Theodor Loos

Kennen Sie den Theater- und Filmschauspieler Theodor Loos aus Zwingenberg?

Der Verein „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“ möchte mit einer neuen bebilderten Broschüre an einen vergessenen, früher in Deutschland sehr bekannten Sohn Zwingenbergs erinnern: Dr. Fritz Kilthau, Autor des Buchs „Mitten unter uns – Zwingenberg an der Bergstraße von 1933 bis 1945“ und 1. Vorsitzender des Vereins hat die Lebensgeschichte von Theodor Loos erforscht und niedergeschrieben. „Ich habe von Theodor Loos erstmals beim Studium der früheren Zwingenberger Lokalzeitung „Bergsträßer Bote“ erfahren“, so Dr. Fritz Kilthau. „Viele Zwingenberger konnten allerdings mit diesem Namen nichts anfangen, lediglich einige ältere Bürger brachten ihn in Verbindung mit Film und Theater.“ Einige Institutionen konnten weiterhelfen - das Deutsche Filminstitut, das Deutsche Filmmuseum (beide in Frankfurt/Main) und das Bundesarchiv in Berlin – außerdem noch die württembergischen Staatsarchive in Ludwigsburg und Sigmaringen. Loos’ letzte Ehefrau Gisela Loos konnte der Autor in Stuttgart ausfindig machen, ebenso den Neffen Gottfried Loos in Schwäbisch Hall – beide gaben wertvolle Informationen.
Theodor Loos wurde am 18. Mai 1883 in Zwingenberg geboren – das Geburtshaus in der Darmstädter Straße stand nördlich neben der heutigen Volksbank und wurde später durch einen Neubau ersetzt. Über seine Jugend in Zwingenberg schreibt er ausführlich in einem interessanten Aufsatz für das Buch „Schauspieler erzählen“ von H.E. Weinschenk. Nach dem Umzug der Familie nach Leipzig lässt er sich nach abgebrochener Kaufmannslehre zum Bühnenschauspieler ausbilden und tritt – nach Zwischenspielen in verschiedenen deutschen Theatern – schließlich im renommierten Deutschen Theater in Berlin bis zum Ende des 2. Weltkriegs auf. 1912 kam er auch zum Film; bis zu seinem Lebensende sollte er in mehr als 220 Filmen mitwirken – unter anderem in so bedeutenden Filmen wie „M – eine Stadt sucht einen Mörder“, „Die Nibelungen“ und „Metropolis“ (Regisseur bei allen Filmen Fritz Lang).
Dr. Fritz Kilthau: „Interessiert hat mich nicht nur der lokale Aspekt – dass so ein bedeutender Theater- und Filmschauspieler aus Zwingenberg stammt, finde ich schon bemerkenswert - , sondern auch besonders seine Rolle im Nationalsozialismus.“ 1935 hatte Goebbels ihn zum „Reichskultursenator“ ernannt; 1937 wurde er „Staatsschauspieler“. In dem berüchtigten antisemitischen Film „Jud Süß“ spielte er eine nicht unbedeutende Rolle. All diese Aktionen führten nach dem Krieg dazu, dass Theodor Loos zunächst Berufsverbot bei den Amerikanern in Stuttgart (wo er auftreten wollte) und bei den Franzosen in Tübingen (wohin er auswich) erhielt. 1947 durfte er wieder spielen und 1949 kam er schließlich zum Staatstheater Stuttgart, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Am 27. Juni 1954 starb er – unter den vielen Kondolenzschreiben war auch eines des damaligen Zwingenberger Bürgermeisters Alfred Kiel.

Besprechung der Broschüre im "Bergsträßer Anzeiger" vom 4. August 2006

Ein Zwingenberger jagte den Kindermörder im Filmklassiker "M"
Dr. Fritz Kilthau hat Leben und Arbeit des Schauspielers Theodor Loos aufgearbeitet / Der Stummfilm-Star wurde im ältesten Bergstraßenstädtchen geboren

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg. Als Kriminalkommissar Groeber war er auf den Spuren von Kindermörder Peter Lorre im Filmklassiker "M". Er gab den König Gunther in den "Nibelungen" und war der Sekretär Josephat im Science-Fiction-Meisterwerk "Metropolis". Regisseur Fritz Lang scheint ihn gemocht zu haben, den wandlungsfähigen Schauspieler mit dem vielseitigen Charakterkopf. Geboren wurde Theodor Loos 1883 in Zwingenberg. Ein verlockender Grund für Dr. Fritz Kilthau, den Spuren des berühmten Film- und Theaterstars zu folgen und eine biografische Aufarbeitung zu starten.

Das jüngst vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge herausgegebene Heftchen ist ein auf 51 hochinteressanten Seiten konzentrierter Querschnitt, der den Mimen auch während der Zeit des Nationalsozialismus nicht aus den Augen verliert. In minutiöser Detailarbeit hat Kilthau ein Bündel an Fakten gesammelt, in Archiven geforscht und Loos' Leben rekonstruiert.

