Bergsträßer Anzeiger vom 15. Januar 2014

Bekenntnis zur Gastfreundschaft
Ausstellung: „Migration in Südhessen“ ist bis zum 7. Februar im Foyer des Landratsamts in Heppenheim zu sehen
Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

BERGSTRASSE. Als inhaltlich wichtig und zeitgeschichtlich relevant bezeichnete Landrat Matthias Wilkes
die Ausstellung „Migration in Südhessen“, die am Montagabend im Foyer des Landratsamts in Heppenheim
in Anwesenheit zahlreicher Gäste eröffnet wurde. Gerade vor dem Hintergrund der neuen europäischen
Freizügigkeit müsse man jedem Einzelnen mit Anerkennung und Respekt begegnen. „Ganz gleich, woher er kommt und aus welchen Motiven er sein Land verlassen hat.“ Wilkes verwies auf den ersten Artikel des Grundgesetzes.
„Das reiche Europa hat die Aufgabe, diesen Menschen eine neue Heimstätte zu bieten“, so der Landrat, dessen Eröffnungsrede mit großem Beifall kommentiert wurde. Der Landrat bezog sich dabei auch auf die derzeit vieldiskutierte angebliche „Armutszuwanderung“ aus Bulgarien und Rumänien. Die sei aber nur eine Ursache. Viele Migranten seien Opfer von Krieg und Vertreibung oder suchten im Ausland eine neue berufliche Zukunft. Allein im
Kreis Bergstraße kommen jeden Monat 50 Asylbewerber an.

Vorurteile abbauen
Das Ausstellungsthema ist ebenso aktuell wie zeitlos. 56 Bildtafeln zeigen: Europa war immer in Bewegung – und zwar in ziemlich alle Richtungen. Auch Südhessen war und ist in diesem Kontext eine dynamische Region. Dies hat der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge ebenso anschaulich wie beispielhaft in Szene gesetzt. Nachdem die Ausstellung bereits im Februar vergangenen Jahres in Zwingenberg zu sehen war, ist sie nun an prominenter Stelle in
Heppenheim aufgebaut. Matthias Wilkes sprach von einem öffentlichen Bekenntnis zu Gastfreundschaft und Offenheit. Die Ausstellung soll dazu beitragen, das Verständnis für Migranten zu schärfen, Vorurteile abzubauen
und Völkerverständigung zu fördern. Neben den Migrationsprozessen selbst werden auch die Ursachen und Auswirkungen solcher Wanderungsströme nachvollziehbar skizziert: Menschen brechen auf, suchen Frieden und Wohlstand, Demokratie und Freiheit. Sie sind auf der Flucht vor verbrecherischen Regimes oder einer feindseligen Bevölkerung. Es sind Vertriebene, Verfolgte, Verzweifelte. Drei Jahre lang haben Dr. Fritz Kilthau, Vorsitzender des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge, und der Historiker Heribert Pauly an Konzept und Realisierung gearbeitet.
Hintergrund war das Vereinsziel, die ehemalige Synagoge als Migrationsmuseum zu nutzen, um an die Verfolgung von Zwingenberger Juden während des NS-Regimes zu erinnern. Aus dem Museum ist bislang nichts geworden, doch die Ausstellung ist trotzdem fertig. In mobiler Form wandert sie durch die Region. „Wir würden uns wünschen, sie
auch in Schulen präsentieren zu dürfen“, so Dr. Kilthau in Heppenheim.

