Lesung mit Ruth L. David

1939 - Ein zehnjähriges jüdisches Mädchen aus Fränkisch-Crumbach flieht mit den “Kindertransporten“ nach England
Ruth L. David liest in der Stadtbücherei Zwingenberg aus ihrer Biographie „Ein Kind unserer Zeit“

Ruth L. David – 1929 in Fränkisch-Crumbach geboren - wuchs dort als Tochter des Zigarrenfabrikanten Moritz Oppenheimer und seiner Frau Margarete auf. Mit neun Jahren erlebte sie die Reichspogromnacht in ihrem Heimatdorf: Die Nationalsozialisten drangen in das Haus ihrer Familie ein, der geliebte, behinderte Onkel wurde in seinem Rollstuhl die Treppe hinunter gestoßen, das Haus in ein Trümmerfeld verwandelt, der Vater und der Bruder Ernst zusammengeschlagen und ins KZ Buchenwald verschleppt. 1939 beschlossen die Eltern, Ruth im Zuge der breit angelegten Rettungsaktion „Kindertransporte“ nach England zu schicken - in Sicherheit vor dem Naziterror. Mit diesen Kindertransporten wurden von Dezember 1938 bis zu Beginn des 2. Weltkriegs etwa 10.000 jüdische Kinder gerettet.
Ruth David, die lange Jahre in England als Lehrerin arbeitete und heute in den USA lebt, hat ein Buch geschrieben über ihre Kindheit im Odenwald, die zunehmenden Verfolgungen, denen sie und ihre Familie ausgesetzt waren und über die schwierigen Jahre als Kind allein in England. Dass Ihre Eltern das NS-Regime nicht überlebten und 1942 in Auschwitz ermordet wurden, erfuhr sie erst nach Ende des Krieges.
Erst nach vielen Jahren vermochte Ruth David wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren – seit einigen Jahren kommt sie regelmäßig auf Einladung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung nach Deutschland und liest in Schulen und bei Abendveranstaltungen. Sie schätzt sich glücklich, inzwischen dort auf viele Menschen zu treffen, „die wissen, dass die Vergangenheit nicht vergessen werden kann.“

i Lesung mit Ruth L. David
Dienstag, 19. September 2006, 19:30 Uhr - Stadtbücherei Zwingenberg
Veranstalter: Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V. und Stadtbücherei Zwingenberg
unterstützt durch die Hessische Landeszentrale für politische Bildung, Wiesbaden


Über die Lesung, zu der etwa 45 Zuhörer kamen, berichtete der Bergsträßer Anzeiger am 22. September 2006:

"Wenn es die Kinder wussten, dann die anderen auch"
Lesung: Ruth L. David, aufgewachsen im Odenwald, wurde 1939 durch einen Kindertransport vor der Deportation gerettet

