Vortrag von Edith Erbrich

Die Viehwaggons standen bereit – das Ziel war Theresienstadt ....
Die Zeitzeugin Edith Erbrich berichtet von ihrer Verschleppung in dieses Konzentrationslager im Februar 1945

Von den etwa 11.000 jüdischen Kindern, die in das nationalsozialistische Konzentrationslager Theresienstadt in der heutigen Tschechischen Republik verschleppt worden waren, erlebte nur ein kleiner Teil den Tag der Befreiung. Eine von ihnen war Edith Erbrich, geborene Bär. Sie war im Februar 1945 als 7jährige zusammen mit ihrer Schwester Hella, dem Vater Hugo Bär und ihrem Cousin Heinz von Frankfurt/Main aus nach Theresienstadt deportiert worden. Von ihrem Abtransport berichtet sie: “In der Großmarkthalle ging alles sehr schnell. Die Viehwaggons standen bereit. Wir mussten in die Viehwaggons einsteigen. Es waren zwischen 30 und 40 Menschen. Im Waggon war kein Stroh. Es waren blanke Holzbalken. Die Türen wurden zu geschlagen; der Riegel zu geschoben. Den Riegel höre ich heute noch. Es war dunkel... Die Menschen waren erstarrt oder haben geweint.... Es war Februar und kalt. Wir haben gefroren und haben uns aneinander gekauert. Das Schlimme war die Erstarrtheit der Menschen.... Wir mussten unsere Notdurft im Waggon verrichten...Einmal hat der Zug gehalten und es mussten alle aussteigen. Diejenigen, die es bis dahin nicht überlebt hatten, wurden einfach ‚entsorgt’ und den Abhang hinuntergeworfen. Und fertig. Der nächste Halt war dann Theresienstadt.“

In dieses „Ghetto mit KZ-Charakter“ wurden von den Nazis zwischen 1941 und 1945 etwa 140.000 Juden deportiert. Nahezu 60.000 Menschen zwängten die deutschen Befehlshaber zeitweise in diese Stadt, wo zuvor lediglich 7.000 Menschen wohnten. Theresienstadt war zwar kein Vernichtungslager, dennoch starben hier auf Grund der katastrophalen Lebensbedingungen über 33.000 Personen, meist an chronischer Unterernährung. Im Wesentlichen war Theresienstadt ein Durchgangslager, in dem die jüdischen Menschen oft mehrere Monate auf ihren Weitertransport in eines der Vernichtungslager – meist Auschwitz – warten mussten. Einer von ihnen war Moritz Schack, der letzte Jude aus Zwingenberg, der nach seiner Deportation von Frankfurt/Main nach Theresienstadt in Auschwitz ermordet wurde.

Propagandistisch wurde Theresienstadt von den Nationalsozialisten als ein Musterghetto ausgewiesen, in dem sogar ein Propagandafilm gedreht wurde („Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“). Den Nazis gelang es auch, eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes über die wahren Lagerverhältnisse zu täuschen und ihnen ein „jüdisches Musterlager“ mit Cafe, Kinderpavillon, Altersheim und einem Zentralbad vorzugaukeln – alles war nur für und während des Delegationsbesuchs eingerichtet.

Am 8. Mai 1945 wurde das KZ Theresienstadt durch die russische Armee befreit. „Später haben wir erfahren, dass unsere Vergasung in Auschwitz für den 9. Mai angesetzt war“, berichtet Edith Erbrich.

Anlässlich des Gedenktags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wird Edith Erbrich am Donnerstag, 26. Januar 2012, 19:30 Uhr von ihrer Deportation nach Theresienstadt, ihrer Haft und Befreiung berichten. Thomas Altmeyer (Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945, Frankfurt/Main) ergänzt mit Informationen zum KZ Theresienstadt. Veranstaltungsort ist der Saal der evanglischen Kirchengemeinde, Darmstädter Straße 22. Mitveranstalter sind die evangelische Kirchengemeinde Zwingenberg und die katholische Pfarrgemeinde Zwingenberg.


