Bergsträßer Anzeiger vom 19. Februar 2013

Auf der Suche nach Freiheit und Frieden
Ausstellung: „Migration in Südhessen“ plastisch dargestellt / 54 Schautafeln bis 3. März in Remise zu sehen

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg. Auf sehr großes Interesse stieß die Eröffnung der Ausstellung "Migration in Südhessen" am Freitagabend in der Remise. Bis zum 3. März verdeutlichen 54 Schautafeln beispielhaft die Geschichte von Wanderungsbewegungen aus und nach Südhessen in der Zeit vom 17. Jahrhundert bis 1945. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland.

Uralt und doch hochaktuell
Es ist das eindrucksvolle Ergebnis einer langen Vorarbeit: Dr. Fritz Kilthau, Vorsitzender des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge, und der Historiker und ehemalige Studiendirektor Heribert Pauly beschäftigen sich seit Jahren mit einem Thema, das uralt und hochaktuell ist: Menschen in Bewegung, auf der Suche nach Frieden und Wohlstand, nach Demokratie und Freiheit. Auf der Flucht vor verbrecherischen Regimes oder einer feindseligen Bevölkerung. Vertriebene, Verfolgte und Verzweifelte.

Es geht immer um die Existenz
So unterschiedlich die Hintergründe, es ging immer um Existenzen. Über drei Jahre hat es gedauert, bis das Material in 54 Tafeln "übersetzt" wurde. Aus einer globalen Fülle von Migrations-Ereignissen hat sich das Organisatoren-Duo einige beispielhafte Entwicklungen ausgesucht. "Wir mussten uns auf wenige Themen konzentrieren, um nicht den Rahmen zu sprengen", erklärte Heribert Pauly bei der Eröffnung.

Fokussiert wurden größere oder historisch besonders bedeutsame Wanderbewegungen mit Bezug zu Südhessen und zur Bergstraße. Pauly betonte, dass die Ausstellung bis auf das Kapitel der Judenverfolgung zwischen 1933 und 1945 nicht auf eigenen Forschungsergebnissen beruht. Für diesen Teil konnten die Aussteller aufgrund der umfangreichen regionalen und lokalen Recherchen Kilthaus, die sich in etlichen Publikationen spiegeln, auf eine große Materialfülle zurückgreifen. Perspektivisch erweitert wird die Ausstellung durch DIN-A4-Tafeln mit persönlichen Berichten von Zeitzeugen und Nachfahren von Migranten oder Opfern.

Durchgängig ist es den Machern gelungen, komplexe Zusammenhänge anschaulich und nachvollziehbar zu präsentieren, was die Ausstellung auch für schulische Zwecke prädestiniert. So ist es auch geplant: Die Schautafeln werden selbst wandern und werde das Thema an unterschiedliche Orte bringen. Auch ein Gastspiel im Heppenheimer Landratsamt ist vorgesehen, wie der Kreisbeigeordnete und Zwingenberger Ehrenbürgermeister Kurt Knapp mitteilte.

In den Kontext eingeordnet
Die Methodik: Jedes Ereignis wird in seinem gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontext beleuchtet, um die Rahmenhandlung zu verdeutlichen. Darüber hinaus fragen Kilthau und Pauly, wie es den Menschen in ihrer neuen Umgebung ergangen ist: Wurden sie anerkannt und integriert? Hat man sie verfolgt oder ausgegrenzt? War die Auswanderung ein Gastspiel oder hat die Gruppe im anderen Land als frische Bevölkerungsschicht Wurzeln geschlagen?

Hochinteressant
Die Antworten sind hochinteressant. Unter anderem erfährt man von der Auswanderung von Odenwälder und Bergsträßer Familien nach Rumänien ("Deutsch-Banater") oder nach Dänemark ("Kartoffeldeutsche"). Allein im 19. Jahrhundert haben über fünf Millionen Deutsche in drei großen Auswanderungswellen ihr Land verlassen. Mitte des Jahrhunderts haben rund 30 Prozent der Zwingenberger (fast 500 Menschen) ihrer Heimat "adieu" gesagt, fast alle sind in die USA emigriert. Sie flohen vor einer Bevölkerungsexplosion mit einhergehenden Hungersnöten und mangelnder Arbeit - der Hunger trieb sie in die neue Welt.

„Hier ist ein freies Land“

Zwischen 1820 und 1914 sind die Vereinigten Staaten das meist angesteuerte Ziel der europäischen Migranten. Daneben vor allem Südamerika, Australien und Kanada. So genannte Auswanderungsagenten vermitteln Verträge für die Überfahrt, etwa über die Linie Hamburg-New York. "...denn hier ist ein freies Land", schreibt Peter Morckel aus Bensheim-Auerbach im Oktober 1830 aus Pennsylvania nach Hause. Und weiter: "Hier lebt ein Bauer besser als bei euch ein Edelmann."