Zwingenberg. "Wir entfernten uns von einer Gesellschaft, von der wir dachten, dass wir dazugehören". 40 Jahre hat es gedauert, bis Ruth L. David über ihre Vergangenheit sprechen konnte. Die biografischen Erinnerungen haben geholfen, nach Deutschland zurückzukehren und von ihrer Kindheit zu berichten.
Aufgewachsen in Fränkisch-Crumbach mit fünf Geschwistern, erlebt sie den keimenden Nazismus hautnah mit und wird kurz vor dem Krieg mit einem Kindertransport nach England gebracht. Als die Zehnjährige am 6. Juni 1939 auf dem Mannheimer Hauptbahnhof in den Zug nach Frankfurt steigt, ahnt sie nicht, dass sie ihre Eltern niemals wiedersehen wird.
Traumatische Kindheit . . .
Es war ein bewegender Abend mit einer sehr beeindruckenden Dame: Auf Einladung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge war Ruth David gemeinsam mit ihrer Buch-Übersetzerin Renate Knigge-Tesche (Hessische Landeszentrale für Politische Bildung) in der Stadtbücherei zu Gast. Unter dem Titel "Ein Kind unserer Zeit" hat die gebürtige Odenwälderin die Erlebnisse ihrer Kindheit gesammelt und ihr Schicksal vor dem Hintergrund der Nazi-Zeit zurückverfolgt.
"Zuerst konnte ich nicht schreiben, dann nicht mehr damit aufhören", sagt die mittlerweile in den USA lebende Autorin über ihre Geschichte, die historische Ereignisse aus der Sicht der Opfer nacherzählt. Ruth L. David, geborene Oppenheimer, wächst als viertes von sechs Kindern in der ländlichen Idylle des Odenwaldes auf. Der Vater führt eine Zigarrenfabrik, die Mutter ist Mathematiklehrerin. Sie erlebt die Fluchtwelle im Zuge aufkeimender nationalsozialistischer Macht, die auch das Leben im Dorf nicht unbehelligt lässt: Mit sechs Jahren wird sie von der Volksschule ausgeschlossen und auf eine jüdische Schule nach Höchst geschickt.
"Der Ort hat sich den Nazis recht primitiv an den Hals geworfen", erzählt Ruth David - bereits drei Jahre vor dem landesweiten Schulgesetz zeigte sich das Dorf im braunen Sinne "fortschrittlich". Die Familie denkt an Auswanderung, der älteste Bruder Werner nahm das nächste Schiff in Richtung Argentinien. Die Pogromnacht im November 1938 ist ein "schicksalhaftes Datum", auch für die Oppenheimers. Für Ruth David war der brutale Überfall der Nazischergen "blanker Terror. Ich hatte die größte Angst meines Lebens".
. . . in Nazi-Deutschland
Panisch flüchtet das Mädchen mit Schwester Hannah durch die Nacht und verbringt "endlose Stunden" im Auto des Vaters, während sie das Geräusch von splitternden Scheiben vernimmt. Drei Wochen später kehrt der Vater aus Buchenwald zurück: "Als alter, kranker Mann". Die Familie zerbricht: Bruder Ernst kann sich nach New York retten, Hannah wird nach Südengland geschickt, Ruth verschlägt es ins nordenglische Newcastle. Eine Freundin der Mutter nimmt sie in Empfang - 50 Pfund waren zu zahlen, um England vor "finanziellen Belastungen" zu bewahren.

Bis heute ist Ruth David dem Land dankbar, dass es Kinder von Juden und anderen politisch Verfolgten aufgenommen hat - ohne Visum und ohne Ausweispapiere. Die Eltern werden 1940 mit den Kindern Michael und Feodora ins französische Gurs deportiert. Dort gelingt es, die beiden jüngsten aus dem Lager zu schmuggeln. Margarete und Moritz Oppenheimer werden in Ausschwitz ermordet - alle sechs Kinder überleben und werden in sämtliche Richtungen verstreut. "Wir hatten nicht mehr die selbe Sprache", erzählt Ruth David, der es nie mehr gelungen ist, alle Geschwister an einen Tisch zu versammeln.
Der letzte Brief der Mutter offenbart den tiefen Schmerz und die Sehnsucht nach der Familie. "Meine Eltern haben nicht mehr erfahren, dass wir alle überlebt haben". Bei den Kindertransporten wurden insgesamt rund 10 000 jüdische Kinder vor dem NS-Regime in Sicherheit gebracht.

Nach der Zeit in England lebt Ruth L. David heute in Ames im amerikanischen Bundesstaat Iowa. "Die USA haben die Quote zur Aufnahme jüdischer Migranten damals nicht erhöht", kritisiert sie die zähe Haltung der Roosevelt-Regierung. Mit der alten Heimat steht sie in regelmäßigem Kontakt, veranstaltet Lesungen in Schulen und Kirchengemeinden. Auch in Fränkisch-Crumbach, wo sie sich trotz traumatischer Kindheitserlebnisse ab und zu mit Freundinnen trifft.
Auf Drängen ihres englischen Verlags hat sie die im Manuskript noch anonymisierten Personen im Buch beim Namen genannt - eine schwierige Entscheidung, die man angesichts einer solchen Biografie aber zweifellos nachvollziehen kann. Wenn sie heute zurückblickt, gärt die Wut über die gesellschaftliche Ignoranz und Alltags-Blindheit im Nationalsozialismus sowie über die verbreitete leugnerische Haltung in der Nachkriegszeit. "Wenn wir Kinder es wussten, dann doch die anderen erst recht". tr

Das 1996 veröffentlichte, neu überarbeitete Buch "Ein Kind unserer Zeit" ist im Thrun Verlag Wiesbaden erschienen.

Bergsträßer Anzeiger
22. September 2006
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