr der ausgewiesenen Juden. Samuel Oppenheimer („Jud Süß“) brachte es gar zum Hofjuden Kaiser Leopolds I. Moses Mendelssohn ist ebenfalls eine bedeutende gelehrte Persönlichkeit.
Doch bald setzte wegen fehlender wirtschaftlicher Substanz und Ungleichbehandlung eine Ausreisewelle in Richtung Nordamerika ein. Beispielsweise stammen die Lehman Brothers (Bankhaus) aus Rimpar/Würzburg. Die jüdischen Brüder Hayum, Mendel und Maier Lehman emigrierten 1844 bis 1850. Heute gibt es rund 13,2 Millionen Juden auf der Welt. Knapp die Hälfte von ihnen lebt in den USA und Kanada – rund fünf Millionen im 1948 gegründeten Israel. Tel Aviv zählt zu den modernen Metropolen der westlichen Welt. Judenzentren sind die französischen Metropolen Paris, Lion, Marseille, in Deutschland Berlin, München und Frankfurt.
Im Anschluss wurde lebhaft über Strömungen, Eigenheiten und Zukunftsperspektiven des Judentums diskutiert.
09. November 2009 | mra

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