Artikel des "Bergsträßer Anzeiger" vom 31. Januar 2012

"Wir konnten niemandem mehr trauen"

Vortrag: Edith Erbrich über die Verschleppung ins KZ Theresienstadt

Von unserer Mitarbeiterin Katrin Hoffmann

Zwingenberg. "So etwas darf nie wieder geschehen." Edith Erbrich weiß, was sie motiviert, sich immer wieder mit ihrer Kindheit zu beschäftigen. Anlässlich des Gedenktags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz berichtete Edith Erbrich im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde von ihrer Verschleppung in das Konzentrationslager Theresienstadt, ihrer Haft dort und der Befreiung durch die russische Armee. Der Einladung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge zu dieser Veranstaltung waren zahlreiche Interessierte gefolgt - Zeitzeugen aus dieser Zeit wird es nicht mehr lange geben.
Nachdem Thomas Altmeyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Studienkreis "Deutscher Widerstand 1933 bis 1945" aus Frankfurt, Daten und Fakten über das KZ Theresienstadt beigesteuert hatte, gab Erbrichs Zeitzeugenbericht den Gästen noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Geschichte.
"Als es mit den Bombenangriffen begann, war es schlimm," erzählte Edith Erbrich von ihrer Kindheit, in der sie schnell erwachsen werden musste. Edith Erbrich, 1937 als zweite Tochter einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren, lebte in der Ostendstraße in Frankfurt und erinnert sich noch heute ganz genau an die Angst, die Sirenen und das Eilen in den Luftschutzkeller. "Das bleibt ewig im Kopf."
1944 wurde die Familie in ihrem Luftschutzkeller in der Ostendstraße bei einem Bombenangriff verschüttet. Als es ihnen gelang sich zu befreien, sei "ihre" Straße dem Erdboden gleichgemacht gewesen. Nur eine Tasche mit ihren Papieren war der Familie geblieben.

Zweitnamen und Judenstern
Drei Wochen, so berichtete die Zeitzeugin, verbrachte die Familie in einem Frankfurter Sammellager, bevor sie eine Mansardenwohnung zugewiesen bekam. Im Leben der kleinen Edith im Grundschulalter veränderte sich viel: Der Vater wurde aus seiner Anstellung bei der Stadt aufgrund seines Glaubens entlassen und arbeitete auf dem jüdischen Friedhof; die jüdischen Mädchen bekamen den Zweitnamen Sarah; sie mussten Judensterne tragen und erhielten neue Papiere.
Getrennt wurde die Familie zum ersten Mal, als die Mutter auf dem Wirtschaftsamt Kleidung und Schuhe erbat - sie hatten ja schließlich alles verloren, erzählte Edith Erbrich. Dort wurde der katholischen Frau nahe gelegt, sich von ihrem jüdischen Mann scheiden zu lassen. Die Mutter weigerte sich und kam in Beugehaft.
"Wir konnten niemandem mehr trauen," beschrieb Edith Erbrich die Situation, in der die Familie viel entbehren musste, obwohl die Mutter es schließlich schaffte, wieder zurückzukommen.
Edith Erbrich war sieben Jahre alt, als am 8. Februar 1945 der Brief kam, der die Deportation nach Theresienstadt wenige Tage später anordnete. Die beiden sieben- und elf-jährigen Mädchen und ihr Vater mussten sich um 14 Uhr an der Frankfurter Großmarkthalle einfinden. Die Mutter musste bleiben. Genaue Fragen danach, was sie an der Großmarkthalle zugetragen hat, kann Edith Erbrich nicht genau beantworten. "Ich habe mir das Gesicht meiner Mutter ganz genau eingeprägt", beschreibt sie, worauf sie sich als Siebenjährige in diesem Moment konzentrierte.

"Entsorgt"
Dicht gedrängt in Viehwaggons hört die junge Edith: "Die Männer mögen die zwei Mädchen noch einmal hoch heben, die Mutter möchte sie noch einmal sehen," erzählt die Referentin ihre bewegende Geschichte weiter. Mit fester Stimme schilderte Erbrich, woran sie sich erinnerte, doch sah man sowohl ihr als auch ihren gebannten Zuhörern an, wie sehr die Worte berührten.
Edith Erbrich erzählte von Menschen, die die lange enge Fahrt nicht überlebten und noch unterwegs auf den Feldern "entsorgt" wurden; von der Trennung vom Vater bei der Ankunft in Theresienstadt; davon, wie sie in Ohnmacht fiel, als man sie zum Duschen rief; von der Verzweiflung; von den vielen Appellen tapfer zu sein; vom heimlichen Lernen der Buchstaben und Zahlen; vom Hunger, der die junge Edith heimlich Kartoffelschalen essen ließ; von Krankheiten, Enge und Heimweh.