Wiege der Menschheit in Afrika
„Wir sind alle Migranten“, sagte Heribert Pauly und verwies aus Afrika als Wiege der Menschheit. Der frühere
Studiendirektor am Schuldorf Bergstraße teilte mit, dass die Inhalte der Ausstellung nicht auf eigenen
Recherchen beruhen. Bis auf Kilthaus lokalhistorische Forschungsergebnisse hat man auf die Arbeiten
Dritter zurückgegriffen. „Wir mussten uns auf wenige Themen konzentrieren, um nicht den Rahmen zu
sprengen“, erklärte Pauly. Der faktischen Klarheit und lebendigen Methodik hat das nicht geschadet. Im Fokus sind vor allem die größeren oder historisch besonders bedeutsamen Wanderbewegungen mit Bezug zu Südhessen und zur Bergstraße. Den Machern ist es gelungen, komplexe Zusammenhänge anschaulich und nachvollziehbar zu präsentieren. Jedes Ereignis wird in seinem gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontext beleuchtet,
um die Rahmenhandlung zu verdeutlichen. Darüber hinaus fragen Kilthau und Pauly, wie es den Menschen
in ihrer neuen Umgebung ergangen ist. Bis zum 7. Februar haben Besucher Gelegenheit, sich davon ein Bild zu machen.

Viele Menschen gingen früher von der Bergstraße ins Ausland
Insgesamt 56 Schautafeln der Ausstellung beschäftigen sich mit Ein- und Auswanderung in der Region Bergstraße-Odenwald in der Zeit vom 17. Jahrhundert bis 1945. Sie spiegeln das Thema Migration in vielen Facetten. Perspektivisch erweitert werden die einzelnen Blöcke durch persönliche Berichte von Zeitzeugen sowie von den Nachfahren der Migranten und Opfer.

Nach Rumänien: Im Jahr 1724 verließen etwa 50 Familien ihre alte Heimat für immer. Sie zogen entlang
der Donau ins Banat, wo sie sich mühselig eine neue Existenz aufbauten und eine neue Heimat fanden. So entstand das „Odenwälder“ Dorf Guttenbrunn.

Nach Dänemark: Kartoffeltyskere nennt man die Einwanderer, die um 1760 nach Jütland kamen, um die Heide zu roden. Der dänische König hatte sie angeworben. Doch Arbeit war mühsam und die Erträge waren dünn. Also ernteten sie Kartoffeln.

In den Odenwald: Die Waldenser kamen aus dem Südfrankreich des 12. Jahrhunderts in den Odenwald. Von der Amtskirche als Ketzer verurteilt, sahen sie sich staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Die letzten hat Ludwig XIV. im Jahr 1698 endgültig ausgewiesen.

Die NS-Diktatur: Nach 1933 verließ rund die Hälfte aller deutschen Juden ihre Heimat. Die anderen wurden in die Vernichtungslager im Osten deportiert und umgebracht. Am Beispiel Bergsträßer Familien zeigt die Ausstellung Schicksale aus der Heimat. Die Zahl der Juden im Kreis Bergstraße sinkt in sechs Jahren von 876 (1933) auf 213.

Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland: Es waren rund 13 Millionen Menschen aus ganz Europa, die zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Allein in Deutschland hielten über sieben Millionen von ihnen die Wirtschaft
und die Kriegsproduktion am Laufen, davon etwa 130 000 in Hessen. 1944 schuften griechische Zwangsarbeiter in einem Stollen bei Bensheim-Hochstädten. Mindestens zehn von ihnen sterben.

Massenauswanderungen im 19. Jahrhundert: Tausende Bergsträßer und Odenwälder suchten ihr Glück in der Neuen Welt. Zwischen 1820 und 1914 sind die Vereinigten Staaten das meist angesteuerte Ziel der europäischen Migranten. Daneben vor allem Südamerika, Australien und Kanada.

Italienische Wanderarbeiter an der Bergstraße: Zwischen 1875 und 1915 verlassen fast 15 Millionen ihre Heimat. Sie blieben nur, bis die Arbeit getan war. Dann zogen sie weiter bis zur nächsten Baustelle. Zum Beispiel
zum Bensheimer Ritterplatz um 1900. Im Winter ging es zurück nach Italien, wo Armut und Hunger herrschten. Tr

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(c) Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.