Lesung "Im Zweifel nach Deutschland"

„Im Zweifel nach Deutschland“
Moritz Neumann liest aus seinem spannenden Buch über seinen Vater Hans Neumann

Emigration der Juden aus Nazi-Deutschland – hierbei denkt man normalerweise an die rechtzeitig geglückte Flucht der jüdischen Bürger in sichere Staaten wie die USA und Mexiko, aber auch nach Palästina und in andere Orte. Moritz Neumann, Vorsitzender des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, schlägt in seinem Buch „Im Zweifel nach Deutschland“ ein bisher völlig unbekanntes Kapitel der deutsch-jüdischen Emigration auf. Er beschreibt sehr spannend die ungewöhnliche Lebensgeschichte seines Vaters Hans Neumann, einem Sozialdemokraten und Reichsbannermann, der 1935 der Warnung eines Jugendfreundes folgt und aus seiner Heimatstadt Breslau zunächst Hals über Kopf nach Prag flieht. Als er dort vom spanischen Bürgerkrieg erfährt, meldet er sich als Freiwilliger der Internationale Brigaden im Kampf gegen Franco; hier wird er Zeuge der erbitterten ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten und Anarchisten. Nach Francos Sieg rettet er sich 1938 über die Pyrenäen nach Frankreich, er kann sich dann für einige Zeit in Holland verstecken. Erneut flieht er nach Paris und von dort als neu angeworbenes Mitglied der französischen Fremdenlegion nach Marokko. Auch dort wird er wieder vom Antisemitismus eingeholt: Auf Befehl von Marschall Pétain, dem faschistischen Regenten in Vichy, werden die Juden aus der Legion entfernt und in einem Strafbataillon in der Sahara zusammengefasst. Hier müssen sie unter mörderischen Bedingungen einen Schienenweg quer durch die Wüste bauen. Nach zweieinhalb Jahren Zwangsarbeit befreien die Soldaten der Exilarmee von General de Gaulles schließlich das Lager. Doch jetzt wohin? Deutschland und das gesamte Frankreich werden immer noch von den Nazis regiert – Hans Neumann zieht die Uniform des freien Frankreichs unter de Gaulle an. Er kämpft weiter gegen den Faschismus.
Nach Kriegsende kommt er nach Deutschland – er will wissen, was aus seiner Familie geworden ist. In Fulda lernt er seine Frau Frania, eine Überlebende des Holocaust, kennen – er beschließt, in Deutschland zu bleiben, was viele Freunde und überlebende Verwandte nicht verstehen können oder ihm gar übel nehmen. Ein Teil seiner Familie war von den Nazis umgebracht worden, andere waren in ferne Länder emigriert – konnte man unter diesen Umständen in Deutschland bleiben? Er entscheidet sich, trotz seiner Zweifel, für ein Weiterleben, für einen Wiederaufbau im neuen Deutschland.

Lesung von Moritz Neumann aus seinem Buch „Im Zweifel nach Deutschland“
Dienstag, 28. März 2006, 20:00 Uhr
Vereinsraum des Alten Amtsgerichts Zwingenberg


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 31. März 2006

Persönliche Begegnung mit dem Weltgeschehen
ARBEITSKREIS SYNAGOGE: Moritz Neumann beschreibt die spannende Biografie seines Vaters / Flucht aus Nazi-Deutschland


Zwingenberg. Ein häufig vernachlässigtes Mittel der Geschichtsforschung ist die im Englischen als "Oral History" bezeichnete mündliche Überlieferung, die Vergangenheit als ehemals aktuelle Gegenwart veranschaulicht. Die Erfassung von Zeitgeschichte aus "erster Hand" kann Erlebtes greifbar machen und der üblichen wissenschaftlichen Rückschau wesentliche Nuancen hinzufügen. Die Biografie des Einzelnen wird zum subjektiven Hauptdarsteller vor historischer Kulisse.
Moritz Neumann hat die Zeitpunkte der Erinnerung seines Vaters in einen spannenden und bewegenden Doku-Roman verwandelt und so dem Leser ein lebendiges Stück Live-Berichterstattung geschenkt. Der Autor war beim Zwingenberger Arbeitskreis Synagoge zu Gast, wo er im Alten Amtsgericht einige Auszüge des Buches vorstellte. "Im Zweifel nach Deutschland" heißt die fesselnde Geschichte, in der ein weitgehend unterbelichtetes Kapitel der deutsch-jüdischen Emigration aufgeschlagen wird.