Bergsträßer Anzeiger
31. Januar 2012

Geschichte wird durch Erinnern Gegenwart

"Die erste Nacht nach der Befreiung, war die schönste in meinem Leben," erinnert sich Edith Erbrich an die Wiedervereinigung mit Vater und Schwester - im Nachhinein denkt sie, ihr Vater muss blaue Flecken davon getragen haben - so fest, wie sie ihn umarmt hatte.
Obwohl die Drei Anfang Mai von der russischen Armee befreit worden waren, dauerte es bis Ende Juli, bis sie wieder - total entkräftet - in Frankfurt ankamen. "Ich konnte im Stehen an die Beine meines Vaters gelehnt einschlafen", veranschaulichte Edith Erbrich die Erschöpfung. Die "Mutti" hatte in der Mansardenwohnung gewartet. "Dann haben wir eine richtige Wohnung bekommen", erinnert sich die Zeitzeugin. Doch die Zeit in Theresienstadt hatte ihre Spuren hinterlassen - so weigerte sich Edith Erbrich zum Beispiel anfangs, in die Schule zu gehen, weil sie Angst vor einem Lernen wie in Theresienstadt hatte.
Doch es gab auch einige "stille Helfer", wie Edith Erbrich Momente und Personen nennt, die ihr in der schwersten Zeit ihres Leben Mut und Hoffnung gaben. Einige von ihnen sind beispielsweise diejenigen, die die Postkarten mit Grüßen an die Mutter auf den Weg zu ihr brachten, nachdem der Vater sie heimlich auf der Fahrt nach Theresienstadt immer wieder aus dem Zug nach draußen warf.
50 Jahre später besuchte Edith Erbrich mit ihrer Schwester Theresienstadt und begann danach als Zeitzeugin über das Erlebte zu berichten - vor allem in Schulen und vor Jugendliche. Die Jugendlichen bringen ihr eine große Dankbarkeit entgegen, spürt Erbrich und weiß: "Solange man sich noch erinnert, ist Geschichte Gegenwart." ho

Bergsträßer Anzeiger
31. Januar 2012

Hintergrund: Was war Theresienstadt und welche Funktion erfüllte es?
- Eine grundlegende Einordnung, Daten und Hintergrundinformationen lieferte Thomas Altmeyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Studienkreis „Deutscher Widerstand 1933 bis 1945“ aus Frankfurt. Die
Zuhörer erfuhren, dass Theresienstadt ein Ghetto nur für Juden war.
- Theresienstadt erfüllte für die NS-Herrschaft vor allem vier Funktionen erfüllte: Es sei erstens ein Altersghetto mit relativ hohem Durchschnittsalter gewesen, das nach außen hin beschönigend als eine Art
großes Altersheim beschrieben wurde.
- Zweitens habe Theresienstadt als Sammel- und Durchgangsghetto
gedient.
- Drittens, so Altmeyer, erfüllte es für die nationalsozialistische Herrschaft eine Propaganda-Funktion. Theresienstadt sollte als „Musterghetto“ gelten und „vorzeigbar“ sein. In diesem Zuge sei es beispielsweise zum „Jüdischen Siedlungsgebiet“ umbenannt worden, die Straßen bekamen wohlklingende Namen wie „Parkstraße“ und kulturelle Veranstaltungen wurden eingeführt. „Die Überfüllung widersprach der Propaganda-Funktion“, erklärte Thomas Altmeyer die Konsequenz in der NS-Logik, viele der Gefangenen beispielsweise nach Auschwitz zu deportieren.
- Die vierte Funktion des Ghettos Theresienstadt war die Dezimierung. Altmeyer nannte die Zahlen: „Rund 141 000 Menschen wurden nach Theresienstadt gebracht. Etwa 35000 Menschen starben dort – also jeder vierte Ghettobewohner.“ ho

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