Martin Buber über Holocaust und Frieden

Bericht des Bergsträßer Anzeiger vom 30. Januar 2018

Keine Rachegelüste, sondern tiefe Traurigkeit
Holocaust-Gedenktag Birgit Meurer referierte über den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber
Autor: Thomas Tritsch (tr)

Zwingenberg. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“: Er habe keine Lehre, er führe ein Gespräch, sagte der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber. Wirkliche Begegnung könne sich nur im Dialog auf Augenhöhe zwischen den Menschen ereignen. Auch deshalb hatte die Bildungsreferentin Birgit Meurer in Zwingenberg keinen klassischen Vortrag gehalten, sondern den Austausch mit ihrem Publikum gesucht.
Anlässlich des Holocaust-Gedenktags am Samstag hatte der Arbeitskreis Synagoge gemeinsam mit den beiden Kirchen zu einem Themenabend eingeladen. AK-Vorsitzender Dr. Fritz Kilthau begrüßte gut 30 Gäste im evangelischen Gemeindehaus. Mit Blick auf die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 sagte Kilthau: „Wir müssen das Wissen um die Vergangenheit wach halten und insbesondere unserer Jugend vermitteln.“ In dem KZ wurden mindestens 1,5 Millionen Menschen systematisch ermordet.

Seinen Nächsten nicht verdammt
„Wie ist nach Auschwitz ein jüdisches Leben möglich?“ schrieb Buber 1952. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte der Emigrant, der 1938 nach Jerusalem ging, zu den ersten, die das Gespräch mit den Deutschen suchten. „Wenn ich an das deutsche Volk der Tage von Auschwitz und Treblinka denke, sehe ich zunächst die sehr vielen, die wussten, dass das Ungeheure geschah, und sich nicht auflehnten“, sagte er. Dennoch weigere sich sein Herz, „meinen Nächsten deshalb zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer zu werden“, erklärte er 1953, als der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.
Nach einem kurzen Abriss über Bubers Biografie widmete sich die Bildungsreferentin aus dem Heppenheimer Martin-Buber-Haus genauer Bubers Haltung zum Holocaust und dem jüdischen Dialog mit dem Nachkriegsdeutschland.
„Aus seinen Briefen wird deutlich, dass es nach 1945 für ihn keine Rückkehr nach Deutschland geben konnte“, sagte Birgit Meurer. Der Bruch mit Deutschland machte ihm zu schaffen, dennoch schloss er eine Umkehr kategorisch aus. Bei seiner ersten Europareise 1947 machte er um Deutschland einen Bogen. Die Distanz lockerte sich erst ab 1951, als er erstmals seit 1938 wieder hierher kam und aus seinen Schriften las.

Kritik an der Ignoranz geübt
Bereits kurz nach seiner Ausreise, bei der Pogromnacht von 1938, wurde das Haus der Familie Buber in Heppenheim verwüstet. Von 1916 bis zu seiner Emigration lebte er dort. Seit 1978 ist das Buber-Haus Sitz des Internationalen Rates der Christen und Juden. Ein Zentrum der wissenschaftlichen Begegnung und ein internationaler Dialograum zur Annäherung der Religionen.
Martin Bubers neue Heimat nach Heppenheim war der 1948 gegründete Staat Israel, den er als „neue geschichtliche Form unserer Selbstbestimmung“ bezeichnete. Schon bald nach seiner Emigration – gerade noch rechtzeitig, um den im Anschluss an die NS-Pogromnacht vom November 1938 praktizierten Massenverhaftungen und Deportationen in die Konzentrationslager zu entgehen – kritisierte Martin Buber die weitgehende Ignoranz der Weltöffentlichkeit gegenüber dem Schicksal der europäischen Juden. Unmittelbaren Anlass hierzu bot der Ende November 1938 erschienene Artikel „The Jews“ von Mahatma Gandhi: Darin forderte der indische Freiheitskämpfer die deutschen Juden auf, nicht aus NS-Deutschland zu flüchten, sondern dem Nazi-Regime gewaltlos und unter Einsatz des eigenen Lebens zu widerstehen.
Buber war aufgebracht. Am 24. Februar 1939 wandte er sich in einem unbeantwortet gebliebenen Brief an Gandhi, dessen Person und Werk er bislang geachtet hatte. Vehement widersprach er dessen Gleichsetzung der Lebensrealität der indischen Bevölkerung in Südafrika mit derjenigen der deutschen Juden nach 1933. Ein gewaltloser Widerstand sei keineswegs auf die von Verfolgung, Vertreibung und Ermordung gekennzeichnete Lebenssituation des deutschen Judentums anzuwenden. Nach dem Holocaust hegte der 1878 in Wien geborene Philosoph keine Rachegelüste – eher eine tiefe Traurigkeit darüber, dass dieses Menschheitsverbrechen, dieser Zivilisationsbruch stattfinden konnte.

Buber wollte die „Teufel“ nicht richten, sondern bekehren
Obwohl für Buber ein jüdisches Leben in Deutschland zunächst definitiv zu Ende war, stellte er sich dem Aufkeimen eines neuen jüdischen Gemeindelebens nicht in den Weg. Aufgrund der Verbrechen des Nationalsozialismus bezeichnete er das deutsche Volk mit seinem tief verwurzelten Antisemitismus, seiner Obrigkeitshörigkeit und Staatsgläubigkeit als eines, „an dessen Seele die Erkrankung der Menschenseele in furchtbaren Schwären ausgebrochen ist“, zitierte Birgit Meurer aus einem Brief Bubers an den jüdischen Arzt Adolf Sindler im Juli 1946. Vehement sprach er sich gegen „ein Zusammenwerfen des deutschen Volkes mit dem Mordgesindel der Gaskammer-Organisation“ aus. Kein Volk der Welt dürfe mit seinem schlimmsten Abschaum identifiziert werden. Die Hinrichtung des Nazi-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann, Cheforganisator des Holocaust, nach den Prozessen von 1961 in Jerusalem, hielt Buber für einen Fehler. Er wollte den „Teufel“ stets von seinem Weg abbringen statt ihn zu richten. Buber wusste, dass der Großteil des israelischen Volkes seine Meinung nicht teilen würde.
Langsam erwuchs in ihm eine Sympathie für das, was in Deutschland an echter „Menschlichkeit und Geistigkeit“ überlebt hatte, so Birgit Meurer. Die Phase der Lähmung, die nicht nur in ihm wirkte, sondern auch im Rest der Welt, begann sich aufzulösen.
Den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss schätzte er als einen vertrauensvollen Gesprächspartner. Viele erkennen in Martin Bubers früher Versöhnungsbereitschaft gegenüber den Deutschen nach der Shoah auch eine Art Legitimierung der neuen Bundesrepublik, ohne dass diese sich bereits mit ihrer jüngeren Vergangenheit auseinandergesetzt hätte. tr

© Bergsträßer Anzeiger, Dienstag, 30.01.2018
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