Von 1871 bis 1915 verlassen 14 Millionen Italiener ihre Heimat. Dort herrschten Armut und Hunger. 1,2 Millionen Wanderarbeiter kommen nach Deutschland. Sie pflastern den Bensheimer Ritterplatz (um 1900) und arbeiten im Zwingenberger Steinbruch. Als die Arbeit beendet ist, ziehen sie weiter.

Seit dem Mittelalter werden Juden in Europa verfolgt. Sie waren die Sündenböcke, die Brunnenvergifter, Hostienschänder und Jesusmörder. 1615 werden sie aus Worms vertrieben. Sie gehen über den Rhein nach Gernsheim, wo der berühmte Rabbi Abraham Samuel Bacharach stirbt. Er wird später auf dem Alsbacher Judenfriedhof beigesetzt. Es dauert bis 1871, bis die Juden durch die neue Reichsgesetzgebung gleichgestellt sind. Sie können frei ihren Wohnort und Beruf wählen, der Leibzins wird abgeschafft. Die antisemitischen Aktionen dauern an und erreichen in den 1930er und 40er Jahren einen beispiellosen Höhepunkt. Die Zahl der Juden im Kreis Bergstraße sinkt in sechs Jahren von 876 (1933) auf 213. Im Jahr 1941 werden die letzten auf einem Viehwagen in die osteuropäischen Vernichtungslager abtransportiert. Bereits 1939 sind alle Zwingenberger Juden ermordet oder vertrieben.

1944 schuften griechische Zwangsarbeiter in einem Stollen bei Bensheim-Hochstädten. Mindestens zehn von ihnen sterben. Einige schaffen es nach der Befreiung mit Hilfe der US-Truppen wieder zurück in die Heimat. Kurz vor Kriegsende gibt es Arbeitslager unter anderem in Zwingenberg, Bensheim, Lautertal, Heppenheim, Pfungstadt, Viernheim und Biblis. tr

Migrations-Museum: Etappenziel erreicht

Das Migrations-Museum ist Vision. Die prominenteste und meist diskutierte Nutzungsvariante der ehemaligen Zwingenberger Synagoge liegt nach wie vor in weiter Ferne. Ursache: Das Gebäude an der Wiesestraße ist in privater Hand, ein Dialog mit dem Arbeitskreis Synagoge findet praktisch nicht statt.

Das Konzept für eine neue Nutzung als Veranstaltungs- und Erinnerungsort hat der Verein seit Jahren in der Tasche: In einem Migrationsmuseum könnte die Geschichte der Juden in Südhessen im Kontext einer weltweiten Bevölkerungsdynamik aufbereitet werden: Welche Wanderungsbewegungen fanden seit dem Mittelalter nach und aus Südhessen statt? Wie waren die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Hintergründe, also die Motivation der Emigration? Haben sich die betreffenden Bevölkerungsgruppen im "Gastland" integrieren können?

Mit der Ausstellung hat der Verein ein Etappenziel erreicht. Die Bildtafeln informieren über die Motivation und die Folgen der Wanderungsströme, sie erläutern kollektive und individuelle Hintergründe und können so dazu beitragen, das Verständnis gegenüber anderen Ursprüngen, Kulturen und Religionen zu verbessern.

Die Ausstellung verdeutlicht beispielhaft: Die Welt war immer in Bewegung. Und sie ist es nach wie vor. Heute wandern mehr Deutsche aus als aus dem Ausland wieder zurückkehren. Zwar gab es im letzten Vierteljahrhundert insgesamt weniger Menschen, die nach Kriegen und Katastrophen über die Grenzen geflüchtet sind. Doch die Ströme der Wanderer aus wirtschaftlichen Motiven, auf der Flucht vor Armut und Chancenlosigkeit, ist deutlich angestiegen. tr

Stimmen zur Ausstellung:

"Wir hoffen, dass wir auf diese Weise etwas dazu beitragen können, die Situation zu verändern." Dr. Fritz Kilthau über den Anspruch der Ausstellung. Er zitierte aus einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung , die einen Aufschwung an Ressentiments gegenüber Migranten und ausländerfeindlichen Einstellungen feststellt.

"Die Ausstellung ist ein folgerichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum Ziel: einer Nutzung der ehemaligen Zwingenberger Synagoge als Migrationsmuseum." Bürgermeister Dr. Holger Habich.

"Ein wichtiger Beitrag für Toleranz und Völkerverständigung." Kreisbeigeordneter und Ehrenbürgermeister Kurt Knapp.

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(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.