Bei Gesprächen mit der Ehefrau Gisela und dem Neffen Gottfried Loos konnte Kilthau wertvolle Informationen gewinnen und in den Band einfließen lassen. Eine wissenswerte, spannende und kritische Reminiszenz an eine Größe des deutschen Filmgeschäfts, über dessen Herkunft auch in seiner Heimatstadt wenig bekannt ist, oder besser: war. Am 14. November 1936 schreibt der "Bergsträßer Bote" eine Ankündigung für den UFA-Tonfilm "Schlussakkord", in dem Loos die Rolle des Arztes Oberreit spielt. Schon damals wussten wenige Zwingenberger, dass der Titelstar der Zeitschrift "Funkpost" in der Darmstädter Straße (ehemaliges Gebäude nördlich der heutigen Volksbank) geboren wurde.

Es war der 18. Mai 1883, als Theodor als Sohn von Elise und dem Uhrmacher und Musikalienhändler Carl Theodor Loos das Licht der Welt erblickte. Getauft in der evangelischen Bergkirche von Pfarrer Christian Wilhelm Stromberger, war er das älteste von insgesamt sechs Kindern. Im Buch "Schauspieler erzählen" erinnert sich Theodor Loos an seine Jugendzeit: An die Wanderungen durch die geliebte Natur, den Besuch der Zwingenberger "Elementarschule" und die ersten Kontakte mit dem Theaterleben, die in einer kleinen Stadt wie Zwingenberg hauptsächlich in Eigenregie über die Bühne gingen: Theodor nimmt an Schulaufführungen teil, spielt in Schiller-Stücken und entdeckt die Lyrik über seinen Deutsch-Lehrer am Bensheimer Gymnasium.

Als er 14 Jahre alt ist, verlässt die Familie Zwingenberg und zieht nach Leipzig. Erstmals sieht er "richtiges" Theater, möchte Schauspieler werden. Die Familie wollte aus ihm einen Geistlichen machen. Er geht nach Berlin, wo er bei einem Onkel in einem Musterlager für kunstgewerbliche Produkte arbeitet - nichts für einen künftigen Vollblut-Schauspieler. Der junge Loos übernimmt Statistenrollen in Shakespeare-Stücken.

Zurück in Leipzig, vertieft er sich ins Studium, steht gelegentlich im Schauspielhaus auf der Bühne. Er wird engagiert, es geht voran. Von seinem Lehrmeister Josef Kainz - einem berühmten Schauspieler - wird Loos in die weite Theaterwelt geschickt: Danzig, Frankfurt, schließlich kommt er ans Berliner Lessing-Theater.

Von der Kritik gefeiert, bewahrt sich Theodor Loos seine künstlerische Vielseitigkeit, die auch Regisseure wie Max Reinhard zu schätzen wussten: Bis Ende des Zweiten Weltkriegs spielt Loos am Deutschen Theater. Der Höhepunkt einer großen Bühnenkarriere. In die Zeit, als ihn Reinhard nach Berlin holte, fiel auch Loos' Debüt beim Film. 1913 trat er in "Das goldene Bett" auf, es folgten Werke wie "Homunculus" (1916) und "Nachtgestalten" (1919). In den zwanziger Jahren sorgten großartige Theaterrollen für Aufsehen, Loos wirkte bei den wichtigsten Stummfilmen der deutschen Filmgeschichte mit. Auf der Bühne faszinierte er mit seiner natürlichen Sprechkunst - das Kinopublikum liebte ihn wegen seines markanten Gesichts und den ausdrucksstarken Augen.

Mit dem Aufkommen des Tonfilms zu Beginn der dreißiger Jahre konnte Loos auch seine Stimme vor der Kamera nutzen ("Das Testament des Dr. Mabuse", "Der Student von Prag").

Nach der Machtübernahme der Nazis wurde Theodor Loos Mitglied im Präsidialrat der Reichsfilmkammer, die zur Kontrolle der Künstler und ideologischen Gleichschaltung eine Untersparte der Reichskulturkammer war. Während Filmkollegen wie Lubitsch und Wilder, Dietrich und Kortner Deutschland den Rücken kehrten, wurde Loos ebenso wie Gustav Gründgens und Emil Jannings zum Reichskultursenator ernannt. Loos gehörte zu den ersten von Hitler ernannten "Staatsschauspielern". 1940 drehte er den berüchtigten antisemitischen Propagandafilm "Jud Süß".