Im Zweifel nach Deutschland
Minutiös recherchiert und durch eigene Archiv-Forschungen präzisiert, hat der Darmstädter Journalist und Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden Hessen das Leben seines Vaters Hans Neumann aufgearbeitet und nacherzählt: Eine individuelle Begegnung mit dem Weltgeschehen, ein persönliches Schicksal auf zeitgeschichtlicher Bühne.
Mit vitalen Dialogen und kluger Dramaturgie hat Neumann die Geschichte umgesetzt und in einem kraftvollen Ton das Nüchterne mit erstaunlichen Details angereichert. "Ich hörte Erzählungen, die wie eine Mischung aus Karl May, den Drei Musketiere und Zorro klangen. Und mein Vater war der Held darin", sagte Moritz Neumann in Zwingenberg.
Hans Neumann ist ein Breslauer Kaufmannssohn und überzeugter Sozialdemokrat, der vor den Nazis aus Deutschland flieht und durch das faschistisch kolorierte Europa gepeitscht wird. "Hau ab, sonst machen sie dich fertig", warnt ihn ein Jugendfreund. Von Prag aus, wo er die Rivalität zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten als ideologisches Desaster erfährt, geht Neumann nach Spanien und meldet sich als Freiwilliger bei den Internationalen Brigaden. Er kämpft gegen die faschistischen Falangisten um Franco, flieht nach dessen Sieg über die Pyrenäen nach Frankreich und schließt sich der Fremdenlegion an.

Ein persönliches Schicksal...
"Wir sind als Geschlagene nach Paris zurückgekehrt. Auch die Demokratie hat verloren", hatte Hans Neumann seinem Sohn berichtet. Selbst in Marokko holt ihn der Antisemitismus ein: Zwei Jahre lang muss er Zwangsarbeit an einer Wüsten-Eisenbahnlinie leisten. De Gaulles Truppen befreien das Lager, und Neumann wird Teil des alliierten Vormarschs gegen die deutsche Wehrmacht. "Im Zweifel nach Deutschland" - Neumann entschließt sich zur Rückkehr, obwohl ihm das Schicksal seiner Familie unbekannt war.
In der alten Heimat gerät er an einen kommunistischen Politkommissar, mit dem er bereits in Spanien eine konfliktreiche Begegnung hatte: Beide erkennen sich wieder, die politischen Differenzen eskalieren und der Kollaborateur verhindert, dass der Sozialdemokrat Neumann als Polizeipräsident nach Potsdam geschickt wird.
Der Heimkehrer erfährt, dass seine Eltern tot waren und ein großer Teil der Familie umgebracht wurde. Hans Neumann arbeitet mit an der politischen und ideell-moralischen Rekonstruktion eines neuen Deutschland, in Fulda kümmert er sich um die Betreuung jüdischer Holocaust-Überlebender.
Die Geschichte endet mit der Geburt des einzigen Sohnes, der die Erinnerungen des Vaters später vor dem Vergessen rettet. Das Buch umfasst zwölf Jahre, in denen Neumanns Leben von unglaublichen Zufällen und folgenreichen Wiederbegegnungen geprägt wird. Eine komplexe Emigrantenstory, taufrisch erzählt und dicht geschrieben; die fiktiven Dialoge bleiben nah an der Überlieferung und erzeugen eine vitale literarische Form, die Geschichte erlebbar macht.

...auf zeitgeschichtlicher Bühne
Durch intensive Nachforschungen in französischen Militärarchiven hat Moritz Neumann den Detail-Informationen des Vaters viele historische Tatsachen hinzugefügt. Sein Buch ist Weltgeschichte, die anhand von unmittelbaren Erlebnissen deutlich gemacht wird. Moritz Neumann hat ein Stück trüber Vergangenheit aus seiner zeitlichen Verankerung befreit und aus "Oral History" ein spannendes Kapitel "Geschichte von unten" gemacht. tr

© Bergsträßer Anzeiger - 31.03.2006

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