Über Loos' Rolle im Nationalsozialismus schreibt Dr. Kilthau: "Ein aktiver Nationalsozialist war Theodor Loos nach Aussagen von Verwandten, Kollegen und nach Aktenlage sicherlich nicht." Theaterkollegen stufen ihn als klassischen Mitläufer ein, seine letzte Ehefrau Gisela Loos meint, er habe dem Regime "ziemlich naiv" gegenübergestanden, wie Kilthau von einem Gespräch im August 2004 berichtet. Der Schauspieler Bernhard Minetti erinnert sich, dass Loos bei der Kundgebung am 18. Februar 1943 anwesend war, als Goebbels den "totalen Krieg" verkündete: "Es gibt ein Foto von dieser Veranstaltung. Es sagt nichts anderes, als dass wir da waren", sagt Minetti über den Druck, den die Nazis auf Prominente ausgeübt hätten.

Nach dem Krieg musste Loos wegen seiner Arbeit ein zweijähriges Berufsverbot in Kauf nehmen. Seine Vergangenheit verfolgt ihn, obgleich er von vielen namhaften Kollegen als "menschlich und künstlerisch einwandfrei" (Paul Verhoeven) rehabilitiert wird. Nach dem Krieg wechselt er ans Stuttgarter Theater. Theodor Loos wird als Altmeister und Grandseigneur der Szene gefeiert. In Carl Zuckmeyers Memoiren erscheint ein Bild von Loos in der Rolle des Kaisers im "Schelm von Bergen".

Theodor Loos stirbt am 27. Juni 1954 bei einer Gallenoperation. Die Feuilletons bedankten sich in großen Worten. In einem Beileidsschreiben bezeichnet ihn der Zwingenbegrer Bürgermeister Alfred Kiel als "erhabenen Vertreter einer großen Schauspieler-Generation".

Mit seiner jüngsten Veröffentlichung hat Dr. Fritz Kilthau eine Lebensgeschichte erzählt, die sowohl den lokalen Aspekt als auch den zeitgeschichtlichen Hintergrund beleuchtet, vor dem Theodor Loos Karriere gemacht hat. Kilthau forschte unter anderem im Berliner Bundesarchiv sowie in den Staatsarchiven Ludwigsburg und Sigmaringen. Die erste - namentliche - Begegnung mit Theodor Loos machte Kilthau im Rahmen der Nachforschungen für sein Buch "Mitten unter uns", das die Ereignisse in Zwingenberg in den Jahren von 1933 bis 1945 erklärt.

Erhältlich ist das Heft zum Preis von 2,50 Euro im Bürgerbüro der Stadt Zwingenberg und (am Wochenende) im Geopark Informationszentrum im "Löwen". Erhältlich ist die Broschüre auch direkt über den Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge. Am 6. September (Mittwoch) wird Fritz Kilthau um 20 Uhr im katholischen Pfarrzentrum einen Bildvortrag über Theodor Loos halten Veranstalter sind der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge, der Geschichtsverein Zwingenberg sowie die beiden Kirchengemeinden.
Bergsträßer Anzeiger - 4. August 2006


Artikel im "Bergsträßer Anzeiger" vom 26. Juli 2008

Neuauflage der Loos-Biografie
AK Synagoge: Fritz Kilthau hat Broschüre überarbeitet

Zwingenberg. Am 18. Mai wäre Theodor Loos - im Jahre 1883 in einem Haus an der Darmstädter Straße in Zwingenberg geboren - 125 Jahre alt geworden.
Zu diesem Anlass veröffentlichte das "Amtsblatt der Landeshauptstadt Stuttgart", das offizielle Publikationsorgan der Stadt, einen Artikel mit dem Titel "Star des Stummfilms und Staatsschauspieler" - dieser Beitrag basierte auf der von Dr. Fritz Kilthau verfassten und vom Verein "Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge" herausgegebenen Broschüre "Theodor Loos - ein berühmter Film- und Theaterschauspieler aus Zwingenberg an der Bergstraße".
Loos war viele Jahre am Staatstheater Stuttgart engagiert und zählte dort zu den bedeutendsten Schauspielern der Nachkriegszeit. Im Jahr 1951 hatte er den Titel "Württembergischer Staatsschauspieler" erhalten; beim Staatsakt zur Feier des Inkrafttretens der Verfassung von Baden-Württemberg 1953 war er als Rezitator verpflichtet. Nach seinem Tod 1954 wurde er auf dem Stuttgarter Waldfriedhof beerdigt.
Der Artikel im Stuttgarter Amtsblatt hatte zur Folge, dass in wenigen Tagen die Broschüre vergriffen war - viele Stuttgarter bestellten sie telefonisch, übers Internet oder postalisch.
Die jetzt erschienene, grundlegend überarbeitete Neuauflage enthält auf 56 Seiten 20 Bilder und 11 Dokumente.
Die Broschüre kann wie bisher im Bürgerbüro der Stadtverwaltung Zwingenberg, im Geopark-Informationszentrum (Löwenplatz 1) erworben werden. Bestellungen sind auch im Internet unter www.arbeitskreis-zwingenberger-synagoge.de möglich. zg

Bergsträßer Anzeiger
26. Juli 2008
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